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Quelle:Tj/Becker 2002

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Angaben zur Quelle [Bearbeiten]

Autor     Peter Becker
Titel    Verderbnis und Entartung: eine Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis
Ort    Göttingen
Verlag    Vandenhoeck und Ruprecht
Jahr    2002
Reihe    Max-Planck-Institut für Geschichte (Göttingen): Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte; Bd. 176
ISBN    3525351720
URL    http://books.google.de/books?id=CVI2jQsWX2IC, alternativ: http://www.academia.edu/365902/Verderbnis_und_Entartung._Zur_Geschichte_der_Kriminologie_des_19._Jahrhunderts_als_Diskurs_und_Praxis

Literaturverz.   

ja
Fußnoten    ja
Fragmente    14


Fragmente der Quelle:
[1.] Tj/Fragment 021 05 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:47:46 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 21, Zeilen: 5-31
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 21, 40, 42, Zeilen: S.21,7-13.17-22; S.40,1-12; S.42,24-26
Die Auseinandersetzung mit dem Kriminellen ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch eine weitreichende Distanzierung gekennzeichnet. Schiller bemerkt dazu in seiner Vorrede zum Verbrecher aus verlorener Ehre: „Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die That beging, so wie in der, wo er dafür büßte, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft als das unsrige, dessen Willen anderen Regeln gehorcht als der unsrige; seine Schicksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich ja nur auf ein dunkles Bewußtsein ähnlicher Gefahr, und wir sind weit entfernt, eine solche Ähnlichkeit auch nur zu träumen.“31

So ist es nicht verwunderlich, dass der paradigmatische Kriminelle der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Gauner war. Denn obwohl man annehmen könnte, Verbrechen wie Mord und ähnlich schlimme Gewaltdelikte hätten ob ihrer Abscheulichkeit schon immer das Interesse geweckt, so trifft dies zumindest für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht zu. Wenn diese Delikte überhaupt behandelt wurden, so nur im Zusammenhang mit der Zurechnungsproblematik. Diese durchaus überraschende Erkenntnis, dass sich die Konzentration weniger auf die weit schlimmeren Gewaltdelikte richtet, sondern auf eine kleine Gruppe der Eigentumsverbrecher, hat ihren Grund in der von Schiller kritisierten Distanzierung der bürgerlichen Gesellschaft von den Kriminellen. Der Gauner wurde als der charakteristische Andere gesehen. Obgleich sie quantitativ nicht überwogen, waren es nämlich gerade die Gauner, die die Erwartungen an das sozial-integrative Verhalten des anständigen Bürgers verletzten. Der Gauner missbrauchte die Freiheit, die ihm die bürgerliche Gesellschaft gewährte und erzeugte so Misstrauen in den sozialen und wirtschaftlichen Austausch. Der anständige Bürger dagegen nutzte den gleichen Freiraum, um sich durch Bildung und Leistung Anerkennung innerhalb der Gesellschaft zu verschaffen und sich dadurch der Teilhabe an der Gemeinschaft würdig zu erweisen.32

Der Lebensweg der Kriminellen wurde in dieser Zeit deshalb als zunehmende Entfremdung von den Mitbürgern und ihren Lebens- und Verhaltensstandards beschrieben. Am Beginn dieses Weges stand die Abkehr eines modellhaften [Bürgers von seiner rechten Gesinnung durch die bewusste Auflehnung gegen die Stimme der Vernunft. 33]


31 Schiller, Verbrecher aus verlorener Ehre, S. 8.

32 Vgl. Becker, S. 21 und S. 212f. [...]

[Seite 22]

33 Vgl. Becker, S. 42.

[Seite 21]

Obwohl man erwarten könnte, daß Verbrechen wie Mord sowie andere Gewalt- oder Tötungsdelikte wegen ihrer allgemeinen Ablehnung immer Beachtung fanden, traf das nicht zu. Gewaltdelikte wurden, wenn überhaupt, in der ersten Jahrhunderthälfte vor allem im Zusammenhang mit dem Problem der Zurechnungsfähigkeit diskutiert. (s. dazu auch Tabelle 1) Die paradigmatischen Kriminellen dieser Zeit waren eine kleine Gruppe von Eigentumsverbrechern, die man als Gauner bezeichnete.25 [...] Sie waren die charakteristischen Anderen, weil sie wesentliche Erwartungen an das sozial-integrative Verhalten des anständigen Bürgers verletzten. Der Bürger nutzte den ihm zugestandenen Freiraum, um sich durch Leistung und Bildung Anerkennung zu erwerben und sich der politischen Partizipation würdig zu erweisen. Der Gauner mißbrauchte dagegen die Freiheiten und Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft und erzeugte Mißtrauen im sozialen und wirtschaftlichen Austausch.


[Seite 39]

Dem lag, wie Schiller be-

[Seite 40]

merkte, eine weitreichende Distanzierung vom Kriminellen als einem Anderen, einem Fremden zugrunde:

Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßte, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft als das unsrige, dessen Willen anderen Regungen gehorcht als der unsrige; seine Schicksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich ja nur auf ein dunkles Bewußtsein ähnlicher Gefahr, und wir sind weit entfernt eine solche Ähnlichkeit auch nur zu träumen.13

Nauman verdrängte die grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen dem bürgerlichen >Selbst< und dem >Gefallenen<. Er beschrieb das Schicksal Leberechts ganz in der Form, die Schiller kritisierte: als zunehmende Entfremdung von den Mitbürgern und ihren Lebens- und Verhaltensstandards.

13 SCHILLER, Verbrecher, S. 14.


[Seite 42]

Am Beginn stand die Abkehr eines modellhaften Bürgers von seiner rechten Gesinnung durch die bewußte Auflehnung gegen die Stimme der Vernunft - [...]

Anmerkungen

Inhaltlich liegt hier - wenn auch zusammengeschnitten und umgestellt - purer Becker (2002) vor. Teilweise sind auch Formulierungen identisch. Eine adäquate Kennzeichnung der Urheberschaft erfolgt nicht.

Zur Fußnote 32 siehe auch Tj/Fragment 021 102 .

