FANDOM


Individuen und ihre sozialen Beziehungen

von Prof. Dr. Marina Hennig

vorherige Seite | zur Übersichtsseite | folgende Seite
Statistik und Sichtungsnachweis dieser Seite findet sich am Artikelende
[1.] Mhg/Fragment 052 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2017-03-07 14:52:07 Schumann
Donati 1989, Fragment, Gesichtet, Mhg, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
SleepyHollow02
Gesichtet
Yes
Untersuchte Arbeit:
Seite: 52, Zeilen: 1 ff. (kpl.)
Quelle: Donati 1989
Seite(n): 256, 257, Zeilen: 256: 23 ff.; 257: 1 ff.
Die Gemeinschaft als Beziehungsform wird von Tönnies als Grundbedingung aufgefasst, die das „vernünftige Individuum“ aus dem Willen der Rechtsvernunft heraus erfüllen muss, die jedoch mit den Regeln einer auf Entwicklung ausgerichteten Aufklärung nicht zu erfassen ist.

Die Gemeinschaft besteht nach Tönnies fort,

„weil die Urerinnerung an ein gemeinschaftliches Recht, das ,mit uns geboren ist’ schlummernd, wie das Weizenkorn in einer Mumie, jedoch der Entwicklung fähig, in der Volksseele sich erhalten hat“ (Tönnies [1887] 1991 : 184).

Später setzt er fort

„[...] da die gesamte Kultur in gesellschaftliche und staatliche Zivilisation umgeschlagen ist, so geht in dieser ihrer verwandelten Gestalt die Kultur selber zu Ende; es sei denn, dass ihre zerstreuten Keime lebendig bleiben, dass Wesen und Ideen der Gemeinschaft wiederum genährt werden und neue Kulturen innerhalb der untergehenden heimlich entfalten“ (Tönnies [1887]1991 : 215).

Das bedeutet, dass es stets da, wo Menschen zusammen sind, egal ob sie sich durch ihren Kürwillen voneinander unterscheiden oder vereint sind, gemeinschaftliche Elemente gibt, die aus einem wechselseitigen, gemeinsam verbindenden Gefühl resultieren.

Die gemeinsame Vernunft und Sprache als Erfordernis für die Entstehung von sozialen Beziehungen erlangt ihre dazugehörige Lebendigkeit aus dem gemeinsamen geistigen Erfassen und macht das gemeinschaftliche Element aus, welches eine dauerhafte und notwendige Folie für die reale Fähigkeit des Zusammenlebens im Verständnis eines sozialen Lebens darstellt.

2.2 Zur Bedeutung der sozialen Beziehung

Vor dem Hintergrund des eben gesagten [sic] ist es mein Ziel, die Tönniessche Theorie in Bezug auf die heutige Gesellschaft als wechselseitige Durchdringung von Gemeinschaft und Gesellschaft darzustellen. Damit möchte ich die Position von Habermas vertiefen, die mit der folgenden Forschungsrichtung deutlich wird.

„Die Beschränkung des Wachstums monetär-administrativer Komplexität ist keineswegs gleichbedeutend mit der Preisgabe moderner Lebensformen. In strukturell ausdifferenzierten Lebenswelten prägt sich ein Vernunftpotential aus, das nicht auf den Begriff der Steigerung von Systemkomplexität gebracht werden kann“ (Habermas 1981 1:10).
Die Beziehungsform der Gemeinschaft wird hier als «Grundbedingung» verstanden, die das «vernünftige Subjekt» um einer Rechtsvernünftigkeit willen erfüllen muß, die die Regeln einer evolutionistisch ausgerichteten Aufklärung nicht erfassen können, welche in unseren Tagen - wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise - von Habermas ebenso aufgegriffen wird wie von Luhmann.

In diesem Rahmen, so glaube ich, müssen wir die Sicht von Tönnies da neu interpretieren, wo er sich elem Fortbestand der Gemeinschaft folgendermaßen zuwendet: «die Urerinnerung an ein gemeinschaftliches Recht, das 'mit uns geboren ist', [hat sich] schlummernd, wie das Weizenkorn in einer Mumie, jedoch der Entwicklung fähig, in der Volksseele (...) erhalten» (28), und wo er später wieder ansetzt: «da die gesamte Kultur in gesellschaftliche und staatliche Zivilisation umgeschlagen ist, so geht in dieser ihrer verwandelten Gestalt die Kultur selber zu Ende; es sei denn, daß ihre zerstreuten Keime lebendig bleiben, daß Wesen und Ideen der Gemeinschaft wiederum genährt werden und neue Kultur innerhalb der untergehenden heimlich entfalten» (29).

Kurz: Dort, wo die Menschen (noch) zusammenstehen und nicht auseinander-

[Seite 257]

treiben oder sich gegenseitig bis zum Zustand der Pathologien bekämpfen, der zur Auflösung der sozialen Beziehungen führt, bleibt - mögen sie auch noch so sehr nach ihrem Kürwillen voneinander unterschieden oder miteinander vereint sein - stets ein gemeinschaftliches Element im wechselseitigen, gemeinsamen, assoziativen Empfinden bestehen.

Neue Anreize zur und neue Bedürfnisse nach sozialen Beziehungen erfordern notwendigerweise auch die Vernunft und die Sprache und können nur dadurch physiologische Lebendigkeit erlangen, daß sie eine Phase des «geistigen Zusammen-Erfassens» (30) durchlaufen. Dies macht das gemeinschaftliche Element aus, bildet eine dauerhafte und notwendige Wirklichkeitsschicht des als Fähigkeit zum Zusammen-Leben verstandenen sozialen Lebens.

3. Die Gesellschaft als (gemeinschaftliches und funktionales) «Netz»

3.1. Von den pattern variables zur sozialen Beziehung

Unter dem Blickwinkel des eben Gesagten möchte ich im folgenden eine neue Art und Weise der Interpretation sowohl der Tonniesschen Theorie wie der Existenzform der gegenwärtigen Gesellschaft als wechselseitige Durchdringung von Gemeinschaft und Gesellschaft darstellen. Damit stelle ich mir als Aufgabe, die Position von J. Habermas zu vertiefen, die anhand der folgenden Forschungsrichtung deutlich wird: «Die Beschränkung des Wachstums monetär-administrativer Komplexität ist keineswegs gleichbedeutend mit der Preisgabe moderner Lebensformen. In strukturell ausdifferenzierten Lebenswelten prägt sich ein Vernunftpotential aus, das nicht auf den Begriff der Steigerung von Systemkomplexität gebracht werden kann» (31).


(28) Ebenda [Tönnies], S. 184.

(29) Ebenda, S. 215.

(30) Ebenda, S. 17.

(31) Vgl. J. HABERMAS, a.a.O., Bd. I, Vorwort zur 1. Auflage, S. 10.

Anmerkungen

Fortsetzung von der Vorseite.

Kein Hinweis auf die eigentliche Quelle.

Interessant ist zu Beginn von Kap. 2.2 die Übernahme der ersten Person Singular (unter Hintanstellung des allgemeinen wissenschaftssprachlichen Ich-Verbots). Dass sich vor der Verfasserin 2005 schon Donati 1989 zur Aufgabe machte, die Position von Habermas 1981 zu vertiefen, erfährt der Leser nicht.

Sichter
(SleepyHollow02) Schumann


vorherige Seite | zur Übersichtsseite | folgende Seite
Letzte Bearbeitung dieser Seite: durch Benutzer:Schumann, Zeitstempel: 20170202000113

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.