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Quelle:Ts/Kern 2004

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Angaben zur Quelle [Bearbeiten]

Autor     Stefan Helge Kern
Titel    Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner
Jahr    2004
Umfang    287 Bl.
Anmerkung    Hannover, Univ., Diss., 2003
URL    http://d-nb.info/972563768/34

Literaturverz.   

ja
Fußnoten    ja
Fragmente    59


Fragmente der Quelle:
[1.] Ts/Fragment 028 07 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-23 16:58:12 Singulus
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 28, Zeilen: 7-22
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 47, Zeilen: 47: 16-26; 48: 20-25
In Hesiods Theogonie dann (um 700 v. Chr.), welche die Entstehung der Welt und der Götter schildert, werden List und Trug nicht mehr nur mit Klugheit und Schläue verbunden. Sie sind vielmehr das einzige Mittel, mit dem sich die jungen Götter gegen die alten durchsetzen können. Mit List kompensieren die Schwachen ihre Schwäche. Aus Angst vor dem Verlust der Macht frisst Kronos seine Kinder. Rhea aber versteckt Zeus und legt ihrem Gatten statt des Säuglings einen Stein ins Tuch. Später kann Zeus den Vater mit List dazu bringen, auch die Geschwister freizugeben, und so die Herrschaft über Götter und Menschen übernehmen.14

Und gar Hermes, der listenreiche Gott der Diebe, ein Schelm und Meister des Trugs und der schlauen, rätselhaften Rede.15 Gleich nach der Geburt stiehlt er Apollon, dem Bruder, fünfzig Rinder mit Hilfe einer List: Er bastelt Schuhe aus Reisig für die Tiere, damit sie merkwürdige Abdrücke, aber keine Spuren hinterlassen. Und er läßt sie rückwärts gehen.


14 Hesiod: Theogonie, V. 448–501, in: Hesiod: Sämtliche Gedichte, Theogonie, Erga, Frauenkataloge, übersetzt und erläutert v. Walter Marg, Zürich/Stuttgart: Artemis 1970, S. 51–54.
15 Vgl. Karl Deichgräber: Der listensinnende Trug des Gottes, Vier Themen des griechischen Denkens, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1952, S. 108–119.

[Seite 47]

In der Theogonie des Hesiod erfährt Täuschung eine erste Umwertung: Trug und List sind dort nicht mehr nur mit Schalkhaftigkeit und Schläue assoziiert. Täuschung wird vielmehr zum einzigen Mittel, mit dem sich die jungen Götter gegen die alten, die Schwachen gegen die Starken wehren können. Sie wird "berechtigte List des Unterdrückten gegen den Unterdrücker“4, der mit List seine Ohnmacht kompensiert. [...] Rhea kommt nur mit List gegen den Vater ihrer Kinder an: Sie versteckt den gerade geborenen Zeus und legt ihrem Gatten statt des Säuglings einen Stein ins Tuch. Später kann der auf diese Weise gerettete Zeus seinen Vater wiederum mit List dazu bringen, auch die verschlungenen Geschwister wieder freizugeben, und die Herrschaft über Götter und Menschen übernehmen.5

[Seite 48]

Zugleich ist er aber auch der listenreiche Gott der Diebe, ein Meisterdieb und Schelm, Gott der Spitzbübereien und des Trugs.8 Gleich nach seiner Geburt durch die Nymphe Maya stiehlt Hermes seinem Bruder Apollon fünfzig Rinder mit Hilfe einer List: Der Säugling bastelt Schuhe aus Reisig für die Tiere, damit sie merkwürdige Abdrücke, aber keine Spuren hinterlassen. Um seinen Bruder vollends zu irritieren, läßt er die Tiere rückwärts gehen.


4 Karl Deichgräber: Der listensinnende Trug des Gottes, Göttingen 1952, S. 124 f.
5 Hesiod: Theogonie, 448-501. In: Sämtliche Gedichte. Übers. und erl. v. Walter Marg, Zürich und Stuttgart 1970, S. 51-54.
8 Vgl. Karl Deichgräber: Der listensinnende Trug des Gottes, S. 108-119.

Anmerkungen

Kein Hinweis auf die erkennbar eigentliche Quelle.

Sichter
(fret) Schumann

[2.] Ts/Fragment 028 26 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:21:45 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 28, Zeilen: 26-28
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 49, Zeilen: 14-17
Aber gegen Hesiods anthropomorphe Deutung der Götter wandte sich schon Xenophanes von Kolophon im 6. vorchristlichen Jahrhundert in einem Spottgedicht:17 „Alles haben den Göttern Homer [und Hesiod angehängt, was nur bei Menschen Schimpf und Tadel ist: Stehlen und Ehebrechen und einander betrügen.“]

17 Xenophanes: Sillen, 11, in: Hermann Diels [Hrsg.]: Die Fragmente der Vorsokratiker, Reinbek: Rowohlt 1957, S. 19.

Gegen diese anthropomorphe Darstellung der Götter in der Dichtung hat sich schon Xenophanes von Kolophon im 6. vorchristlichen Jahrhundert in seinem Spottgedicht gewehrt. „Alles haben den Göttern Homer und Hesiod angehängt, was nur bei Menschen Schimpf und Tadel ist: Stehlen und Ehebrechen und einander betrügen.“12

12 Xenophanes: Sillen, 11. In: Hermann Diels (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker, Reinbek 1957, S. 19.

