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Quelle:Mra/Oberndörfer 1998

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Angaben zur Quelle [Bearbeiten]

Autor     Dieter Oberndörfer
Titel    Integration oder Abschottung? - Auf dem Weg zur postnationalen Republik
Zeitschrift    ZAR
Jahr    1998
Seiten    3 ff.

Literaturverz.   

ja
Fußnoten    ja
Fragmente    2


Fragmente der Quelle:
[1.] Mra/Fragment 108 04 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2016-05-14 13:33:33 Schumann
Fragment, Gesichtet, Mra, Oberndörfer 1998, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
SleepyHollow02
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 108, Zeilen: 4-25
Quelle: Oberndörfer 1998
Seite(n): 7, Zeilen: r.Sp.: 1 ff.
Die deutschen [sic] Debatte über die Zuwanderung von Ausländern bezeichnet als Multikulturalismus meistens die Mischung von Kulturen472 und ihrer Menschen innerhalb einer politischen Gemeinschaft, also letztlich eine Form des kulturellen Pluralismus. Im heutigen internationalen Sprachgebrauch jedoch steht Multikulturalismus für eine Doktrin der Gleichheit der Kulturen und des Schutzes aller kulturellen Kollektive vor kultureller Verunreinigung durch Vermischung. Über wechselseitige Abschottung soll solche „Verunreinigung“ sowohl für die dominante Nationalkultur als auch für die Kulturen der Minderheiten verhindert werden. Die ideologische Grundlage des Multikulturalismus ist die romantische Tradition der moralischen Gleichberechtigung und unantastbaren Heiligkeit aller kulturellen Kollektive und ihrer Überlieferungen. Da alle Kulturen gleichermaßen wertvoll sind, müssen sie in ihrem angeblichen „Naturzustand“ erhalten werden. Wenn also kollektive Kulturen zwecks wechselseitigen Schutzes vor Vermischung inhaltlich definiert und klar voneinander unterschieden werden, ist zu klären, wer diese Aufgabe übernehmen soll. Sollen politische oder juristische Autoritäten die hier angelegten kulturellen Konflikte regeln und entscheiden, was die authentische Interpretation der Religion oder die richtigen kulturellen Praktiken der Mehrheit und der Minderheit sind? Ein Artikel 20b GG473 hätte den Multikulturalismus und die für ihn wesenhaften Einschränkungen der kulturellen Freiheit der Bürger, sowohl der Mehrheiten als auch der Minderheiten, in das Grundgesetz einführen können.

Im Gegensatz zum Multikulturalismus steht der „Ethnopluralismus“ der deutschen Rechtsradikalen, der wechselseitige Abschottung meint. Die Ethnopluralisten machen sich mit multikulturellem Ideengut sogar zu Sprechern der Kultur ausländischer Arbeiter in der Bundesrepublik. Deren Abschiebung müsste erfolgen, um „ihre“ eigene Kultur zu erhalten.


472 Vgl. allgemein dazu: Frank, Staatsräson, Moral und Interesse. Die Diskussion um die multikulturelle Gesellschaft; Kiesel/Wolf-Almaasreh [sic], Die multikulturelle Versuchung: ethnische Minderheiten in der deutschen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1991; Lukes, Multikulturalismus und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main 1995; Huber, Zur Problematik des Kulturstaates, Tübingen 1958; Luckmann, Die unsichtbare Religion, Frankfurt am Main 1993; Kaufmann, Religion und Modernität, Tübingen 1998.

473 Vgl. bereits oben unter B V 1 die Ausführungen zum Minderheitenschutz.

In der deutschen Debatte über die Zuwanderung von Ausländern bezeichnet Multikulturalismus meistens die Mischung verschiedener Kulturen12 und ihrer Menschen innerhalb einer politischen Gemeinschaft, also letztlich kulturellen Pluralismus. Im heutigen internationalen Sprachgebrauch jedoch steht Multikulturalismus für eine Doktrin der Gleichheit der Kulturen und des Schutzes aller kulturellen Kollektive vor kultureller Verunreinigung durch Vermischung. Über wechselseitige Abschottung soll solche Verunreinigung sowohl für die dominante Nationalkultur als auch für die Kulturen der Minderheiten verhindert werden.

Die ideologische Grundlage des Multikulturalismus ist die schon skizzierte romantische Tradition der moralischen Gleichberechtigung und unantastbaren Heiligkeit aller kulturellen Kollektive und ihrer Überlieferungen. Da alle Kulturen gleichermaßen wertvoll sind, müssen sie in ihrem angeblichen »Naturzustand« erhalten werden. [...]

Wenn kollektive Kulturen zwecks wechselseitigen Schutzes vor Vermischung inhaltlich definiert und klar voneinander unterschieden werden, ist zu klären, wer diese Aufgabe übernehmen soll. [...] Sollen politische oder juristische Autoritäten die hier angelegten kulturellen Konflikte regeln und entscheiden, was die authentische Interpretation der Religion oder die richtigen kulturellen Praktiken der Mehrheit und der Minderheiten sind? [...]

Durch diesen Artikel wäre der Multikulturalismus und die für ihn wesenhaften Einschränkungen der kulturellen Freiheit der Bürger - der Mehrheit, wie der Minderheiten - in das Grundgesetz eingeführt worden.


