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Individuen und ihre sozialen Beziehungen

von Prof. Dr. Marina Hennig

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[1.] Mhg/Fragment 047 07 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2017-03-17 23:17:47 Schumann
Donko 1999, Fragment, Gesichtet, Mhg, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
23.95.97.29
Gesichtet
Yes
Untersuchte Arbeit:
Seite: 47, Zeilen: 7-37, 101-103
Quelle: Donko 1999
Seite(n): 1 (Internetquelle), Zeilen: –
Luhmann verbannt in seiner Theoriekonstruktion die Individuen in den Randbezirk der Systeme. Der Hauptschlüssel für die Systemtheorie schlechthin liegt im binären Schema der theoriekonstitutiven Unterscheidung von System und Umwelt. Diese Differenz hat bei Luhmann paradigmatischen Charakter und unterläuft so andere erkenntnisleitende Gegensätze in der Soziologie, wie das von Gemeinschaft und Gesellschaft. Bei der Luhmannschen Systemtheorie geht die Ausdifferenzierung von unpersönlichen und individualisierten, persönlichen Beziehungen in der funktional aufgelösten Gesellschaft ineinander über. In der funktional differenzierten Gesellschaft intensiviert sich das Maß der unpersönlichen Beziehungen zwischen Menschen in einem bisher nicht gekannten Umfang. In jedem „psychischen System“10 ist ein grundsätzlich offener Zugang zu allen Funktionskreisen der Gesellschaft vorhanden, so dass Beobachtungen mit einer immensen Steigerung der System-Umwelt-Referenzen auskommen müssen. Personen sind deshalb veranlasst, immer wieder zwischen unterschiedlichen sozialen Systemen ihrer Umwelt zu wechseln. Damit wird gleichzeitig ein Moment der Ungebundenheit und der Entwurzelung in die soziale (Selbst-)Wahrnehmung eingeführt. Jedenfalls muss, so Luhmann, "die Person [...] als sozial ortlos vorausgesetzt werden" (Luhmann 1996: 16). Eine solche Ortlosigkeit drückt sich nicht nur in der Ausdifferenzierung der funktionalen, unpersönlichen Beziehungen aus, sondern in der gleichzeitigen Intensivierung und Verdichtung von persönlichen Beziehungen. Im Zusammenhang damit setzt eine Schärfung der Selbst- und Weltbezüge auf den Menschen als Individuum ein.

Mit der Freisetzung des Individuums aus den festen Bezügen einer differenzierten Gesellschaftsordnung wird eine definitorische Leerstelle in der Selbstwahrnehmung von Individuen entblößt, die diese auf sich selbst verwiesen ausfüllen müssen (vgl. Luhmann 1996: 17). Wenn in der Gesellschaftsordnung keine Erklärung mehr dafür zu finden ist, was ein Individuum ist und an welchen Platz es gehört, so obliegt es dem Individuum selbst, sich und seine Welt mit Definitionen und Legitimationen zu versehen.

Die Individualisierung der Welt- und Wirklichkeitsbezüge ist das Resultat einer Ausdehnung der nicht-individuellen Bezüge in der funktional differenzier-[ten Gesellschaft.]


10 Im Sprachgebrauch der Systemtheorie wird das Bewusstsein unter dem Begriff „psychisches System“ subsumiert. Damit ist gemeint, dass das menschliche Bewusstsein ein System ist, dessen Elemente die einzelnen Gedanken sind.


Luhmann, Niklas (1996) Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Franfurt/Main [sic].

Auch wenn diese Untersuchungen ein anderes Bild vermitteln könnten, so richtet sich das Hauptaugenmerk der Systemtheorie keinesfalls auf Individuen, sondern sie gehören eher zum Randbezirk der sozialen Systeme, deren theoretische Explikation Luhmanns Projekt die größte Aufmerksamkeit widmet.

[...]