Anmerkungen

Keine Kennzeichnung der Übernahme der Ausführungen Kerns.

Sichter
Agrippina1

[3.] Ts/Fragment 029 20 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-25 23:11:40 Stratumlucidum
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 29, Zeilen: 20-25
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 82, Zeilen: 25-29
Hervorgehoben wird gemeinhin der griechische Satiriker Lukian von Samosata aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Sein Werk ist nahezu vollständig überliefert und liegt in deutschen Übersetzungen unter anderem von Johann Christoph Gottsched, Christoph Martin Wieland und, in neuerer Zeit, Hans Magnus Enzensberger vor.20

20 Manuel Baumbach: Lukian in Deutschland, Eine forschungs- und rezeptionsgeschichtliche Analyse vom Humanismus bis zur Gegenwart, München: Wilhelm Fink 2002, S. 251–266. Vgl. ferner: Peter von Möllendorff: Auf der Suche nach der verlogenen Wahrheit, Lukians „Wahre Geschichten“, Tübingen: Narr 2000.

Lukian von Samosata hatte allen Grund, sich am Anfang seiner Wahren Geschichte vom Vorwurf der Lüge freizusprechen. Seine schreibenden Zeitgenossen waren nicht gut auf ihn zu sprechen, sie schweigen über diesen Kollegen.95 Das Werk des Satirikers ist jedoch nahezu vollständig überliefert, was für Lukians Popularität spricht, und liegt in deutschen Übersetzungen unter anderem von Johann Christoph Gottsched und Christoph [Martin Wieland vor.96]

95 Vgl. Manuel Baumbach: Lukian in Deutschland, München 2002, S. 19.

96 Vgl. ebd., S. 251-266.

Anmerkungen

Bei Baumbach (2002) finden sich a.a.O. Übersetzungen von Gottsched und Wieland. Dies könnte der Verf. überprüft haben. Er bleibt somit lediglich die Referenz für die eher banale Tatsache schuldig, dass Lukians Werk fast vollständig überliefert ist.

Sichter
Stratumlucidum

[4.] Ts/Fragment 030 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:23:08 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 30, Zeilen: 1-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 83, 84, Zeilen: 83: 16-18, 26-28 - 83: 1-21
Er spricht sich indes vom Vorwurf der Lüge frei, da er als Dichter keineswegs beabsichtigte, seine Leser arglistig zu täuschen:
Ich urkunde also hiemit, daß ich mich hinsetze, um Dinge zu erzählen, die mir nicht begegnet sind; Dinge, die ich weder selbst gesehen noch von andern gehört habe, ja, was noch mehr ist, die nicht nur nicht SIND, sondern auch NIE sein WERDEN, weil sie − mit EINEM Worte − gar nicht möglich sind, und denen also meine Leser (wenn ich anders welche bekommen sollte) nicht den geringsten Glauben beizumessen haben.22

Lukians Erzähler kündigt seinen Lesern also Lügengeschichten von unmöglichen Ereignissen an. Damit stellt er sich implizit gegen die platonische wie die aristotelische Poetik, auf die noch einzugehen sein wird.23 Gegen Platon gerichtet ist die Aussage, er sei kein Lügner, weil er seine Lügen als Lügen und nicht als Wahrheiten erzähle. Gegen das aristotelische Prinzip der Wahrscheinlichkeit wiederum wendet sich das Diktum, er werde außerdem von unmöglichen Dingen und Ereignissen erzählen. Damit meint Lukian die philosophischen Bedenken gegen die Dichtung erledigt zu haben. Noch unbegründet ist aber, weshalb man seine Lügengeschichten überhaupt lesen soll. Ihr Reiz, sagt der Autor, liege in dem satirischen Charakter, den sie durch den Stil eines Wirklichkeitsberichts erhalte:

Das Anziehende, das sie (wie ich mir schmeichle) für die Leser haben werden, liegt nicht bloß in der Abenteuerlichkeit des Inhalts oder in den drollichten Einfällen und in dem traulichen Ton der Wahrheit, womit ich eine so große Mannigfaltigkeit von Lügen vorbringe, sondern auch darin, daß jede der unglaublichen Begebenheiten, die ich als Tatsachen erzähle, eine komische Anspielung auf diesen oder jenen unserer alten Dichter, Geschichtschreiber und Philosophen enthält, die uns eine Menge ähnlicher Märchen und Wunderdinge vorgelogen haben und die ich bloß deswegen zu nennen unterlasse, weil sie dir unterm Lesen von selbst einfallen werden.24