Auf der nächsten Seite geht die inhaltliche Übernahme aus Becker (2002) weiter.

Sichter
(Graf Isolan)

[2.] Tj/Fragment 021 102 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-02-03 15:03:15 Hindemith
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Tj

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 21, Zeilen: 102-106
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 212-213, Zeilen: S.212, 26ff
32 Vgl. Becker, S. 21 und S. 212f. Weil man das Merkmal des Anerkanntwerdens als exklusiven Bestandteil von krimineller wie bürgerlicher Welt verstand, setzten es die Kriminalisten auch zur Entlarvung von Gaunern ein. Der eines Verbrechens beschuldigte Bürger konnte aufgrund seiner Zugehörigkeit zur bürgerlichen Ordnung eher seine Unschuld durch ein Alibi beweisen als der Gauner. Weil man das Merkmal des Anerkanntwerdens als exklusiven Bestandteil von krimineller wie bürgerlicher Welt verstand, setzten es die Kriminalisten auch zur Entlarvung von Gaunern ein. Der eines Verbrechens beschuldigte Bürger konnte aufgrund seiner Zugehörigkeit zur >bürgerlichen Ordnung< eher seine Unschuld durch ein Alibi beweisen als der Gauner.
Anmerkungen

Trotz Nennung der Quelle nicht als "Zitat" erkennbar.

Da zudem 2 Stellen in der Quelle angegeben sind, und auf die Quelle mit "vgl." verwiesen wird, wird ein wörtliches Zitat eigentlich ausgeschlossen.

Sichter
(Graf Isolan), Hindemith

[3.] Tj/Fragment 021 23 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:48:06 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, Unfertig

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood, Graf Isolan
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 21, Zeilen: 23-31
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 21, 40, 42, Zeilen: S.21,17-22; S.40,9-12; S.42,24-26
Der Gauner wurde als der charakteristische Andere gesehen. Obgleich sie quantitativ nicht überwogen, waren es nämlich gerade die Gauner, die die Erwartungen an das sozial-integrative Verhalten des anständigen Bürgers verletzten. Der Gauner missbrauchte die Freiheit, die ihm die bürgerliche Gesellschaft gewährte und erzeugte so Misstrauen in den sozialen und wirtschaftlichen Austausch. Der anständige Bürger dagegen nutzte den gleichen Freiraum, um sich durch Bildung und Leistung Anerkennung innerhalb der Gesellschaft zu verschaffen und sich dadurch der Teilhabe an der Gemeinschaft würdig zu erweisen.32

Der Lebensweg der Kriminellen wurde in dieser Zeit deshalb als zunehmende Entfremdung von den Mitbürgern und ihren Lebens- und Verhaltensstandards beschrieben. Am Beginn dieses Weges stand die Abkehr eines modellhaften [Bürgers von seiner rechten Gesinnung durch die bewusste Auflehnung gegen die Stimme der Vernunft. 33]


32 Vgl. Becker, S. 21 und S. 212f. [...]

[Seite 22]

33 Vgl. Becker, S. 42.

[Seite 21]

Sie waren die charakteristischen Anderen, weil sie wesentliche Erwartungen an das sozial-integrative Verhalten des anständigen Bürgers verletzten. Der Bürger nutzte den ihm zugestandenen Freiraum, um sich durch Leistung und Bildung Anerkennung zu erwerben und sich der politischen Partizipation würdig zu erweisen. Der Gauner mißbrauchte dagegen die Freiheiten und Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft und erzeugte Mißtrauen im sozialen und wirtschaftlichen Austausch.

[Seite 40]

Nauman verdrängte die grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen dem bürgerlichen >Selbst< und dem >Gefallenen<. Er beschrieb das Schicksal Leberechts ganz in der Form, die Schiller kritisierte: als zunehmende Entfremdung von den Mitbürgern und ihren Lebens- und Verhaltensstandards.

[Seite 42]

Am Beginn stand die Abkehr eines modellhaften Bürgers von seiner rechten Gesinnung durch die bewußte Auflehnung gegen die Stimme der Vernunft - [...]

Anmerkungen

Zur Fußnote 32 siehe auch Tj/Fragment 021 102 .

Fortsetzung auf der Folgeseite.

Anders als in der Vorlage wird Naumann nicht erwähnt.

Sichter

[4.] Tj/Fragment 022 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:48:16 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 22, Zeilen: 1-22
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 42, 44-46, Zeilen: S. 42: 24-26; S. 44: 14; S. 45: 1-18; S. 46: 1-12
[Am Beginn dieses Weges stand die Abkehr eines modellhaften] Bürgers von seiner rechten Gesinnung durch die bewusste Auflehnung gegen die Stimme der Vernunft.33

Durch die zentrale Bedeutung der Gesinnung wurde gerade Kant für die Auseinandersetzung mit Kriminalität in dieser Zeit unabdingbar. Er versprach mit seinem Konzept der Gesinnung das Problem zu lösen, dass die Identifikation des freien und autonomen Willens mit sittlich gutem Handeln nicht zur Schlussfolgerung führen musste, dass böses Handeln nicht autonom wäre. Die Freiheit des Willens konnte nicht allein auf Handlungsmaximen in einer konkreten Situation bezogen werden, sondern auf die Maxime des Handelns. Nur so kann nämlich das Böse zurechenbar gemacht werden. Kants Lösung ist das Konzept des radikalen Bösen, das dem Menschen die grundsätzliche Freiheit zur Annahme guter oder schlechter Maximen des Handelns zugesteht, ihnen aber gleichzeitig einen angeborenen, wenn auch nicht determinierenden, Hang zum Bösen zuschrieb.34

Der gattungsspezifische Hang zum Bösen, den Kant den Menschen zuschrieb, zeigte sich in der Verkehrung der Triebfedern des Handelns als einer verkehrten Gesinnung. Abweichendes Verhalten entstand demnach aus dem mangelnden Widerstand gegen eben diesen gattungsspezifischen Hang zum Bösen, und nicht aus dem Nachgeben gegen sinnliche Reize. Dadurch wurde die enge Verbindung zwischen Sinnlichkeit und Lasterhaftigkeit durchbrochen. Gleichzeitig wurde die Vernunft zum entscheidenden Werkzeug gegen Unsittlichkeit und Devianz.35


