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Quelle:Mra/Lipp 1994

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Angaben zur Quelle [Bearbeiten]

Autor     Wolfgang Lipp
Titel    Regionen, Multikulturalismus und Europa: Jenseits der Nation?
Sammlung    Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften
Herausgeber    Bernd Estel / Tilman Mayer
Ort    Opladen
Jahr    1994
Seiten    97 ff.

Literaturverz.   

ja
Fußnoten    ja
Fragmente    4


Fragmente der Quelle:
[1.] Mra/Fragment 135 13 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2016-05-19 18:44:02 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Lipp 1994, Mra, SMWFragment, Schutzlevel sysop

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
SleepyHollow02
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 135, Zeilen: 13-38
Quelle: Lipp 1994
Seite(n): 97 f., Zeilen: 97: 24 ff.; 98: 1 ff.
Im Geflecht regionaler, nationaler und übernationaler Bezüge, wie es in Europa zu finden ist, zählt Multikulturalität heute zu den soziokulturellen Basiserfahrungen.553 Eingelagert in die Lebenswelt (ausländischer Arbeitnehmer, Minoritäten, Touristen, etc.) ist sie insoweit längst europäische Selbstverständlichkeit. Davon abgehoben kursiert Multikulturalität als abstrakte ideologische Formel, die auf Entgrenzungen aller Art abzielt. Sie vermischt die Idylle potentieller interethnischer Nachbarschaft mit dem Ernstfall weltweiter Migration, schleichender Unterschichtung und steigender sozialer Aggressivität. Dabei zeigt sich, wie vor allem das Beispiel der USA sichtbar macht, dass hinter der Idylle nicht Harmonie, sonder [sic] latente, ethnische Ressentiments oder gar die Potentiale zu einem umfassenden antiwestlichen Zivilisationskonflikt stecken. Jede nähere soziologische Analyse der Zusammenhänge wird jedoch darauf achten, monokausale Zuordnungen zu vermeiden.554 Sie wird vielmehr auf die Faktoren in Mehrebenenmodellen verknüpfen und zeigen, wie Nationen, Regionen, europäische Mechanismen wechselweise, vielschichtig und vernetzt ineinander greifen. Es ergibt sich, dass Nationalstaaten als oberstes politisches Ordnungsschema zwar ihr Monopol verlieren, als wichtige untergeordnete soziale Steuerungsinstanz, z.B. für die Pflege des kulturellen Erbes, aber erhalten bleiben. Multikulturalismus stellt demgegenüber, anders als es für Regionen gilt, weniger einen Ordnungsfaktor als einen Faktor von Irritationen dar. Sie ist „Umwelt“ gleichsam höheren Grades, erzeugt im System Turbulenzen und weist bestimmte, im Einzelnen zu ermittelnde, stabilitätskritische Grenzwerte auf. Die Entwicklungen, die im Gange sind, geben der Nation auf Dauer aber veränderten, in der Reichweite zurückgenommenen Stellenwert, und es wäre historisch wie politisch falsch, in diese Lage zurückzukehren und in Europa erneut auf die Ordnungslogik etwa der alten, politisch rechtlich ebenso exklusiven wie restriktiven, nationalstaatlichen Souveränität zurückzufallen. So sehr man inzwischen beobachten kann, dass die Idee des Nationalen heute selbst Intellektuelle bewegt, die bisher anational, wenn nicht antinational zu argumentieren pflegten, so sehr ist doch daran festzuhalten, dass die großen politischen Aufgaben der Gegenwart längst nicht mehr nur auf „Nation“ oder [„Wiederherstellung der Nation“ lauten können, sondern Europa heißen und die Schaffung einer die Nationalitäten übergreifenden, größeren „Europäischen Staatenordnung“ bedeuten.]

