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Mra/Fragment 138 01

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Typus
Verschleierung
Bearbeiter
Klgn
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 138, Zeilen: 1-37
Quelle: Lipp 1994
Seite(n): 102, 103, 104, 105, 108, Zeilen: 102: 23 ff., 103: 1 ff., 104: 1 ff., 105: 4 ff., 108: 16 ff.
[Die Aufgabe muss vor Ort europäisch bewältigt werden und man kann ihr nicht ausweichen, indem man abstellt auf ein rein äußerliches perfektes,] multikulturell Imaginäres. Europa weist zunächst ganz bestimmte, kulturgeschichtlichgeistige Konturen auf: Freiheit, Rationalität, Selbstverwaltung und Demokratie; Individualismus und Personalität; Konkurrenz und Kritik, Reflexivität und Fähigkeit zu Renaissancen, zur Reform, zur Erneuerung.560 Soziologisch gesehen haben diese Eigenschaften das langfristige Wirken bestimmter, für Europa typischer Mechanismen der „sozialen Differenzierung“ zur Voraussetzung: so die Mechanismen der Differenzierung von weltlicher und geistlicher Macht, d.h. historisch: ursprünglich von Kaiser und Papst; Mechanismen der Differenzierung von Feudalherrschaft und genossenschaftlicher Selbstverwaltung, d.h. historisch: der Herausbildung der europäischen Stadt; und ferner die Entstehung von Märkten, Fachverwaltungen von Recht und Wissenschaft, von parlamentarischen Körperschaften. In politisch-praktischer Sicht ergibt sich heute die Alternative, ob ein vereinigtes Europa aus einem Guss, gleichsam als „Supernation“ zu bilden sei, mit gestärktem Parlament, einer Länderkammer und einer Zentralregierung bzw. dem Europäischen Rat, der vermehrte, bisher national verfasste, politische Funktionen, bis hin zur Verteidigung und Außenpolitik, an sich zieht oder ob alle entscheidenden souveränen Rechte bei den bisherigen europäischen Nationalstaaten verbleiben sollten.

Natürlich zeigt sich sofort, dass Fragen, wie sie hier angeschnitten werden, nicht rein theoretisch gelöst werden können. Problematisch zeigt sich vor allem der Umstand, dass Europa heute eine sehr komplexe Größe geworden ist. Zum EG-Europa, das Spannungen von Nord nach Süd, schon in sich aufweist, sind Mittel- und Osteuropa getreten, beide mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Potentialen, die am Ende nur abgestuft, mit sehr unterschiedlichen Integrationsgeschwindigkeiten, in ein übergreifendes System zu bringen wären. Und vielleicht wichtiger noch die Barriere, dass ein supranationales, noch zu schaffendes Europa, das zwangsläufig unter chronischer politischer Aufgabenüberlastung stehen müsste, zunehmenden Schwierigkeiten der Legitimitäts- und Konsensbeschaffung ausgesetzt wäre.

In Deutschland hat man die Erfahrung, dass man mit bislang fremden ethno-kulturellen Gruppen zusammenlebt, am Beispiel von Gastarbeitern schon mindestens seit dreißig Jahren zusammenwirtschaftet und die Erfahrung gemacht hat, dass man Millionen Fremde im Lande aufnehmen und integrieren konnte. Eine andere, nicht weniger wichtige Quelle der gegenwärtigen, längst praktizierten, realen europäischen Multikulturalität ist der Tourismus, jener auf dem Austausch von Kulturgütern, Kulturtechniken, Kultursymbolen beruhender riesiger Wirtschaftszweig, ohne den ein modernes Leben gar nicht mehr denkbar wäre; Schließlich darf auch die Verbreitung der Bildwelt des Multikulturalismus nicht verkannt werden: Die Massenmedien, besonders das Fernsehen, haben die Welt bekanntlich zum Dorf gemacht, in dem jeder alles möglichst hautnah erlebt und sie haben auch auf diese Weise dazu beigetragen, obsolete provinzialistische oder nationalistische Handlungsschemata aufzulösen.


560 Vgl. auch Kluth, ZAR 2007, 20.

[Seite 102]

These 8

Zur ersten Frage: Was ist Europa? Europa weist zunächst ganz bestimmte, kulturgeschichtlich-geistige Konturen auf, und ich nenne nur die Stichworte dazu (vgl. a. Lipp, 1991): Freiheit; Rationalität; Genossenschaftlichkeit, Selbstverwaltung und Demokratie; Individualismus und Personalität; Konkurrenz und Kritik; Reflexivität und Fähigkeit zu Renaissancen, zur Reform, zur Erneuerung (vgl. a. Morin, 1988).