33 Vgl. Becker, S. 42.

34 Vgl. Kant, S. 45.

35 Vgl. Becker, S. 46.

[seite 42, Zeile 24-26]

Am Beginn stand die Abkehr eines modellhaften Bürgers von seiner rechten Gesinnung durch die bewußte Auflehnung gegen die Stimme der Vernunft

[Seite 44, Zeile 14]

Dadurch ließ sich ein Problem lösen, das Kant und seine Zeitgenossen

[Seite 45, Zeile 1-18]

beschäftigte: Die Freiheit des Willens durfte nicht allen auf Handlungsalternativen in seiner konkreten Situation bezogen werden, sondern auf die Maxime des Handelns, um das Böse zurechenbar zu machen. Denn die Identifikation des freien und autonomen mit sittlich gutem Handeln legte die Deutung nahe, daß böses Handeln nicht autonom bzw. nicht frei wäre. Dem setzte Kant das Konzept des radikalen Bösen entgegen, das dem Menschen die grundsätzliche Freiheit zur Annahme guter oder schlechter Maximen des Handelns zugestand, ihnen aber gleichzeitig einen angeborenen, wenn auch nicht determinierenden Hang zum bösen zuschrieb.28 Die Allgemeinheit des Bösen, wie sie Kant beanspruchte, stand allerdings mit dem Kriterium der Freiheit in einem tendenziellen Widerspruch und konnte nicht bewiesen, sondern nur als Erfahrungstatsache behauptet werden. Der »verderbte Hang« durfte eben die Freiheit als Grundlage zurechenbarer Moralität nicht infrage stellen.29

Kants Konzept der Gesinnung – verstanden als jenes Prinzip, das die Maximen des Handelns bestimmte und äußerlicher Kontrolle unzugänglich war30 – ermöglichte im kriminalistischen Diskurs einen neuen Ausgleich zwischen Autonomie und Gesetzmäßigkeit.31 Straftäter konnte man auf dieser

[Seite 46, Zeile 1-12]

Grundlage selbst dann zur Verantwortung ziehen, wenn sie kaum eine Alternative zur kriminellen handlung gehabt hatten; man machte sie nämlich für das Herbeiführen des Zustandes verantwortlich, in dem sie straffällig wurden. Außerdem ließ sich mit dem Konzept der Gesinnung die enge Koppelung zwischen Sinnlichkeit und Lasterhaftigkeit bei der Erklärung krimineller Karrieren durchbrachen: Abweichendes Verhalten entstand nicht aus dem nachgeben gegen sinnliche Reize, sondern aus dem mangelnden Widerstand gegen einen gattungsspezifischen Hang zum Bösen, der sich in der Verkehrung von Triebfedern des Handelns, d.h. in einer verkehrten Gesinnung zeigte. Das Böse erhielt aus dieser Perspektive einen Vernunftsursprung – die Vernunft wurde dadurch zum wichtigsten Bollwerk gegen Unsittlichkeit und Devianz.32

Anmerkungen

Fortgesetzt von vorangehender Seite.

Auch der zweite Absatz auf der Seite, abgeschlossen durch Fußnote 34 ("Vgl. Kant") weist eine erhebliche Übereinstimmung mit der Quelle Becker (2002) auf.

Sichter

[5.] Tj/Fragment 022 29 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:48:26 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 22, Zeilen: 23-35
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 177, 178, 179, 180, 182, Zeilen: 177: 24-26; 178: 6-9, 26-27; 179: 1-2; 180: 14-16; 182: 15-19
Die Anknüpfung des Verbrecherischen an die verkehrte Gesinnung führte zu einer Ausgrenzung des Verbrechers aus der bürgerlichen Gesellschaft. Er wurde als Teil einer kriminellen Gegenwelt gesehen. Die Vergesellschaftung der Gauner wurde dabei strikt von der bürgerlichen Welt getrennt.

Dennoch verband man mit dem Gauner gerade wegen der Vergesellschaftung zwei Annahmen bezüglich seines Handelns: Berechenbarkeit und Erwartungssicherheit.36 Ausgehend von diesen beiden Eckpfeilern versuchten die Kriminalisten, alle Lebensäußerungen der Gauner als Ausdruck einer Persönlichkeit zu verstehen, die sich in jeder Hinsicht von der bürgerlichen unterschied. Dabei gingen sie davon aus, dass der Verbrecher jedwede Bekehrung ablehnt. Dies motivierte die Kriminalisten dazu, Maßnahmen vorzuschlagen, die darauf abzielten, die außerhalb der bürgerlichen Ordnung lebenden Personen dauerhaft zu entfernen. An dieser Stelle sei exemplarisch auf die Todesstrafe verwiesen. 37


36 Vgl. Becker, S. 177ff.

37 Vgl. Becker, S. 180 und S. 182.

[Seite 177, Zeile 24-26]

In dem Maße, wie die rechte Gesinnung das bürgerliche Subjekt in die Gesellschaft integrierte, erzeugte die verkehrte Gesinnung Ausschluß aus der bürgerlichen und Integration in die kriminelle Welt.

[S. 178, Zeile 6-9]

Die Verbrecher, allem voran die Gauner, wurden nämlich als Protagonisten eine alternativen Lebensentwurfs verstanden, der zwei wesentliche Annahmen über Vergesellschaftung erfüllte: Berechenbarkeit wie Erwartungsssicherheit des Handelns.

[...]

[S. 178, Zeile 26-27]

Das ermöglichte eine wechselseitige Anerkennung nur in der kriminellen Gegenwelt.6. Die Annahme einer spezifi-

[S. 179, Zeile 1-2]

schen Vergesellschaftung der Gauner erlaubte die Festlegung einer klaren Trennlinie zur bürgerlichen Welt

[Seite 180, Zeile 14-16]

Ausgehend von dieser Erwartung versuchten die Kriminalisten, alle Lebensäußerungen der Gauner als Ausdruck einer Persönlichkeit zu verstehen, die sich in jeder Hinsicht von der bürgerlichen unterschied.