553 Vgl. Thym, ZAR 2006, 184 für Großbritannien; Papayannis, ZAR 2006, 399 für Griechenland.

554 Lipp, in: Estel/Mayer, Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften, Opladen 1994, S. 97.

Im Geflecht regionaler, nationaler und übernationaler Bezüge, wie es in Europa vorliegt, zählt „Multikulturalität“ heute zu den alltagspraktischen soziokulturellen Basiserfahrungen. Eingelagert in die Lebenswelt (ausländische Arbeitnehmer, Minoritäten, Touristen etc.), ist sie insoweit längst erprobte europäische Selbstverständlichkeit. Davon abgehoben

[Seite 98]

kursiert „Multikulturalismus“ als abstrakte ideologische Formel, die auf Entgrenzungen aller Art abzielt; sie vermischt die Idylle potentieller interethnischer Nachbarschaft mit dem Ernstfall weltweiter Migration, schleichender Unterschichtung und steigender sozialer Agressivität [sic]. Dabei zeigt sich, wie vor allem das Beispiel der USA sichtbar macht, daß hinter der Idylle nicht Harmonie, sondern latente, antiwestliche ethnische Ressentiments, besonders der Bevölkerungsanteile der Farbigen, ja die Potentiale zu einem umfassenden antiwestlichen Zivilisationskonflikt stecken.

Jede nähere soziologische Analyse der Zusammenhänge wird darauf achten, monokausale (monofinale) Zuordnungen zu vermeiden; sie wird vielmehr die Faktoren in Mehrebenenmodellen verknüpfen und zeigen, wie Nationen, Regionen, europäische Mechanismen wechselweise, vielschichtig und vernetzt ineinandergreifen. Es ergibt sich, daß Nationalstaaten als oberstes politisches Ordnungsschema zwar ihr Monopol verlieren, als wichtige untergeordnete soziale Steuerungsinstanz (z. B. für diverse sozioökonomische „Transfers“, für die Pflege des „kulturellen Erbes“, für Vorsorgen „ökologischer“ Art) aber erhalten bleiben. Multikulturalismus stellt demgegenüber - anders als es für Regionen gilt - weniger einen Ordnungsfaktor als einen Faktor von Irritationen dar; sie ist „Umwelt“ gleichsam höheren Grades, erzeugt im System Turbulenzen und weist bestimmte, im einzelnen zu ermittelnde, stabilitätskritische Grenzwerte auf.

[...] Deutschland ist in der Tat wiederhergestellt; die Entwicklungen, die im Gange sind, geben der Nation auf Dauer doch aber veränderten, in der Reichweite zurückgenommenen Stellenwert, und es wäre historisch wie politisch falsch, in dieser Lage umzukippen ins Restaurative und in Europa erneut auf die Ordnungslogik etwa der alten, politisch(rechtlich) ebenso exklusiven wie restriktiven, nationalstaatlichen Souveränitäten zurückzufallen. So sehr man inzwischen beobachten kann, daß die Idee des Nationalen heute selbst Intellektuelle bewegt, die bisher anational, wenn nicht antinational zu argumentieren pflegten - so daß Wendehalseffekte ganz besonderer Art auftreten -, so sehr ist doch daran festzuhalten, daß die großen politischen Aufgaben der Gegenwart längst nicht mehr nur auf „Nation“ - oder „Wiederherstellung der Nation“ - lauten können, sondern Europa heißen und die Schaffung einer die Nationalitäten übergreifenden, größeren „Europäischen Staatenordnung“ bedeuten.

Anmerkungen

Die Quelle ist in Fn. 554 genannt. Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme gehen daraus nicht hervor.

Sichter
(SleepyHollow02) Schumann

[2.] Mra/Fragment 138 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2016-06-01 19:20:24 Klgn
Fragment, Gesichtet, Lipp 1994, Mra, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
Klgn
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 138, Zeilen: 1-37
Quelle: Lipp 1994
Seite(n): 102, 103, 104, 105, 108, Zeilen: 102: 23 ff., 103: 1 ff., 104: 1 ff., 105: 4 ff., 108: 16 ff.
[Die Aufgabe muss vor Ort europäisch bewältigt werden und man kann ihr nicht ausweichen, indem man abstellt auf ein rein äußerliches perfektes,] multikulturell Imaginäres. Europa weist zunächst ganz bestimmte, kulturgeschichtlichgeistige Konturen auf: Freiheit, Rationalität, Selbstverwaltung und Demokratie; Individualismus und Personalität; Konkurrenz und Kritik, Reflexivität und Fähigkeit zu Renaissancen, zur Reform, zur Erneuerung.560 Soziologisch gesehen haben diese Eigenschaften das langfristige Wirken bestimmter, für Europa typischer Mechanismen der „sozialen Differenzierung“ zur Voraussetzung: so die Mechanismen der Differenzierung von weltlicher und geistlicher Macht, d.h. historisch: ursprünglich von Kaiser und Papst; Mechanismen der Differenzierung von Feudalherrschaft und genossenschaftlicher Selbstverwaltung, d.h. historisch: der Herausbildung der europäischen Stadt; und ferner die Entstehung von Märkten, Fachverwaltungen von Recht und Wissenschaft, von parlamentarischen Körperschaften. In politisch-praktischer Sicht ergibt sich heute die Alternative, ob ein vereinigtes Europa aus einem Guss, gleichsam als „Supernation“ zu bilden sei, mit gestärktem Parlament, einer Länderkammer und einer Zentralregierung bzw. dem Europäischen Rat, der vermehrte, bisher national verfasste, politische Funktionen, bis hin zur Verteidigung und Außenpolitik, an sich zieht oder ob alle entscheidenden souveränen Rechte bei den bisherigen europäischen Nationalstaaten verbleiben sollten.