12 So z. B. von Heiner Geissler. Multikulturalismus im Sinne wechselseitiger Abschottung findet sich hingegen im »Ethnopluralismus« der deutschen Rechtsradikalen. Die Ethnopluralisten (z.B. Eichberg) und andere Vertreter des rechtsradikalen Spektrums machen sich mit multikulturellem Ideengut sogar zu Sprechern der Kultur ausländischer Arbeiter in der Bundesrepublik. Deren Abschiebung müsse erfolgen, um letztere »ihrer« eigenen Kultur zu erhalten. Auch die frühere Apartheit Südafrikas wurde von Multikulturalisten als mögliches Modell zum Schutz von Kulturen genannt. Zum völkischen Multikulturalismus in Deutschland vgl. Frank, Staatsräson, Moral und Interesse. Die Diskussion um die »Multikulturelle Gesellschaft« 1980-1993, 1995; ferner Radtke in: Kiesel/Wolf-Almaasreh [sic] (Hrsg.): Die multikulturelle Versuchung: ethnische Minderheiten in der deutschen Gesellschaft. S. 39-57.

Anmerkungen

Kein Hinweis auf die Quelle.

Auf ein Blindzitat weist die falsche Schreibung des Namens Wolf-Almanasreh (http://www.almanasreh.de/index.html) in der Quelle und bei Mra hin (im Literaturverzeichnis aber richtig geschrieben).

Sichter
(SleepyHollow02) Schumann

[2.] Mra/Fragment 131 16 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2016-05-14 13:47:06 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Mra, Oberndörfer 1998, SMWFragment, Schutzlevel sysop

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
SleepyHollow02
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 131, Zeilen: 16-27, 110-112
Quelle: Oberndörfer 1998
Seite(n): 3, Zeilen: l.Sp. 17 ff.
In politischen Gemeinschaften, die sich primär als „Nationen“ verstehen, haben „fremde“ kulturelle Werte und Überlieferungen keinen Platz, denn als ausreichend legitim werden nur „nationale“ Kulturgüter betrachtet. Da die Legitimität der Nation von der Reinheit ihrer kollektiven Kultur abhängt, muss sie von fremden Elementen gesäubert werden, so dass in der Ideologie kollektiver Nationalkulturen daher eine Dynamik der kulturellen Selbsthomogenisierung eingebaut ist.545 Ein klassisches Umsetzungselement dieser Homogenisierung ist die erzwungene Assimilierung oder gar die „ethnische Säuberung“.546 Für diese Form der physischen Vernichtung gibt es in der Geschichte eine Reihe von Beispielen.547

Nation steht damit für das Partikulare, mit dem sich Staaten voneinander abgrenzen. Republik steht hingegen für das weltbürgerliche Fundament des modernen Verfassungsstaates und damit auch für universal gültige Menschenrechte, die nationenübergreifend Gültigkeit beanspru-[chen.]


545 Oberndörfer, ZAR 1998, 3.

546 Eine Politik erzwungener Assimilierung wurde vom französischen Sprach- und Kulturnationalismus praktiziert. Sowohl die Sprache als auch die Überlieferungen der regionalen ethno-kulturellen Minderheiten Frankreichs wurden unterdrückt und verdrängt. Um französischer Staatsbürger zu werden, musste die französische Sprache beherrscht werden und die französische Kultur übernommen werden.

547 z.B. die Vernichtung der armenischen Minderheit in Anatolien; die Genozide und Vertreibungen von Türken und Griechen nach dem Ersten Weltkrieg; der Holocaust, der „artfremde“ Völker vernichtete; die Verfolgung und Vertreibung deutscher Minderheiten in Ost- und Südeuropa sowie die ethnischen Säuberungen in Bosnien- Herzegowina, Oberdörfer ZAR 1998, 3.

Nation steht für das Partikulare, mit dem sich Staaten voneinander abgrenzen, Republik hingegen für das weltbürgerliche Fundament des modernen Verfassungsstaates, für universal gültige Menschenrechte und für die Ableitung der Rechte der Bürger aus der Natur des Menschen. [...] In politischen Gemeinschaften, die sich primär als Nationen verstehen, haben »fremde« kulturelle Überlieferungen und Werte keinen legitimen Platz.[...]

Da die Legitimität der Nation von der Reinheit ihrer kollektiven Kultur abhängt, muß sie von fremden Elementen gesäubert werden. In der Ideologie kollektiver Nationalkulturen ist daher eine Dynamik der kulturellen Selbsthomogenisierung eingebaut. Die klassischen Instrumente dieser Homogenisierung sind die erzwungene Assimilierung oder sogar »ethnische Säuberungen«. Eine Politik erzwungener Assimilierung wurde vom französischen Sprach- und Kultumationalismus praktiziert. Die Sprachen und Überlieferungen der regionalen ethno-kulturellen Minderheiten Frankreichs wurden unterdrückt und verdrängt. [...]

Beispiele hierfür sind die Vernichtung der armenischen Minderheit in Anatolien, die Genozide und Vertreibungen von Griechen und Türken nach dem Ersten Weltkrieg, die Vernichtung »artfremder« Völker im Holocaust, die Verfolgung und Vertreibungen deutscher Minderheiten in Ost- und Südosteuropa sowie in jüngster Zeit die ethnischen Säuberungen in Bosnien-Herzegowina.4


4 Zur Mythologie des völkischen Nationalismus und seiner Verbreitung in Nord-, Mittel-, Ost-, Südosteuropa und Asien vgl. Oberndötfer, Wahn des Nationalen (Fn. 2), S. 31-47. Bei allen oben erwähnten Beispielen ethnischer Säuberungen haben die ideologischen Denkmuster der völkischen Romantik eine maßgebliche Rolle gespielt

Anmerkungen

Die Quelle ist in Fn. 545 und 547 genannt.

Sichter
(SleepyHollow02) Schumann

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