[Seite 182, Zeile 15-19]

Dieser Rückzug in die Logik der kriminellen Welt motivierte die Kriminalisten, strafrechtliche Maßnahmen vorzuschlagen, die auf lebenslängliches Wegsperren, Deportation oder Anwendung der Todesstrafe abzielten, um die außerhalb der Ordnung lebenden Personen zu beseitigen.20

Anmerkungen

Die wörtlich und sinngemäß übernommenen Anteile sind nicht vollständig in ihrem Umfang kenntlich gemacht. In den Fußnoten wird nur mit "Vgl." auf die Quelle verwiesen.

Das Fragment schließt direkt an Tj/Fragment 022 01 an, mit Übernahmen aus derselben Quelle.

Sichter

[6.] Tj/Fragment 023 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:48:36 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 23, Zeilen: 2-24
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 218, 219, Zeilen: 218: 8-31; 219: 1-12
[b. Die Situation der Kriminalistik]

Die Situation der Kriminalistik ist geprägt durch die Konzeption der kriminellen Gegenwelt und dem daraus resultierenden polarisierenden Zugriff auf eine Welt, deren Stimmigkeit auf der Gegenüberstellung von Idealtypen beruhte. Auf der einen Seite stand der Gauner, auf der anderen der sittsame Bürger. Doch bereits das Bild des typischen Gauners war nicht widerspruchslos, da die Konzeption des Gauners an vielen Stellen mit der Annahme über die Verfasstheit der kriminellen Gegenwelt nicht übereinstimmte. Dies hatte zur Folge, dass die Annäherung der Kriminalisten an die kriminelle Gegenwelt von erheblichen Widersprüchen geprägt war. Dennoch war das Konstrukt der kriminellen Gegenwelt immun gegen immanente Widersprüche. Die Immunität beruhte auf der oben dargestellten Abgrenzung des Kriminellen von der bürgerlichen Ordnung, die sich auf ein moralisch-sittliches Kalkül bezog: die Wahl der falschen Gesinnung. Da sich dieses Argument perfekt in bestehende Paradigmen der bürgerlichen Gesellschaft und der Strafrechtstheorie einfügte, bewirkte es eine immense Überzeugungskraft. 38 Trotzt allem zeigt sich die Ausweglosigkeit dieses Ansatzes, der die Gültigkeit seines moralisch-sittlichen Paradigmas durch messbare Erfolge zu belegen versuchte. Dabei zeigten die Studien der Kriminalisten doch nur, wie tief verwurzelt das Problem in der bürgerlichen Gesellschaft war. Kriminalität stellte sich so als eines der dringlichsten Probleme dar, durch deren Bedrohung sich die Kriminalisten herausgefordert sahen. Die endgültige Ausrottung sahen sie als ihre wichtigste Aufgabe an. Und doch blieb das Problem der Kriminalität unlösbar.39


38 Vgl. Becker, S. 218f.

39 Vgl. Becker, S. 218.

[Seite 218, Zeile 8-31]

Das Unbehagen, das Zimmermann gegenüber der Polizeiaufsicht artikulierte, verdeutlicht die Aporie eines kriminalistischen Diskurses, der die Gültigkeit seines moralisch sittlichen Paradigmas durch empirische Nachweise und meßbaren Erfolge zu belegen versuchte. Diese Aporie drückte sich bereits in den Vorworten kriminalistischer Autoren aus: sie sahen sich von der Bedrohlichkeit einer organisierten Kriminalität herausgefordert und verstanden deren endgültige Ausrottung als wichtigste Aufgabe. Ihre Analysen dokumentierten dagegen die tiefe Verwurzelung dieses Problems in der bürgerlichen Gesellschaft. Diesen Widerspruch kann man in Analogie zum Theodizeeproblem beschreiben: Kriminalität war eines der dringlichsten, aber gleichzeitig ein unlösbares Problem der bürgerlichen Gesellschaft. Das unterminierte letztlich das Projekt einer Kriminologie auf moralischer Grundlage, wie das Erzählmuster des gefallenen Menschen repräsentierte. Dadurch bewahrheitete sich die feinsinnige Beobachtung Niezsche, daß die Autoriät von Sittlichkeit als Leitlinie für gesellschaftliches Handeln untergraben wurde, sobald »die Erfolge conrolirbar werden.«171 Die Annäherungen der Kriminalisten an die kriminelle Gegenwelt waren von erheblichen Widersprüchen geprägt. Diese entstanden durch den polarisierenden Zugriff auf eine Welt, deren Stimmigkeit auf der Gegenüberstellung von Idealtypen beruhte: der Gauner wurde als Verkörperung einer falschen Gesinnung mit einem idealtypischen Bürger verglichen, den man ausschließlich von rechter Gesinnung und Gemeinsinn bestimmt sah. Doch selbst die Ausgestaltung des idealtypischen Gauners und seiner Lebenswelt

[Seite 219, Zeile 1-12]

erfolgte nicht konsistent. Die Konzeption der kriminellen Persönlichkeit stimmte mit den Annahmen über die strukturellen Verfaßtheit der kriminellen als negatives Abbild der bürgerlichen Gesellschaft an vielen Stellen nicht überein. Die Abgrenzung des Gauners gegenüber der bürgerlichen Welt, die Prägungen von Lebensstil und Lebenseinstellung, sowie die Ausbildung von Praxisformen, von Rationalisierungs- wie Rechtfertigungsstrategien bezogen die zeitgenössischen Kriminalisten auf ein moralisch-sittliches Kalkül: die Wahl einer falschen Gesinnung. Die Überzeugungskraft eins solchen Argumentes beruhte nicht zuletzt darauf, daß es in die bestehenden Paradigmen der bürgerlichen Gesellschaft, der Strafrechts- und Polizeitheorie nahtlos integrierbar war, Deshalb waren die darauf aufbauenden Rekonstruktionen der kriminellen Welt weitgehend immun gegen immanente Widersprüche.

Anmerkungen

Auf die Quelle wird in zwei Fußnoten (mit "vgl.") verwiesen, wobei die sinngemäßen und wörtlichen Übernahmen nicht in ihrem Umfang kenntlich gemacht sind.