Natürlich zeigt sich sofort, dass Fragen, wie sie hier angeschnitten werden, nicht rein theoretisch gelöst werden können. Problematisch zeigt sich vor allem der Umstand, dass Europa heute eine sehr komplexe Größe geworden ist. Zum EG-Europa, das Spannungen von Nord nach Süd, schon in sich aufweist, sind Mittel- und Osteuropa getreten, beide mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Potentialen, die am Ende nur abgestuft, mit sehr unterschiedlichen Integrationsgeschwindigkeiten, in ein übergreifendes System zu bringen wären. Und vielleicht wichtiger noch die Barriere, dass ein supranationales, noch zu schaffendes Europa, das zwangsläufig unter chronischer politischer Aufgabenüberlastung stehen müsste, zunehmenden Schwierigkeiten der Legitimitäts- und Konsensbeschaffung ausgesetzt wäre.

In Deutschland hat man die Erfahrung, dass man mit bislang fremden ethno-kulturellen Gruppen zusammenlebt, am Beispiel von Gastarbeitern schon mindestens seit dreißig Jahren zusammenwirtschaftet und die Erfahrung gemacht hat, dass man Millionen Fremde im Lande aufnehmen und integrieren konnte. Eine andere, nicht weniger wichtige Quelle der gegenwärtigen, längst praktizierten, realen europäischen Multikulturalität ist der Tourismus, jener auf dem Austausch von Kulturgütern, Kulturtechniken, Kultursymbolen beruhender riesiger Wirtschaftszweig, ohne den ein modernes Leben gar nicht mehr denkbar wäre; Schließlich darf auch die Verbreitung der Bildwelt des Multikulturalismus nicht verkannt werden: Die Massenmedien, besonders das Fernsehen, haben die Welt bekanntlich zum Dorf gemacht, in dem jeder alles möglichst hautnah erlebt und sie haben auch auf diese Weise dazu beigetragen, obsolete provinzialistische oder nationalistische Handlungsschemata aufzulösen.


560 Vgl. auch Kluth, ZAR 2007, 20.

[Seite 102]

These 8

Zur ersten Frage: Was ist Europa? Europa weist zunächst ganz bestimmte, kulturgeschichtlich-geistige Konturen auf, und ich nenne nur die Stichworte dazu (vgl. a. Lipp, 1991): Freiheit; Rationalität; Genossenschaftlichkeit, Selbstverwaltung und Demokratie; Individualismus und Personalität; Konkurrenz und Kritik; Reflexivität und Fähigkeit zu Renaissancen, zur Reform, zur Erneuerung (vgl. a. Morin, 1988).

Soziologisch gesehen haben diese Eigenschaften das langfristige Wirken bestimmter, für Europa typischer, Mechanismen der „sozialen Differenzierung“ zur Voraussetzung: so die Mechanismen der Differenzierung von weltlicher und geistlicher Macht, d.h. historisch: ursprünglich von Kaiser und Papst; Mechanismen der Differenzierung von Feudalherrschaft und genossenschaftlicher Selbstverwaltung, d.h. historisch: der Herausbildung der europäischen „Stadt“; und ferner die Entstehung von Märkten, Fachverwaltungen, von Recht und Wissenschaft, von parlamentarischen Körperschaften.

[Seite 103]

These 9

Politisch-praktisch ergibt sich heute die Alternative, ob a) ein vereinigtes Europa aus einem Guß, gleichsam als „Supernation“, zu bilden sei, mit gestärktem Parlament, einer Länderkammer und einer Zentralregierung bzw. dem Europäischen Rat, der vermehrte, bisher national verfaßte, politische Funktionen, bis hin zur Verteidigung und Außenpolitik, an sich zieht (vgl. zu dieser Option bes. Weidenfeld, 1991), oder ob b) alle entscheidenden souveränen Rechte bei den bisherigen europäischen Nationalstaaten verbleiben sollen.