22 Lukian, Wahre Geschichte, S. 283.

23 Vgl. hinten Kap. E.V.4.

24 Lukian, Wahre Geschichte, S. 283.

[S. 83, Z. 16-18]

Zu Anfang dieser Erzählung aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert spricht sich Lukian die Tradition der Lügendichtung begründend von dem Vorwurf frei, daß er als Dichter beabsichtige, seine Leser arglistig zu täuschen. [...]

[S. 83, Z. 26-28]

Ich urkunde also hiemit, daß ich mich hinsetze, um Dinge zu erzählen, die mir nicht begegnet sind; Dinge, die ich weder selbst gesehen noch von andern gehört habe, ja, was noch mehr ist, die nicht nur

[S. 84, Z. 1-21]

nicht SIND, sondern auch NIE sein WERDEN, weil sie – mit EINEM Worte – gar nicht möglich sind, und denen also meine Leser (wenn ich anders welche bekommen sollte) nicht den geringsten Glauben beizumessen haben.”99 Bevor Lukian mit der eigentlichen Erzählung anfängt, bringt er sich in einem Exordium in Stellung. Er antwortet implizit auf die platonische wie auf die aristotelische Dichtungstheorie: Er sei kein Lügner, weil er seine Lügen als Lügen und nicht als Wahrheiten erzähle. Das ist gegen Platon gerichtet. Er werde außerdem von unmöglichen Dingen und Ereignissen erzählen. Das ist ein Hieb gegen das aristotelische Prinzip der Wahrscheinlichkeit. Lukian kündigt seinen Lesern also Lügengeschichten von unmöglichen Ereignissen an.

Zwar entkräftet Lukian mit seiner Erzählstrategie alle epistemologischen und moralischen Bedenken gegen die Dichtung. Nun muß er aber erklären, warum seine Leser den Nonsens überhaupt lesen sollen. Der Reiz seiner Erzählung bestehe, preist Lukian dem Leser seine Schrift an, in ihrem satirischen Charakter, den sie durch den Stil eines Wirklichkeitsberichts erhalte: „Das Anziehende, das sie (wie ich mir schmeichle) für die Leser haben werden, liegt nicht bloß in der Abenteuerlichkeit des Inhalts oder in den drollichten Einfällen und in dem traulichen Ton der Wahrheit, womit ich eine so große Mannigfaltigkeit von Lügen vorbringe, sondern auch darin, daß jede der unglaublichen Begebenheiten, die ich als Tatsachen erzähle, eine komische Anspielung auf diesen oder jenen unserer alten Dichter, Geschichtschreiber und Philosophen enthält, die uns eine Menge ähnlicher Märchen und Wunderdinge vorgelogen haben und die ich bloß deswegen zu nennen unterlasse, weil sie dir unterm Lesen von selbst einfallen werden.”100


99 Lukian: Wahre Geschichte, S. 284 f.

100 Ebd., S. 283

Anmerkungen

Keine Kennzeichnung der Übernahme von Kerns Ausführungen.

Sichter
Schumann

[5.] Ts/Fragment 031 03 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:24:43 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 31, Zeilen: 3-6
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 84, Zeilen: 25-28
Er tritt mit dem Vorsatz an, seine Lügen als wahr erscheinen zu lassen. Dabei ist er kein Lügner, sondern ein Täuscher. Der Mode der Zeit folgend und nach dem Vorbild Homers, wählt Lukian die Form des Reiseberichts. Er tritt mit dem Vorsatz an, seine Lügen als wahr erscheinen zu lassen. Er ist kein Lügner, sondern ein Täuscher. Deshalb wählt er einer Mode seiner Zeit folgend die Form eines Reiseberichts, womit er sich dem Vorbild Homers anschließt.
Anmerkungen

Kein Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[6.] Ts/Fragment 031 10 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:25:10 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 31, Zeilen: 10-18
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 84, 85, Zeilen: 84: 28-32 - 85: 1-4
Er enthält unter anderem die Schilderung einer Reise zum Mond, eine Gefangenschaft auf der Sonne, eine Odyssee zur Käseinsel und Abenteuer im Bauch eines riesigen Walfisches. Diese Fahrt ist demnach noch abenteuerlicher als die Odyssee. Durch eingeschobene Beteuerungen – „aufrichtig zu reden“25 − lässt Lukian seinen Erzähler immer wieder die reine Faktizität des Erzählten betonen. Ausserdem fingiert er Wirklichkeit dadurch, dass er von manchen Gegenständen, etwa Sperlingseicheln und Pferdekranichen, nicht erzählt, und zwar, weil er sie nicht gesehen habe.26