Sichter

[7.] Tj/Fragment 024 12 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:49:06 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 24, Zeilen: 12-21
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 19, 260, 261, Zeilen: 19: 11-14; 260: 2-6; 261: 7-10
Der Gauner mit seiner falschen Vernunft, der die erste Hälfte des Jahrhunderts den kriminologischen Diskurs bestimmte, trat in den Hintergrund. An seine Stelle traten Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher, bei denen man versuchte Triebkräfte aufzuspüren, die ihn an die Grenze des Menschseins führten. Der Anteil der Publikationen zu Eigentumsdelikten ging während des 19. Jahrhundert zurück, dagegen nahm das Interesse für Gewalt- und Sexualdelikte offenkundig zu.43 Dabei erschienen Asozialität und Devianz nicht mehr nur als juristisch relevante Tatsachen, sondern auch als Folge einer im Körper und der Psyche angelegten

Abweichung von physiologischen Normen.44


43 Vgl. Becker, S. 19.

43 Vgl. Becker, S. 261.

[Seite 260, Zeile 2-6]

Der Gauner mit seiner falschen Vernunft und seinen Verstellungskünsten verlor seine Bedrohlichkeit. An seine Stelle traten Gewalt- und vor allem Sittlichkeitsverbrecher, bei denen fehlende Vernunft, Moral und Sittlichkeit sowie unterentwickelte soziale Gefühle zu Straftaten führten, die man jenseits des Menschenmöglichen verortete.7

[Seite 19, Zeile 11-14]

In Tabelle 1 wird ersichtlich, wie der Anteil an Publikationen zu Eigentumsdelikten während des 19. Jahrhunderts zurückgig, das Interesse für Gewalt- und Sexualdelikte gleichzeitig zunahm.

[S. 261, Zeile 7-10]

Asozialität und Devianz erschienen dabei nicht nur als eine sozial und juristisch relevante Tatsache, sondern auch als Folge einer im Körper bzw. der Psyche angelegten Abweichung von physiologischen Normen.

Anmerkungen

Die Quelle wird zwar zweimal genannt (mit "Vgl."), wörtliche Übernahmen sind aber nicht als solche kenntlich gemacht, S. 260 bleibt auch in den Quellenangaben unerwähnt.

Sichter

[8.] Tj/Fragment 025 08 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-02-03 15:22:25 Hindemith
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Tj

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 25, Zeilen: 8-21, 105-108
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 258, 261, 269, 291, Zeilen: 258: 5-9, 23-25; 261: 22-16; 269: 7-10; 291: 7-15
Enrico Ferris Konzept des geborenen Verbrechers war dabei die deutlichste Abkehr von den kriminalistischen Konzepten er ersten Jahrhunderthälfte. Die Kriminologen rückten den Körper des Delinquenten in den Mittelpunkt und begutachteten das soziale wie hygienische Umfeld und die Genealogie eines Menschen, weil sie das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt für die Genese von Kriminalität verantwortlich machten. Ideen eines gewordenen Verbrechers und die Suche nach dem Punkt, an dem sich ein Verbrecher vom gesetzestreuen Weg abgewandt hat, verloren in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung.48 In einer Neueinschätzung von Devianz wurde abweichendes Verhalten zum Resultat einer körperlichen Fehlentwicklung.49 Der Körper und die Physiognomie sprachen zu dem Beobachter von krankhaften Anlagen und den Folgen psychischer Krankheitszustände. Die psychische und physische Verfasstheit der Täter wurde so aufeinander bezogen und als Produkt der individuellen Evolution begriffen.

48 Vgl. Becker, S. 271 und S. 291.

49 Vgl. zur Kritik gegen die Verbindung von sozialen, medizinischen und juristischen Kategorien Sommer, S. 275ff. Sommer weist daraufhin, dass viele Menschen mit konstitutionellen Anomalien mehr für die Gesellschaft geleistet haben als sogenannte normale Durchschnittsmenschen.

[Seite 291, Zeile 7-15]

Das Konzept des »geborenen Verbrechers« (Enrico Ferri), der nur sein Schicksal erfüllte, war die deutlichste Abkehr von den kriminalistischen Anschauungen der ersten Jahrhunderthälfte. Die Kriminalisten gingen von dem gewordenen Verbrecher aus und suchten in der Biographie jedes Rechtsbrechers nach dem Punkt, an dem dieser sich selbst bestimmt von einem gesetzes- und sittenkonformen Leben abgewandt hatte. Die Kriminologen blickten dagegen auf den Körper, das soziale wie hygienische Umfeld und die Genealogie eines Menschen, weil sie das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt für die Genese von Kriminalität verantwortlich machten.

[Seite 258, Zeile 5-9]

In der Auseinandersetzung mit gewalttätigem abweichendem Verhalten wurde somit die psychische und physiologische Verfaßtheit der Täter aufeinander bezogen und als Produkt der individuellen Evolution begriffen, wie Friedrich Nietzsches Reflexion über Grausamkeit zeigt:

[...]

[Seite 258, Zeile 23-25]

Das machte eine Neueinschätzung von Devianz notwendig, in der abweichendes Verhalten zum Resultat einer körperlichen Fehlentwicklung wurde.

[Seite 261, Zeile 22-26]

Der Kriminologe Robert Sommer wandte sich explizit gegen diese Verquickung von sozialen, medizinischen und juristischen Kategorien. Er argumentierte, daß viele Personen mit konstitutionellen Anomalien mehr für die Gesellschaft geleistet hatten als der »sogenannte normale Durchschnittsmensch«.12

[Seite 269, Zeile 7-10]

Der Körper und die Phsysiognomie sprachen zu dem Beobachter nicht mehr länger von Einprägungen, die ein lasterhaftes Leben zurückgelassen hatte, sondern von krankhaften Anlagen und den Folgen psychischer Krankheitszustände, [...]