[...]

Natürlich zeigt sich sofort, daß Fragen, wie sie hier aufgeworfen werden, weder nur am grünen Tisch noch im Sinne von Optionen entschieden werden können, die sich auf vorgefaßte abstrakte Werteskalen - eine bestkonzipierte europäische Utopie, ein Modelleuropa - beziehen. Mindestens zwei - konkret limitierende - Bedingungen, wie die gegenwärtige politische Praxis sie vorgibt, laufen dem entgegen:

Erstens der Umstand, daß Europa heute eine sehr komplexe, soziopolitisch vibrierende, planerisch teilweise ungreifbare Größe geworden ist: Zum EG-Europa - das Spannungen, z.B. von Nord nach Süd, schon in sich aufweist - sind Mittel- und Osteuropa getreten, beide mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Potentialen, die am Ende nur abgestuft, mit sehr unterschiedlichen Integrationsgeschwindigkeiten, in ein übergreifendes System zu bringen wären (vgl. f.a. Bodzenta, 1990, mit weiteren Literaturhinweisen); und zweitens, und vielleicht wichtiger noch, die Barriere, daß ein supranatio-

[Seite 104]

nales, noch zu schaffendes Europa, das zwangsläufig unter chronischer politischer Aufgabenüberlastung stehen müßte, zunehmenden Schwierigkeiten der Legitimitäts- und Konsensbeschaffung ausgesetzt wäre.

[Seite 105]

These 11

[...] In Deutschland etwa hat man die Erfahrung, daß man mit bislang fremden ethnokulturellen Gruppen zusammenleben, zusammenwirtschaften, „zusammenkommen“ kann, am Beispiel von „Gastarbeitern“ wie Italienern, Griechen, Türken mindestens seit dreißig Jahren gemacht, und die Erfahrung, daß man elf Millionen „Fremde“ - ich meine jene Heere von Flüchtlingen und Vertriebenen, die sogenannten Volksdeutschen - im Lande aufnehmen und „integrieren“ konnte (vgl. f.a. Frantzioch, 1987, mit ausführlicher „kommentierter Bibliographie“, S. 279-411), reicht noch weiter zurück. Eine andere, nicht weniger wichtige Quelle der gegenwärtigen, längst praktizierten, realen europäischen Multikulturalität ist der Tourismus, jener auf dem Austausch von Kulturgütern, Kulturtechniken, Kultursymbolen beruhende riesige Wirtschaftszweig, ohne den modernes Leben gar nicht mehr denkbar wäre; [...] als dritte Quelle schließlich, die Multikulturalität trägt und zumindest indirekt stets präsent hält, nenne ich die Bildwelt, die Programmschemata, die Deutungsangebote der Massenmedien, besonders des Fernsehens; sie haben die Welt bekanntlich zum Dorf gemacht, in dem jeder alles möglichst hautnah erlebt, und auf ihre Weise dazu beigetragen, obsolete provinzialistische oder nationalistische Handlungsschemata aufzulösen.

[Seite 108]

Sie muß vor Ort, europäisch, bewältigt werden, und man kann ihr nicht ausweichen, indem man abspringt ins bloß Allgemeine, Globale, ein schillerndes, multikulturell Imaginäres.

Anmerkungen

Kein Hinweis auf die Quelle.

Sichter
(Klgn), SleepyHollow02

[3.] Mra/Fragment 140 15 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2016-06-02 16:06:38 Klgn
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Lipp 1994, Mra, SMWFragment, Schutzlevel sysop

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Klgn
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 140, Zeilen: 15-20, 24-39
Quelle: Lipp 1994
Seite(n): 105, 106, Zeilen: 105: 31 ff., 106: 1 ff.
Von der real praktizierten, gegenwärtigen europäischen Multikulturalität zu unterscheiden ist dabei das ebenfalls aus den USA stammende, überzogene ideologische Postulat des Multikulturalismus. Es fordert die verschiedensten, in einem gegebenen soziokulturellen Raum, einem Territorium anzutreffenden und aufeinander treffenden ethno-kulturellen (sprachlichen, auch religiösen) Gruppen maßstabslos, ohne Ausrichtung an einem größeren, übergeordneten kulturellen Ganzen, „gleichgültig“ einander gleichzustellen. [...]