25 Ebd., S. 285.

26 Ebd., S. 290.

[Seite 84]

Lukians Fahrt ist sogar noch abenteuerlicher als die Odyssee. Seine Reise führt den Erzähler und seine Kameraden erst auf den Mond und dann in den Bauch eines Walfischs. Durch eingeschobene Beteuerungen – „aufrichtig zu reden”101 – läßt Lukian seinen Erzähler immer wieder die Faktizität des Erzählten betonen. Er fingiert Wirklichkeit außerdem dadurch, daß er von manchen Sachen nicht erzählt, weil er sie

[Seite 85]

nicht gesehen habe. Über Sperlingseicheln und Pferdekraniche sagt er: „ich muß aber gestehen, daß ich sie nicht gesehen habe, aus der ganz simpeln Ursache, weil sie nicht kamen. Ich habe mich also auch nicht erkühnen wollen, sie zu beschreiben; denn man sagt ganz abenteuerliche und unglaubliche Dinge von ihnen.”102


101 Ebd., S. 285.

102 Ebd., S. 290.

Anmerkungen

Kein Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[7.] Ts/Fragment 033 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-08-03 22:13:33 Stratumlucidum
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 33, Zeilen: 2-7, 101
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 50, Zeilen: 15-19, 21, 106
Das älteste überlieferte deutsche Lügengedicht ist das im 11. Jahrhundert in lateinischer Sprache erschienene Modus florum. Darin heisst es: „Ein Lügenlied will ich euch singen, / Das soll euch wohl zum Lachen bringen. / Es war ein König, der sein Töchterlein, / So kündet er, dem Mann wollte frein, / Der also Meister war [sic] im Lügen, / Daß sich der König ihm müßte fügen.“30 Das Gedicht bezeichnet sich selbst als „Lügenlied“.

30 Modus florum, in: Widmer, Lug und Trug, S. 85. [Vgl. Karl [sic] Müller-Frauenreuth [sic]: Die deutschen Lügendichtungen [sic], Halle: Niemeyer 1881]

Im Modus florum, dem ältesten überlieferten deutschen Lügengedicht, das im 11. Jahrhundert in lateinischer Sprache erschienen ist, heißt es: „Ein Lügenlied will ich euch singen, / Das soll euch wohl zum Lachen bringen. / Es war ein König, der sein Töchterlein, / So kündet er, dem Mann wollte frein, / Der also Meister wär im Lügen, / Daß sich der König ihm müßte fügen.“17 [...] Das Gedicht handelt von einem Lügner und bezeichnet sich selbst als „Lügenlied“.

17 Modus florum. In: Walter Widmer (Hrsg.): Lug und Trug, S. 85.

Anmerkungen

Die ungefähre Entstehungszeit des Gedichts und dieses selbst (in leicht abweichender Orthographie) finden sich auch auf S. 3 f. in Die deutschen Lügendichtungen bis auf Münchhausen (1881) von Carl Müller-Fraureuth. Der Inhalt des letzten Satzes ist trivial.

Sichter
(fret) Stratumlucidum

[8.] Ts/Fragment 039 04 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:26:27 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 39, Zeilen: 4-24
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 51, 52, Zeilen: 51: 16-24; 52: 3-11
In der 27. Histori stellt Tyl Ulenspiegel dem Landgrafen von Hessen eine Falle, die funktioniert, weil sich Tyl auf die Verlogenheit seiner Mitmenschen verlassen kann. Er verspricht, dem Fürsten ein Bild zu malen, das dessen Vorfahren darstellt und so seine adelige Herkunft augenfällig macht. Tyl erhält einen Vorschuss und heuert drei Gesellen an, deren grösste Arbeit nicht die Malerei, sondern das Brettspiel sein soll. Als der hessische Landgraf den Fortschritt der Arbeiten an dem Gemälde begutachten will, sagt Ulenspiegel: „Ja, gnädiger Herr, aber einerlei will ich Euern Gnaden sagen, wer mit Euern Gnaden gehet und das Gemäld beschaut: Wer dann nit recht ehelich geboren ist, der mag mein Gemäld nit wohl sehen.“43 Er führt den Fürsten vor die leere Leinwand und beschreibt ihm, welche seiner Vorfahren wo und wie zu sehen seien. „Der Landgraf sah anders nüt dann die weiß Wand und gedacht in ihm selber, sollt ich immer ein Hurenkind sin, so sehe ich doch anders nüt dann eine weiße Wand.“44 Freilich äussert er dies nicht. Auch die Fürstin und acht Jungfrauen schweigen, aus Angst um ihren Ruf. Nur eine Törin gibt schliesslich die Wahrheit preis, dass nämlich gar kein Gemälde zu sehen ist. „Da gedacht Ulenspiegel, das will nit gut werden, wollen die Toren die Wahrheit sagen […].“45 Er lässt sich erneut hundert Gulden geben und macht sich aus dem Staub.