12 SOMMER, Kriminalpsychologie, S. 275 ff. [...]

Anmerkungen

Die Quelle wird zwar in einer Fußnote (mit "Vgl.") genannt, die sinngemäßen und wörtlichen Übenahmen, welche sich auch nach dieser Quellenangabe fortsetzen, sind jedoch nicht in ihrem Umfang kenntlich gemacht.

Sichter
Hindemith

[9.] Tj/Fragment 026 10 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-10 20:30:29 Graf Isolan
Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, Verschleierung, ZuSichten

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 26, Zeilen: 10-19
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 294. 295, Zeilen: S.294,22-26 und S.295,21-25
[...] bezog Lombroso den Begriff des Atavismus auch auf psychische Funktionen. Von der Übereinstimmung körperlicher Merkmale schloss er auf eine gemeinsame Handlungsorientierung von Wilden und Verbrechern. So konnte Lombroso durch das Vorhandensein körperlicher Stigmata auf Verhaltensweisen schließen, die innerhalb der zivilisierten Gesellschaft als asozial galten.

Um die Annahme einer analogen Anpassung des Handelns eines Verbrechers an instinktgeleitetes Handeln von Wilden oder Tieren empirisch belegen zu können, führte Lombroso Untersuchungen durch, die die Beziehung von körperlicher und psychischer Andersartigkeit seiner Zeit mit dem Normalzustand früherer Zeit belegen sollten.

[Seite 294]

Von der Übereinstimmung körperlicher Merkmale zwischen einzelnen Menschen und Wilden bzw. Tieren schloß Lombroso auf gemeinsame Handlungsorientierungen. Das Konzept des Atavismus erklärte eben nicht nur die Existenz von körperlichen Stigmata, sondern auch Verhaltensweisen, die innerhalb der modernen Gesellschaft als asozial galten.

[Seite 295]

Das Handeln des Verbrechers paßte sich nahtlos in analoges, instinktgeleitetes Handeln von Tier und Urmensch ein. Um diese Annahmen empirisch zu belegen, mußte Lombroso die Beziehung zwischen körperlichen und psychischen Abnormitäten seiner Zeit und der Normalität früherer Zeiten herstellen.

Anmerkungen

Inhaltlich vollständig und in einer Reihe von Formulierungen übereinstimmend, ohne dass das gekennzeichnet worden wäre.

Sichter
(Graf Isolan)

[10.] Tj/Fragment 027 05 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-02-03 15:29:15 Hindemith
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Tj

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 27, Zeilen: 5-14
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 312, 313, Zeilen: 312: 12-13; 313: 1-3, 14-18
Festhalten lässt sich, dass Lombrosos Kritiker eine allgemeine Minderwertigkeit als Ursache von Kriminalität ausmachten, während Lombroso von einer konkreten verbrecherischen Anlage ausging. Sie benutzten ein reduktionistisch argumentierendes Erklärungsmodell, das eine kausale Beziehung zwischen Minderwertigkeit und Devianz auf physiologischer Grundlage herstellen sollte. Die Degenerationstheorie lenkte die Aufmerksamkeit der Kriminologen außerdem auf das Milieu und die Lebensbedingungen. Die Defekte des Verbrechers erschienen dabei als extreme Formen einer pathologischen Konstitution, die kennzeichnend für die Angehörigen niederer Schichten war.57

57 Vgl. Becker, S. 313.

[S. 312, Zeile 12-13]

Lombrosos Kritiker identifizierten eine allgemeine Minderwertigkeit und keine konkrete verbrecherische Anlage als Ursache von Kriminalität.

[S. 313, Zeile 1-3]

Lombrosos Kritiker benutzten ein Erklärungsmodell, das reduktionistisch argumentierte und eine eindeutige kausale Beziehung zwischen Minderwertigkeit und Devianz auf physiologischer Grundlage herstellen wollte.

[...]

[S. 313, Zeile 14-18]

Die Degenerationstheorie lenkte die Aufmerksamkeit der Kriminologen außerdem auf das Milieu und die Lebensbedingungen. Die Defekte des Verbrechers erschienen dabei als extreme Formen einer pathologischen Konstitution, die kennzeichnend für die Angehörigen »niederer« Schichten war.

Anmerkungen

Die Quelle ist zwar mit der Seitenzahl 313 in Fußnote 57 genannt, die wörtlichen und sinngemäßen Übernahmen sind jedoch nicht in ihrem Umfang kenntlich gemacht, insbesondere auch, da Becker mit "vgl." angegeben ist.

Sichter
Hindemith

[11.] Tj/Fragment 027 26 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-07 23:49:56 Kybot
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 27, Zeilen: 26-36
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 258-259, 260, Zeilen: 258: 23-25, 33; 259: 1-9; 260: 6-11
Allen Kriminologen um die Jahrhundertwende, Lombroso und seinen Kritikern war gemein, dass sie die Aporie des moralisch-sittlichen Zugangs zum Verbrecher, der die erste Hälfte des Jahrhunderts bestimmt hatte, durchbrechen wollten, indem sie nach den Bedingungen der Möglichkeit des Sündenfalls suchten. Devianz wurde in dieser Neueinschätzung als Resultat einer körperlichen Fehlentwicklung angesehen. Die Ursachen für diese waren, wie gezeigt, umstritten. Neben dem von Lombroso propagierten Atavismus bestimmte vor allem das Modell der Degeneration den kriminologischen Diskurs. In den Mittelpunkt der Untersuchungen rückten jene Außenseiter, die am vollständigsten mit dem neuen Erzählmuster erfasst und erklärt werden konnten: Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher.59

59 Vgl. Becker, S. 21.

[Seite 258, Zeile 23-25]

Das machte eine Neueinschätzung von Devianz notwendig, in der abweichendes Verhalten zum Resultat einer körperlichen Fehlentwicklung wurde.

[...]