Gegen die (langfristige) Tragfähigkeit solcher Modelle spricht zunächst die drastische historische Erfahrung, dass multikulturelle Systeme wie Österreich-Ungarn, Südafrika, der Balkan oder der Nahe Osten oder auch ganz aktuell der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, politisch bisher gescheitert sind, unabhängig davon, welche Mittel sie einsetzten. Gegen die Machbarkeit praktikabler multikultureller Lösungen spricht aber auch die vorsichtige Prognose, dass Multikulturalismus, der über Asylanten- und Migrationsströme aller Art gleichsam heute frei Haus geliefert wird, mittelfristig zu neuer sozialer Armut zu Unterschichtungen und neuen Klassengegensätzen, also zu drohenden sozialen Konflikten und hohen Stabilitätsrisiken führen könnte. Im Maße, in dem die Systeme sich ethnisch aufkörnen, wachsen die zentripetalen Kräfte und sie gehen einher mit steigender, quer über die Gruppen laufender sozialer Aggressivität. Dies gilt dokumentiert z.B. für Paris: Die Vorstädte von Paris, Lyon und Marseille erlebten in den letzten Jahren Revolten, die sich von den Rassenunruhen in den Vereinigten Staaten nur wenig unterschieden. Die Polizei meidet bestimmte Stadtteile der „Banlieue“. Die Einheimischen ziehen aus den verrufenen „Cités“ aus, die Immigrés und ihre Nachkommen bleiben unter sich. Wie die Großfamilie bietet ihnen die Volksgruppe Rückhalt, schränkt zu-[gleich aber auch die Entscheidungsfreiheit und den Aufstieg des Einzelnen ein.]

[Seite 105]

These 12

Von der real praktizierten, gegenwärtigen europäischen Multikulturalität zu unterscheiden ist das aus den USA stammende, überzogene ideologische Postulat des „Multikulturalismus“; es fordert, die verschiedensten, in einem gegebenen soziokulturellen Raum - einem Territorium - anzutreffenden und aufeinandertreffenden ethnokulturellen (sprachlichen, auch religiösen) Gruppen maßstabslos, ohne Ausrichtung an einem größeren, übergeordneten kulturellen Ganzen, „gleichgültig“ einander gleichzustellen (vgl. f.a. Radtke, 1991). Gegen die Tragfähigkeit solcher Modelle spricht zunächst die drastische historische Erfahrung, daß multikulturelle - oder doch potentiell multikulturelle - Systeme wie Österreich-Ungarn (sc. die frühere „Donaumonarchie)“, Südafrika, der Balkan oder der Nahe Osten, welche Mittel sie auch einsetzten, politisch bisher gescheitert sind; ihre Lösungen blieben allenfalls labil. Gegen die Machbarkeit praktikabler

[Seite 106]

multikultureller Lösungen spricht aber auch die vorsichtige sozialwissenschaftliche Prognose, daß Multikulturalismus - der über Asylanten- und Migrationsströme aller Art (dazu z. B. Bade, 1994a) gleichsam heute frei Haus geliefert, ja akademisch noch „herbeimanifestiert“ wird (vgl. Bade, 1994b) - mittelfristig zu „neuer sozialer Armut“, zu „Unterschichtungen“ und neuen „Klassengegensätzen“, also zu drohenden sozialen Konflikten und hohen Stabilitätsrisiken führen müsse (vgl. z.B. Hoffmann-Nowotny, 1975, 1993; Schmid, 1989).

[...]

Im Maße, in dem die Systeme sich ethnisch aufkörnen, wachsen die zentripetalen Kräfte, und sie gehen einher mit steigender, quer über die Gruppen laufender sozialer Aggressivität. „Die Vorstädte von Paris, Lyon und Marseille erlebten in den letzten Jahren Revolten, die sich von den Rassenunruhen in ... den Vereinigten Staaten nur wenig unterschieden. Die Polizei meidet bestimmte Stadtteile der ,Banlieue‘. Die Einheimischen ziehen aus den verrufenen ,Cités‘ aus, die Immigrés und ihre Nachkommen bleiben unter sich. Wie die Großfamilie bietet (ihnen) die Volksgruppe ... Rückhalt, schränkt aber auch die Entscheidungsfreiheit und den Aufstieg des einzelnen ein. [...]“

Anmerkungen

Wird fortgesetzt in Mra/Fragment_141_01.