43 Anonym: Tyl Ulenspiegel, in: Peter Suchsland [Hrsg.]: Deutsche Volksbücher, Berlin/Weimar: Aufbau 1968, S. 43 f.

44 Ebd., S. 44.

45 Ebd., S. 45

[Seite 51]

Tyl Ulenspiegel stellt dem Landgrafen von Hessen eine Falle, die funktioniert, weil sich Tyl auf die Verlogenheit seiner Mitmenschen verlassen kann. Er verspricht, dem Fürsten ein Bild zu malen, das dessen Vorfahren darstellt und so seine adelige Herkunft augenfällig macht. Tyl erhält einen Vorschuß und heuert drei Gesellen an, deren größte Arbeit nicht die Malerei, sondern das Brettspiel sein soll. Irgendwann will der hessische Landgraf den Fortschritt der Arbeiten an dem Gemälde begutachten. Da sagt Ulenspiegel: „Ja, gnädiger Herr, aber einerlei will ich Euern Gnaden sagen, wer mit Euern Gnaden gehet und das Gemäld beschaut: Wer dann nit recht ehelich geboren ist, der mag mein Gemäld nit wohl sehen.“21

[Seite 52]

Ulenspiegel führt den Landgrafen vor eine leere Leinwand und beschreibt ihm, welche seiner Vorfahren wo und wie zu sehen seien. „Der Landgraf sah anders nüt dann die weiß Wand und gedacht in ihm selber, sollt ich immer ein Hurenkind sin, so sehe ich doch anders nüt dann ein weiße Wand.“22 Sagen tut er das freilich nicht. Auch die Fürstin und acht Jungfrauen schweigen still und sagen nicht, was sie sehen, weil sie Angst haben um ihren Ruf. Nur eine Törin – bei Andersen ein kleines Kind – sagt schließlich die Wahrheit, daß nämlich kein Gemälde, sondern nur eine weiße Leinwand zu sehen ist. „Da gedacht Ulenspiegel, das will nit gut werden, wöllen die Toren die Wahrheit sagen [...]“23 Er läßt sich erneut hundert Gulden geben und zieht schnell weiter.


21 Anonym: Tyl Ulenspiegel. In: Peter Suchsland (Hrsg.): Deutsche Volksbücher, Berlin und Weimar 1968, S. 43 f.

22 Ebd., S. 44.

23 Ebd., S. 45.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[9.] Ts/Fragment 041 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:27:44 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 41, Zeilen: 2-7
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 66, Zeilen: 7-13
Bis ins Mittelalter gilt es als Ausweis besonderer Klugheit. Die Aufklärung hingegen erachtet Täuschung als amoralisch. Nur dort noch wird der Lügner positiv gesehen, wo ihm die Verlogenheit einer ganzen Gesellschaft gegenübersteht. Die Figur des Schelms ist dann „der Katalysator, durch den das wahre Bild der Gesellschaft evident wird“49.

49 Vgl. Rainer Diederichs: Strukturen des Schelmischen im modernen deutschen Roman, Eine Untersuchung an den Romanen von Thomas Mann „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und Günter Grass „Die Blechtrommel“, Düsseldorf: Diederichs 1971, S. 33.

Galt das Lügen noch bis in die Dichtung des Mittelalters hinein als Ausweis besonderer Klugheit, stempelt die Aufklärung Täuschung zum abweichenden, amoralischen Verhalten. Der Schelm darf nur dann positiver Held sein, wenn seinen kleinen Lügen die Verlogenheit einer ganzen Gesellschaft gegenübersteht. Denn dann kann selbst ein Betrüger ein Werkzeug der Aufklärung sein. „Die Figur des Hochstaplers ist der Katalysator, durch den das wahre Bild der Gesellschaft evident wird.“55

49 Vgl. Rainer Diederichs: Strukturen des Schelmischen, S. 33.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[10.] Ts/Fragment 049 14 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:29:04 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 49, Zeilen: 14-20
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 101, Zeilen: 14-20
Die Grenzen zwischen den autobiographischen Genres sind fliessend. Gemeinsam ist ihnen, dass jemand sein bisheriges Leben, genauer: aus seinem bisherigen Leben erzählt. Memoiren akzentuieren stärker die Umstände, in denen der Autor gehandelt hat, während das Bekenntnis die Motive und Konflikte des Schreibenden stärker in den Mittelpunkt rückt. Bekenntnisse haben daher eine Tendenz zur Apologie. Die Grenzen zwischen den autobiographischen Genres sind fließend. Gemeinsam ist ihnen, daß jemand sein vergangenes Leben erzählt. Der „autobiographische Pakt“ verlangt außerdem die Authentizität des Bekenntnisses. Memoiren akzentuieren stärker die Umstände, in denen der Autor gehandelt hat, während das Bekenntnis die Motive und Konflikte des Schreibenden stärker in den Mittelpunkt rückt. Bekenntnisse haben daher eine Neigung, Apologie zu sein.
Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Agrippina1