[Seite 258, Zeile 33]

Damit wollten die Kriminologen der

[Seite 259, Zeile 1-9]

Jahrhundertwende die Aporien des moralisch-sittlichen Zugangs zum Verbrecher als gefallenem Menschen auflösen, indem sie nach den Bedingungen der Möglichkeit des Sündenfalls fragten. Sie suchten nach den kausalen Faktoren, die durch Umwelteinflüsse und Vererbung die vollständige Entwicklung eines Menschen in körperlicher, psychischer und intellektueller Hinsicht verhinderten. Die Ursachen für die Entwicklungshemmung waren durchaus umstritten. Degeneration und Atavismus waren die beiden konkurrierenden Erklärungen innerhalt des kriminologischen Diskurses, bauten jedoch auf einer gemeinsamten Grundstruktur auf.3

[Seite 260, Zeile 6-11]

Diese Verschiebung läßt sich nicht als eine Reaktion auf veränderte kriminelle Praktiken interpretieren, sondern war die Folge der neuen Schwerpunktsetzungen innerhalb des kriminologischen Diskurses. Es rückten jene Außenseiter in den Mittelpunkt des Interesses, die am vollständigsten mit dem dominierenden Erzählmuster erfaßt und erklärt werden konnten.8



[Vgl. Seite 21]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden die Gauner weitgehend aus dem kriminologischen Diskurs. Sie wurden ersetzt durch degenerierte Gewalt- und Sexualverbrecher, für die sich Mediziner und Anthropologen interessierten.

Anmerkungen

Der Text mag Anlehnungen zur angegebenen Seite 21 enthalten (siehe Fußnote 59). Statt vom "Modell der Degeneration" und vom "Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher" ist dort in ähnlichem Zusammenhang die Rede von "degenerierte Gewalt- und Sexualverbrecher" (siehe obiger Auszug). Die Übernahmen von den Seiten 258, 259 und 260 sind nicht ausgewiesen.

Sichter

[12.] Tj/Fragment 028 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-02-03 16:55:56 Hindemith
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Tj

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 28, Zeilen: 2-36
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 260, 262, 263, Zeilen: 260: 12-21; 262: 5-9, 13-17, 118-120; 263: 1, 4-7, 11-26
[d. Die Situation der Kriminologie zur Jahrhundertwende]

Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher übten aber nicht nur auf die Kriminologen eine starke Faszination aus. Auch in anderen Bereichen setze man sich mit Kriminellen auseinander, die unvermittelt außer Kontrolle gerieten. Ein uneinheitliches Konzept spiegelte sich bei Statistikern, Theologen, Politikern aber auch Literaten wider. Zunehmend gewann jedoch eine medizinische Sichtweise an Einfluss, die in Deutschland vor allem von Gefängnisärzten und forensischen Psychiatern getragen wurde. Diese repräsentierten am besten die neue Form des Denkens über Verbrecher. Dies sorgte dafür, dass eine wechselseitige Beeinflussung von medizinischen und juristischen Standpunkten stattfand, die sich in den kriminologischen Schriften um die Jahrhundertwende widerspiegelt. Rechtliche und soziale Normen wurden so mit einem anthropologischen und medizinischen Mehrwert aufgeladen, was zu einer Radikalisierung der Forderung nach Anpassung des Einzelnen an die von der Gesellschaft an ihn herangetragenen Erwartungen führte.60

Die Anerkennungen der neuen Theorien beruhten auf der breiten Akzeptanz evolutionistischer Deutungsmuster, die sich mit teleologischen Wunschvorstellungen aus vergangenen Zeiten mischten. Anreiz war es, eine Gesellschaft ohne Verbrechen in Aussicht stellen zu können. Ein Optimismus der sich auf Machbarkeitsphantasien der medizinischen Experten stützte, die ihre auf dem Gebiet der Behandlung des individuellen Körpers erreichten Kompetenzen auf den Sozialkörper übertragen wollten. Die oben dargestellte Naturalisierung von Verbrechen kann somit als Teil des Fortschrittsoptimismus der Mediziner und Sozialpolitiker angesehen werden.61

Diesem unterwarfen sich Strafrechtsexperten, Mediziner, Anthropologen und Psychiater und arbeiteten mit Leidenschaft und Ausdauer, aber auch mit Kompromissbereitschaft an der Ausbildung eines Kanons, der sich im Laufe der fachlichen Diskussion durchsetzen sollte. Sie lebten und stritten im Bewusstsein, dass die Kriminologie den Schritt vom pluridisziplinären Diskurs zur Normalwissenschaft noch längere Zeit nicht machen konnte. Deshalb zeigten die Teilnehmer dieses Diskurses eine Gesprächsbereitschaft, die sich nicht nur auf die eigenen Kollegen, sondern auf ein weites Feld von Experten und Publizisten erstreckte, von denen man Beiträge für eine neue Sicht auf den Kriminellen erwartete. Diese Offenheit drückte sich im Stil der Publikation aus: In den nüchternen, wissenschaftlichen Abhandlungen der Kriminologen finden sich Tabellen und Graphiken neben Sprichwörtern und Verweisen auf literarische Werke.62


60 Vgl. Becker, S. 260f.

61 Vgl. Becker, S. 262.

62 Vgl. Becker, S. 263.

[Seite 260]

Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher übten eine starke Faszination auf Wissenschaftler und Praktiker der Jahrhundertwende aus. Neben Juristen, Medizinern, Kriminalisten, Statistikern, Theologen und Politikern setzten sich auch Literaten mit Kriminellen auseinander, die unvermittelt außer Kontrolle gerieten. Die zahlreichen Beiträge waren von keinem einheitlichen theoretischen Konzept angeleitet; eine medizinische Sichtweise gewann allerdings zunehmend an Einfluß.9 Sie repräsentierte die neuen Vorstellungen am deutlichsten und trug wesentlich dazu bei, eine neue Form des Denkens über Verbrecher und deren strafrechtliche Behandlung im Diskurs der Jahrhundertwende zu verankern.

[Seite 262]

Die Anerkennung der kriminologischen Theorien beruhte auf der breiten Akzeptanz von evolutionistischen Deutungsmustern. Ebenso bedeutsam für ihren Erfolg war die Fähigkeit der Kriminologen, medizinische und biologische Theorien mit teleologischen Wunschvorstellungen aus der Frühzeit der bürgerlichen Gesellschaft in Verbindung zu setzen. [...] Die Naturalisierung von Devianz war somit Teil des Fortschrittoptimismus der Mediziner und Sozialpolitiker, auf den Detlev Peukert als wesentliches Merkmal der »Klassischen Moderne« hinweist. Dieser Optimismus gründete sich auf Machbarkeitsphantasien der medizinischen experten, die ihre Kompetenz in der Behandlung des individuellen

[Seite 263]

Körpers auf den Sozialkörper übertragen wollten.15 [...] Die Teilnehmer an diesem Diskurs radikalisierten die Forderung nach der Anpassung des einzelnen an die Erwartungen der Gesellschaft, indem sie rechtliche und soziale Normen mit einem anthropologischen und medizinischen Mehrwert ausstatteten. [...]