Soziologisch gesehen haben diese Eigenschaften das langfristige Wirken bestimmter, für Europa typischer, Mechanismen der „sozialen Differenzierung“ zur Voraussetzung: so die Mechanismen der Differenzierung von weltlicher und geistlicher Macht, d.h. historisch: ursprünglich von Kaiser und Papst; Mechanismen der Differenzierung von Feudalherrschaft und genossenschaftlicher Selbstverwaltung, d.h. historisch: der Herausbildung der europäischen „Stadt“; und ferner die Entstehung von Märkten, Fachverwaltungen, von Recht und Wissenschaft, von parlamentarischen Körperschaften.

[Seite 103]

These 9

Politisch-praktisch ergibt sich heute die Alternative, ob a) ein vereinigtes Europa aus einem Guß, gleichsam als „Supernation“, zu bilden sei, mit gestärktem Parlament, einer Länderkammer und einer Zentralregierung bzw. dem Europäischen Rat, der vermehrte, bisher national verfaßte, politische Funktionen, bis hin zur Verteidigung und Außenpolitik, an sich zieht (vgl. zu dieser Option bes. Weidenfeld, 1991), oder ob b) alle entscheidenden souveränen Rechte bei den bisherigen europäischen Nationalstaaten verbleiben sollen.

[...]

Natürlich zeigt sich sofort, daß Fragen, wie sie hier aufgeworfen werden, weder nur am grünen Tisch noch im Sinne von Optionen entschieden werden können, die sich auf vorgefaßte abstrakte Werteskalen - eine bestkonzipierte europäische Utopie, ein Modelleuropa - beziehen. Mindestens zwei - konkret limitierende - Bedingungen, wie die gegenwärtige politische Praxis sie vorgibt, laufen dem entgegen:

Erstens der Umstand, daß Europa heute eine sehr komplexe, soziopolitisch vibrierende, planerisch teilweise ungreifbare Größe geworden ist: Zum EG-Europa - das Spannungen, z.B. von Nord nach Süd, schon in sich aufweist - sind Mittel- und Osteuropa getreten, beide mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Potentialen, die am Ende nur abgestuft, mit sehr unterschiedlichen Integrationsgeschwindigkeiten, in ein übergreifendes System zu bringen wären (vgl. f.a. Bodzenta, 1990, mit weiteren Literaturhinweisen); und zweitens, und vielleicht wichtiger noch, die Barriere, daß ein supranatio-

[Seite 104]

nales, noch zu schaffendes Europa, das zwangsläufig unter chronischer politischer Aufgabenüberlastung stehen müßte, zunehmenden Schwierigkeiten der Legitimitäts- und Konsensbeschaffung ausgesetzt wäre.

[Seite 105]

These 11

[...] In Deutschland etwa hat man die Erfahrung, daß man mit bislang fremden ethnokulturellen Gruppen zusammenleben, zusammenwirtschaften, „zusammenkommen“ kann, am Beispiel von „Gastarbeitern“ wie Italienern, Griechen, Türken mindestens seit dreißig Jahren gemacht, und die Erfahrung, daß man elf Millionen „Fremde“ - ich meine jene Heere von Flüchtlingen und Vertriebenen, die sogenannten Volksdeutschen - im Lande aufnehmen und „integrieren“ konnte (vgl. f.a. Frantzioch, 1987, mit ausführlicher „kommentierter Bibliographie“, S. 279-411), reicht noch weiter zurück. Eine andere, nicht weniger wichtige Quelle der gegenwärtigen, längst praktizierten, realen europäischen Multikulturalität ist der Tourismus, jener auf dem Austausch von Kulturgütern, Kulturtechniken, Kultursymbolen beruhende riesige Wirtschaftszweig, ohne den modernes Leben gar nicht mehr denkbar wäre; [...] als dritte Quelle schließlich, die Multikulturalität trägt und zumindest indirekt stets präsent hält, nenne ich die Bildwelt, die Programmschemata, die Deutungsangebote der Massenmedien, besonders des Fernsehens; sie haben die Welt bekanntlich zum Dorf gemacht, in dem jeder alles möglichst hautnah erlebt, und auf ihre Weise dazu beigetragen, obsolete provinzialistische oder nationalistische Handlungsschemata aufzulösen.

[Seite 108]

Sie muß vor Ort, europäisch, bewältigt werden, und man kann ihr nicht ausweichen, indem man abspringt ins bloß Allgemeine, Globale, ein schillerndes, multikulturell Imaginäres.

Anmerkungen

Kein Hinweis auf die Quelle.

Sichter
(Klgn), SleepyHollow02

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