[11.] Ts/Fragment 054 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:30:48 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 54, Zeilen: 2-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 101, 102, Zeilen: 101: 30-32 - 102: 1ff
Jeder Autobiographie liegt die Überzeugung zugrunde, dass die eigene Individualität aufschreibens- und mitteilenswert sei. Dessen war sich Michel de Montaigne bewusst, als er seinen Essais von 1580 die ironische Bemerkung voranstellte: „Also bin ich selbst die Materie meines Buches, geneigter Leser. Es ist nicht der Mühe werth, daß du deine Zeit auf einen so geringschätzigen und nichtigen Gegenstand wendest.“85

Rousseau verzichtet in seinen nach dem Willen des Verfassers posthum 1782 und 1788 erschienenen Confessions auf die Tarnung der narzisstischen Motivation und tritt ausgesprochen selbstbewusst auf. „Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders. Ob die Natur wohl oder übel daran tat, die Form zu zerstören, in die sie mich gegossen hatte, kann man erst beurteilen, nachdem man mich gelesen hat.“86 In der Tradition des bekehrten Kirchenvaters Augustinus richtet Rousseau seine Confessions an Gott und die Menschen. Selbst dem Jüngsten Gericht will er sie vorlegen, um mit ihnen den lieben Gott von seiner Besonderheit zu überzeugen. Was als Unbescheidenheit daherkommt, soll bloß aufrichtig sein. Die Menschheit, kommentierte Oscar Wilde wohl nicht ganz ohne Bosheit, werde Rousseau „immer dafür lieben, daß er seine Sünden nicht dem Priester, sondern der Welt gebeichtet hat“.87

Während sich Rousseau zumindest expressis verbis an Gott wendet, setzt Goethe den Brief eines Freundes an den Anfang von Dichtung und Wahrheit, um sein Erzählen zu motivieren. Man habe ihn gebeten, seine jeweiligen „Lebens- und Gemütszustände“ darzulegen, die die Stoffe für seine Werke hergegeben hätten. In seinem Kommentar für die Hamburger Goethe-Ausgabe weist Erich Trunz darauf hin, dass dieser „Brief eines Freundes“ „in seiner Formulierung wohl ein Werk [Goethes sei“, auch wenn er inhaltlich vieles zusammenfasse, „was man dem Dichter wiederholt gesagt und geschrieben hatte, und ist insofern (gleich dem übrigen) ‚gedichtete‘ Wahrheit“.88]


85 Michel de Montaigne: Essais, Ins Deutsche übersetzt v. Johann Daniel Tietz, Zürich: Diogenes 1992, S. XLIV.

86 Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse, Die Träumereien des einsamen Spaziergängers, Übersetzt v. Alfred Semerau, München: Winkler 1978, S. 9: „Je ne suis fait comme aucun de ceux que j’ai vus; j’ose croire n’être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m’a jette, c’est ce donc on ne peut juger qu’apres m’avoir lu.“

87 Oscar Wilde: Der Kritiker als Künstler, in: Oscar Wilde: Sämtliche Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Norbert Kohl, Frankfurt am Main: Insel 1982, Bd. VII, S. 70.

88 Erich Trunz: Anmerkungen, in: Johann Wolfgang von Goethe: Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, hrsg. v. Erich Trunz, München: dtv 1998, Bd. IX, S. 641 f.

[Seite 102]

Denn jeder Autobiographie liegt die Überzeugung zugrunde, daß die eigene Individualität mitteilenswert sei. Dessen war sich schon Michel de Montaigne bewußt, als er seinen Essais von 1580 folgende ironische Bemerkung voranstellte, die Max Frisch später als Motto für seinen autobiographischen Roman Montauk verwendet hat: „Also bin ich selbst die Materie meines Buches, geneigter Leser. Es ist nicht der Mühe werth, daß du deine Zeit auf einen so geringschätzigen und nichtigen Gegenstand wendest.“13 Im Gegensatz zu Goethe und Krull verzichten Montaigne und Rousseau auf die Tarnung der narzißtischen Motivation. Auf das Interesse des Publikums konnten sie ohnehin rechnen. Zu Beginn seines Dialogs Der Kritiker als Künstler schreibt Oscar Wilde: „Die Menschheit wird Rousseau immer dafür lieben, daß er seine Sünden nicht dem Priester, sondern der Welt gebeichtet hat [...].“14 Während sich Rousseau zumindest expressis verbis noch an Gott wendet, ist Gott als Adressat der Autobiographie bei Goethe gestrichen. Goethe setzt den Brief eines Freundes an den Anfang von Dichtung und Wahrheit, um sein Erzählen zu motivieren. Man habe ihn, den berühmten Dichter, gebeten, seine jeweiligen „Lebens- und Gemütszustände“ darzulegen, die die Stoffe für seine Werke hergegeben hätten. In seinem Kommentar für die Hamburger Goethe-Ausgabe weist Erich Trunz jedoch darauf hin, daß dieser „Brief eines Freundes“ „in seiner Formulierung wohl ein Werk Goethes sei“, auch wenn er inhaltlich vieles zusammenfasse, „was man dem Dichter wiederholt gesagt und geschrieben hatte, und ist insofern (gleich dem übrigen) ‚gedichtete’ Wahrheit.“15