Strafrechtsexperten, Mediziner, Anthropologen und Psychiater verfolgten diesen Traum mit Leidenschaft, Ausdauer, aber auch mit Kompromißbereitschaft. Sie fühlten sich als Pioniere in einer Umbruchsituation,16 in der Kompromisse nicht politisch, sondern forschungslogisch motiviert waren; sie arbeiteten an der Ausbildung eines Kanons, der sich im Laufe der fachlichen Diskussion durchsetzen sollte. Sie lebten und stritten im Bewußtsein, daß die Kriminologie den Schritt vom pluridisziplinären Diskurs zur Normalwissenschaft noch längere Zeit nicht machen konnte. Deshalb zeigten die Teilnehmer dieses Diskurses eine Gesprächsbereitschaft, die sich nicht nur auf die eigenen Kollegen, sondern auf ein weites Feld von Experten und Publizisten erstreckte, von denen man Beiträge für eine neue Sicht auf den Kriminellen erwartete. Diese Offenheit drückte sich im Stil der Publikationen aus: In den nüchternen, wissenschaftlichen Abhandlungen der Kriminologen finden sich Tabellen und Graphiken neben Sprichwörtern und Verweisen auf literarische Werke, ethnographische Berichte und frühere Sammlungen von gerichtlichen Fällen.17


[Seite 260]

9 In Deutschland waren vor allem Gefängnisärzte und forensische Psychiater an dieser Diskussion beteiligt. Vgl. dazu: RICHARD F. WETZELL, Criminal Law Reform in Imperial Germany. Ph.D.diss., Stanford University 1991, S. 90.

Anmerkungen

Das gesamte (einseitige) Unterkapitel gibt den Text von Becker (2002) wieder. Die Quelle wird dreifach in Fußnoten genannt (mit "Vgl."), die wörtlichen und sinngemäßen Übernahmen sind aber nicht in ihrem Umfang kenntlich gemacht.

Sichter
Graf Isolan, Hindemith

[13.] Tj/Fragment 072 37 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-09 16:35:06 Plagin Hood
Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, Verschleierung, ZuSichten

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 72, Zeilen: 37-42
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 265, Zeilen: 9ff.
Die Kriminologen fanden durch den Bezug auf literarische Texte den Anschluss an frühere psychologische Reflexionen über Gewaltverbrecher, derer sie dringend bedurften. Die Gewaltverbrechen wurden bis zur Jahrhundertwende nämlich vor allem in Bezug zur Zurechnungsfähigkeit untersucht. Nur durch die Vermittlung der literarischen Klassiker blieben die psychologischen Hintergründe von Gewaltver- [brechen im kulturellen Wissen präsent und erhielten innerhalb des neuen Verbrecherbildes eine zentrale Rolle.] Die Kriminologen fanden durch den Bezug auf literarische Texte den Anschluß an frühere psychologische Reflexionen über Gewaltverbrecher.

[...]

Gewaltverbrecher wurden bis zur Jahrhundertwende vor allem in den Studien von forensischen Medizinern und Strafrechtsexperten zur Zurechnungsfähigkeit sowie in lieterarischen Werken diskutiert. Das Interesse für die psychologischen, soziologischen und anthropologischen Hintergründe von Gewaltverbrechen blieb durch die Vermittlung der literarischen Klassiker im kuturellen Wissen der Praktiker und Theoretiker präsent und erhielt innerhalb des neuen Erzählmusters schließlich eine zentrale Rolle.22


22 Vgl. SCHÖNERT, Bilder, S. 503f.

Anmerkungen

Fortsetzung auf der Folgeseite.

Sichter

[14.] Tj/Fragment 073 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-01-09 16:34:32 Plagin Hood
BauernOpfer, Becker 2002, Fragment, SMWFragment, Schutzlevel, Tj, ZuSichten

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 73, Zeilen: 1-5
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 265, Zeilen: 15-19, 28-30
[Nur durch die Vermittlung der literarischen Klassiker blieben die psychologischen Hintergründe von Gewaltver-] brechen im kulturellen Wissen präsent und erhielten innerhalb des neuen Verbrecherbildes eine zentrale Rolle.

Die Kriminologen weiteten so durch die Einbeziehung literarischer Beobachtungen ihre empirischen Bezüge und durchbrachen die engen Grenzen ihrer Fachwissenschaft: „Zwischen den Textsorten [...]“282


282 Becker S. 264. „Weil in der [...]" (Schönert, Verbrechermenschen, S. 503).

Das Interesse für die psychologischen, soziologischen und anthropologischen Hintergründe von Gewaltverbrechen blieb durch die Vermittlung der literarischen Klassiker im kuturellen Wissen der Praktiker und Theoretiker präsent und erhielt innerhalb des neuen Erzählmusters schließlich eine zentrale Rolle.22

[...]

Sie weiteten durch die Einbeziehung litersrischer und ethnographischer Beobachtungen ihre empirischen Bezüge aus und durchbrachen die engen Grenzen ihrer Fachbereiche.


22 Vgl. SCHÖNERT, Bilder, S. 503f.

Anmerkungen

Fortgesetzt von vorheriger Seite.

Das abschließende Zitat in Anführungszeichen (v. Becker S. 264, hier nicht vollständig dargestellt) ist korrekt ausgewiesen, der voranstehende Text (siehe Becker S. 265) ist hingegen nicht als Zitat ausgewiesen.

Auffällig ist außerdem, dass sowohl der Verfasser als auch auch Becker in den im Zusammenhang stehenden Fußnotenangaben auf Schnönert S. 503 verweisen.

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