Sichter
(Klgn), SleepyHollow02

[4.] Mra/Fragment 141 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2016-05-21 12:24:34 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Lipp 1994, Mra, SMWFragment, Schutzlevel sysop

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Klgn
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 141, Zeilen: 1-33
Quelle: Lipp 1994
Seite(n): 106, 107, 108, Zeilen: 106: 23 ff., 107: 1, 108: 20 ff.
[Wie die Großfamilie bietet ihnen die Volksgruppe Rückhalt, schränkt zu-]gleich aber auch die Entscheidungsfreiheit und den Aufstieg des Einzelnen ein. Zwei Entwicklungen tragen zur Abschließung bei: der militante Islam, aus dem junge Nordafrikaner der zweiten Generation ein neuartiges Selbstbewusstsein ziehen und die Polygamie unter den schwarzafrikanischen Einwanderern.568 Die Lage nimmt vorzivilisatorische, ja vielleicht stammeskulturelle Züge an.

Zieht man nun ein Resümee, so lässt sich für den Multikulturalismus auch theoretisch, ordnungs- und institutionentheoretisch, kaum ein Argument finden, das Praktikabilität suggerierte. Mit dem formalen Appell an die Menschenrechte allein und der Geste der Menschheitsverbrüderung lässt sich den Problemen, die nicht nur eine moralische, sondern auch eine sozialökonomische Seite haben, die für Mensch und Gesellschaft mit gravierenden Zwängen, Friktionen und Belastungen verbunden ist, jedenfalls nicht beikommen. Auch der eilfertige Vorwurf, wer Einwanderung in Frage stelle und Fremde nicht herzlichst begrüße, sei „Rechtsextremer“ kann zur Diskussion nichts beitragen. Kriminalität, Gewaltausbrüche und jener vielfach drohender mafiöse Bandenkampf, der mit Ethno-Ghetto-Konglomeration einhergeht, werden auf diese Weise nicht verhindert, sondern eher verstärkt.

Multikulturalismus unter ideologischem Aspekt stellt übrigens nichts anderes dar, als eine kaum verhüllte, agitatorisch-aggressive kulturpolitische Streitformel: „Kulturen aller Länder vereinigt euch gegen die Einheit.“569 Dies würde eine Art Klassenkampf bedeuten und hinterlässt den Eindruck eines Weltbürgerkrieges. Multikulturalismus, wie er sich dort heute entwickelt hat, ist nicht schlicht Pluralismus, er gleicht ihm allenfalls äußerlich. Bleibt Pluralismus an Einheit, übergeordneter kultureller Einheit, werthaft grundsätzlich ausgerichtet, zieht Multikulturalismus demgegenüber gegen Einheit zu Felde und bricht den kulturellen Konsens. Zumindest für die Vereinigten Staaten, die Vielfalt von Anfang an begrüßten und als Basiswert nicht nur ihrer Kultur, sondern von Demokratie und als Ausdruck von Freiheit verstanden, ist inzwischen offensichtlich geworden, dass Multikulturalismus weniger das Neben- und Miteinander, als das Gegeneinander der Kulturen bewirkt. In Absage an die alte liberale Hoffnung, die Neue Welt fungiere als „Schmelztiegel“, sog. melting-pot, der quer durch die Einwandererkulturen hindurch eine niveauvolle, fortschrittlichere, einheitliche westliche Kultur vermittele, betreibt der gegenwärtige amerikanische Multikulturalismus den Aufstand gegen den Westen, die Demontage der klassischen kulturellen Herkunft von Europa, die Trockenlegung traditioneller okzidentaler Bildungswerte, Verhaltensstile und Rationalitätskriterien. Namhafte amerikanische Intellektuelle haben den Zusammenhang inzwischen registriert und sie reagieren bestürzt darauf.570


568 Lipp, in: Estel/Mayer, Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften, Opladen 1994, S. 95.

569 Lipp, in: Estel/Mayer, Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften, Opladen 1994, S. 95.

570 Lipp, in: Estel/Mayer, Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften, Opladen 1994, S. 95.

[Seite 106]

„[...] Wie die Großfamilie bietet (ihnen) die Volksgruppe ... Rückhalt, schränkt aber auch die Entscheidungsfreiheit und den Aufstieg des einzelnen ein. Zwei Entwicklungen der letzten Jahre tragen zur Abschließung bei: der militante Islam, aus dem junge Nordafrikaner der zweiten Generation ein neuartiges Selbstbewußtsein ziehen, und die Polygamie unter den (schwarz) afrikanischen (Einwanderern)“ (von Münchhausen, 1994). Die Lage nimmt vorzivilisatorische, ja vielleicht stammeskulturelle Züge an.