[Seite 101]

Der französische Aufklärer Rousseau tritt im Unterschied zu Goethe und Krull in seinen Bekenntnissen ausgesprochen selbstbewußt auf. „Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der

[Seite 102]

Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders. Ob die Natur wohl oder übel daran tat, die Form zu zerstören, in die sie mich gegossen hatte, kann man erst beurteilen, nachdem man mich gelesen hat.“12 In der Beschwörung seiner Einzigartigkeit liegt kämpferisches Pathos. In der Tradition des bekehrten Kirchenvaters Augustinus richtet Rousseau seine Confessions an Gott und die Menschen. Selbst dem Jüngsten Gericht will Rousseau seine Bekenntnisse vorlegen, um mit ihnen sogar das ewige Wesen von seiner Besonderheit zu überzeugen. Was als Unbescheidenheit daherzukommen scheint, ist tatsächlich bloß aufrichtig.


12 Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse. Übersetzt von Alfred Semerau, München 1978, S. 9.
„Je ne suis fait comme aucun de ceux que j’ai vus; j’ose croire n’être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m’a jetté, c’est ce donc on ne peut juger qu’après m’avoir lu.“ (Les Confessions)

13 Michel de Montaigne: Essais. Ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz, Zürich 1992, S. XLIV.

14 Oscar Wilde: Der Kritiker als Künstler. Sämtliche Werke VII, S. 70.

15 Erich Trunz: Anmerkungen. Johann Wolfgang von Goethe: Werke IX, S. 641 f.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[12.] Ts/Fragment 055 18 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:32:21 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 55, Zeilen: 18-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 100, 104, Zeilen: 100: 17-20; 104: 7-9, 18-25
Die Funktion autobiographischen Erzählens wird in der Erzeugung von Glaubwürdigkeit gesehen: Die beste Wahrheitsbeglaubigung ist „die Angabe, man habe das Betreffende selbst erlebt“.90 Im Unterschied zur Biographie, die ein Leben aus der Perspektive einer anderen Person beschreibt, hat der Autobiograph zunächst allein zeitlichen Abstand zu seinen Freuden, Irrtümern und Leidenschaften, keine persönliche. Zu einer auch inneren Distanz aber führt radikale Veränderung: Augustinus, das Vorbild, hat sich nach sündhaftem Leben gewandelt und ist auf den rechten Weg zurückgekehrt. Der alte Kirchenvater ist nicht mehr identisch mit dem jungen Sünder. Kraft seiner Bekehrung kann er wie ein Dritter objektiv auf seine Jugendsünden blicken. Die Bekehrung verbürgt die Wahrheit des Bekenntnisses.

90 Kurt Forstreuter: Die deutsche Icherzählung, Eine Studie zu ihrer Technik und Geschichte, Nachdruck der Ausgabe Berlin 1924, Nendeln: Kraus Reprint 1967 [= Germanische Studien 33], S. 49.

[Seite 100]

Das ist die Grundkonstellation autobiographischen Erzählens, deren Funktion Kurt Forstreuter in der Erzeugung von Glaubwürdigkeit sieht. „Eine bessere Beglaubigung der Wahrheit gibt es aber nicht als die Angabe, man habe das Betreffende selbst erlebt.“9

[Seite 104]

Im Unterschied zu einer Biographie, die ein Leben aus der Perspektive einer anderen Person beschreibt, hat der Autobiograph zunächst allein eine zeitliche Distanz zu seinen Freuden, Irrtümern und Leidenschaften. [...] Jemand wie Augustinus hat es in diesem Punkt leicht: Nach einem sündigen Leben hat er eine Wandlung durchgemacht und ist auf den rechten Weg zurückgekehrt. Der Inhalt dieses Lebens kommt der Autobiographie entgegen, weil der alte Kirchenvater nicht mehr mit dem jungen Sünder identisch ist. Der Alte kann nur wegen der vorausgegangenen Bekehrung wie ein objektiver Biograph auf seine Jugendsünden blicken. Aus diesem Grund ist es für einen Autobiographen und seine Glaubwürdigkeit immer günstig, wenn er eine durchlebte Entwicklung behauptet. Die Bekehrung macht die Wahrheit des Bekenntnisses glaubhaft, wie die Authentizität des Bekenntnisses die stattgefundene Wandlung beweist.