Der Hauptschlüssel schlechthin für die Systemtheorie ist im eigentlichen Sinne eher ein Zugangscode mit binärem Schema: es handelt sich um die theoriekonstitutive Unterscheidung von System und Umwelt. Diese Differenz nimmt bei Luhmann einen paradigmatischen Ort ein und unterläuft so andere, erkenntnisleitende Oppositionen in den Sozialwissenschaften (wie z.B. jene von Individuum versus Kollektiv, Gemeinschaft und Gesellschaft, Macht versus Ohnmacht, Handlung versus Institution etc.).

[...]

Halten wir nochmal fest: die Ausdifferenzierung von unpersönlichen und individualisierten, persönlichen Beziehungen gehen in der funktional aufgelösten Gesellschaft Hand in Hand.

[...]

In der funktional differenzierten Gesellschaft intensiviert sich das Maß der unpersönlichen Beziehungen zwischen Menschen in einem vorher nicht gekanntem Umfang. Jedem psy- chischen [sic] System ist grundsätzlich der Zugang zu allen Funktionskreisen der Gesellschaft offen, so daß Beobachtungen mit einer immensen Steigerung der System-Umwelt-Referenzen auskommen müssen. Personen sind deshalb veranlasst, zwischen unterschiedlichen sozialen Systemen ihrer Umwelt zu rochieren, womit gleichzeitig ein Moment der Ungebundenheit und der Entwurzelung in die soziale (Selbst-) Wahrnehmung [sic] eingeführt wird. Jedenfalls muß, so Luhmann, "die Person...als sozial ortlos vorausgesetzt werden."30

Diese Ortlosigkeit drückt sich nicht nur in der Ausdifferenzierung der funktionalen, unper-önlichen [sic] Beziehungen aus. Die Kehrseite dieser Entwicklung verheißt nämlich gleichzeitig eine Intensivierung und Verdichtung persönlicher Beziehungen. Im Zusammenhang damit setzt eine Focussierung [sic] der Selbst- und Weltbezüge auf den Menschen als Individuum ein.

Die Freisetzung des Individuum aus den fixen Bezügen einer (z.B. stratifikatorisch differenz- ierten [sic]) Gesellschaftsordnung entblößt eine definitorische Leerstelle in der Selbstwahr-nehmung [sic] von Individuen und sie sind auf sich selbst verwiesen, sie zu füllen.31

Wenn in der Gesellschaftsordnung nicht mehr der Schlüssel zur Erklärung dafür zu finden ist, was ein Individuum ist und an welchen Platz jedes einzelne hingehört, so obliegt es dem Individuum selbst, sich und seine Welt mit Definitionen und Legitimationen etc. zu versehen.

[...]

Zur Individualisierung der Welt- und Wirklichkeitsbezüge konnte es nämlich nur kommen, weil in der funktional differenzierten Gesellschaft eine Ausdehnung der nicht-individuellen Bezüge stattfand.

[...]

Am Beispiel des menschlichen Bewußtseins kann dies näher erläutert werden: im Sprach- gebrauch [sic] der Systemtheorie wird das Bewußtsein unter dem Begriff "psychisches System" subsummiert [sic]. Damit ist gesagt, daß auch das Bewußtsein ein System ist, dessen Elemente die einzelnen Gedanken sind.


[28 Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Ffm.1996, S.22]

30 Niklas Luhmann, Liebe als Passion, a.a.O., S.16

31 vgl.: ebd., S.17

Anmerkungen

Kein Hinweis auf die Quelle (eine an der Universität Freiburg/Brsg. eingereichte und im GRIN-Verlag veröffentlichte studentische Seminararbeit), die in der untersuchten Arbeit nirgends genannt wird.

Luhmann (1996) wird – abgesehen vom Literaturverzeichnis – in der gesamten Habilitationsschrift lediglich auf dieser Seite erwähnt.

Fortsetzung in Fragment 048 01.

Sichter
(23.95.97.29) Schumann


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