Nimmt man die Anzeichen zusammen, läßt sich für Multikulturalismus auch theoretisch - ordnungs- und institutionentheoretisch - kaum ein Argument finden, das Praktikabilität suggerierte. Mit „Lichterketten“ allein, dem Appell an „Menschenrechte“ und der Geste der Menschheitsverbrüderung läßt sich den Problemen - die nicht nur eine weltumschließende moralisch-moralistische, sondern eine knappheitsdiktierte (sozial)ökonomische Seite haben, die für Mensch und Gesellschaft mit gravierenden Zwängen, Friktionen und Belastungen verbunden ist - jedenfalls nicht beikommen. Auch der eilfertige - und um so verantwortungslosere - Vorwurf, wer Einwanderung in Frage stelle und „Fremde“ nicht liebend umarme, sei „Rechtsextremer“ u.d.h., im fanatisierten rhetorischen Keulenschlag, nackter „Rassist“ (vgl. nur Bielefeld, 1991), wird hier nicht weiterführen. Kriminalität, Gewaltausbrüche und jener vielfach drohende mafiose Bandenkampf, der mit Ethno-Ghetto-Konglomeraten einhergeht (vgl. z. B. Heitmeyer, 1994), werden durch aufputschende ideologische Drogen dieser Art, so modisch sie geworden sind, nicht verhindert, sondern

[Seite 107]

verstärkt; [...]

[Seite 108]

These 15

Anzumerken an dieser Stelle ist im übrigen, daß Multikulturalismus, ideologisch ins Prinzipielle gewendet, nichts anderes darstellt als eine kaum verhüllte, agitatorisch-aggressive kulturpolitische Streitformel. „Kulturen aller Länder vereinigt euch“, hieße diese Formel dann im Klartext: „vereinigt euch gegen die Einheit“, und sie röche nicht nur scharf nach Klassenkampf, sondern hinterließe den Geschmack des „Weltbürgerkriegs“ (Kesting, 1959). Multikulturalismus, wie er sich heute entwickelt hat, ist nicht „Pluralismus“; er gleicht ihm allenfalls äußerlich. Bleibt Pluralismus an Einheit - übergeordneter kultureller Einheit - werthaft grundsätzlich ausgerichtet, zieht Multikulturalismus gegen Einheit zu Felde; er „bricht den kulturellen Konsens“ (vgl. f.a. Feuer, 1991). Zumindest für die Vereinigten Staaten, die Vielfalt von Anfang an bejahten und als Grundlage nicht nur ihrer Kultur, sondern von Demokratie und als Ausdruck von Freiheit verstanden, ist inzwischen evident, daß Multikulturalismus weniger das Neben- und Miteinander als das Gegeneinander der Kulturen propagiert: In Absage an die alte liberale Hoffnung, die Neue Welt fungiere als „Schmelztiegel“ (vgl. dazu Glazer/Moynihan, 1964), der quer durch die Einwandererkulturen hindurch eine niveauvollere, fortschrittlichere, einheitliche „westliche Kultur“ vermitteln werde, betreibt der gegenwärtige amerikanische Multikulturalismus den Aufstand gegen den Westen, die Demontage der klassischen kulturellen Herkunft von Europa, die Trockenlegung traditioneller okzidentaler Bildungswerte, Verhaltensstile und Rationalitätskriterien. Namhafte amerikanische Intellektuelle haben den Zusammenhang inzwischen registriert (vgl. neben Feuer, 1991, auch Horowitz, 1991; ferner z.B. Schlesinger, 1991), und sie reagieren bestürzt darüber.

Anmerkungen

Die Quelle ist dreimal genannt, doch bleibt die weitgehende Wörtlichkeit der Übernahme ungekennzeichnet.

Der Text aus von Münchhausen (1994) am Anfang ist anders als in der Quelle nicht mehr als Zitat erkennbar.

Sichter
(Klgn) Schumann

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