9 Kurt Forstreuter: Die deutsche Icherzählung, S. 49.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[13.] Ts/Fragment 095 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:34:02 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 95, Zeilen: 1-14
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 56, 57, Zeilen: 56: 18-25; 57: 3-10
[Das Fragment ist in den Jahren 1787–1789 als Fortsetzungsroman] in der Zeitschrift Thalia und gleich anschliessend in Buchform veröffentlicht worden. Schiller hat den Text wiederholt stark überarbeitet. Er tritt als fingierter Herausgeber von Aufzeichnungen des Grafen von O auf.200 Dieser beteuert im ersten Absatz der Buchausgabe seine Glaubwürdigkeit: „Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter an die Welt treten, bin ich nicht mehr, und nie werde ich ihr Schicksal erfahren.“201

Im Erstdruck greift der Herausgeber mehrfach kommentierend in den Text ein. Er berichtet, dass er die Papiere des Grafen von O, „dessen Worten ich bis jetzt buchstäblich gefolgt bin“, bearbeitet und von überflüssigen Details befreit habe, „um lieber zur Sache selbst zu eilen“.202 Gleichzeitig betont er seine Zurückhaltung: „so wenig darf ich doch der historischen Wahrheit zu nahe treten, und ich erzähle das Factum, wie ich es gefunden.“203


200 Als fingierte Herausgeber bestimmter Dokumente traten etwa auch Goethe (Die Leiden des jungen Werthers) oder E .T. A. Hoffmann (Die Elixiere des Teufels) auf.

201 Friedrich Schiller: Der Geisterseher, Aus den Memoiren des Grafen von O** , in: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Bd. III, S. 529.

202 Ebd., S. 611.

203 Ebd., S. 615.

[Seite 56]

Schillers Romanfragment ist in den Jahren 1787 bis 1789 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Thalia und im Jahr der Französischen Revolution erstmals in Buchform erschienen. Schiller hat den Text mehrfach stark überarbeitet, so daß sich eine Interpretation des Werkes viele Freiheiten nehmen kann.35 Die Erzählsituation ist mehrfach vermittelt: Der Autor Schiller tritt als Herausgeber von Aufzeichnungen des Grafen von O auf. Dieser erklärt – im ersten Absatz der Buchausgabe – seine Erzählweise so: „Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter an die Welt treten, bin ich nicht mehr, und nie werde ich ihr Schicksal erfahren.“36

[Seite 57]

Der Herausgeber der fingierten Memoires greift – im Erstdruck in der Zeitschrift Thalia – mehrfach kommentierend in den Text ein. In seinen Anmerkungen berichtet der Herausgeber „S.“ einerseits, daß er die Papiere des Grafen von O, „dessen Worten ich bis jetzt buchstäblich gefolgt bin“, bearbeitet und von überflüssigen Details befreit habe, „um lieber zur Sache selbst zu eilen“37. Andererseits betont er die Zurückhaltung bei Eingriffen in sein Material: „so wenig darf ich doch der historischen Wahrheit zu nahe treten, und ich erzähle das Factum, wie ich es gefunden.“38


35 [...]

36 Friedrich Schiller: Der Geisterseher. Werke und Briefe VII, S. 1000.

37 Ebd., S. 611.

38 Ebd., S. 615.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[14.] Ts/Fragment 106 13 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:35:21 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 106, Zeilen: 13-17
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 62, 63, Zeilen: 62: 12-13; 63: 6-9
Um Betrug und Täuschung geht es auch in der Novellensammlung Die Leute von Seldwyla, die Gottfried Keller 1856 und 1873/74 in zwei Bänden veröffentlicht hat.227 Seine Geschichte Kleider machen Leute handelt von dem Interesse, das die Betrogenen an dem Betrug haben müssen, damit er funktioniert.

227 Vgl. dazu Gregor Reichelt: Unwahrhaftigkeit und Täuschbarkeit in Gottfried Kellers Seldwyla-Novellen, in: Hartmut Eggert/Janusz Golec [Hrsg.]: Lügen und ihre Widersacher, Literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert, Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, S. 145–161.

[Seite 62]

Täuschung ist auch das stille Hauptthema der Novellensammlung Die Leute von Seldwyla, die Gottfried Keller 1856 und 1873/74 in zwei Bänden veröffentlicht hat.

[Seite 63]

Der Titel der Erzählung Kleider machen Leute ist ein geflügeltes Wort und taucht variiert in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull auf. In Kellers Geschichte von Wenzel Strapinski geht es um die Interpretation von Zeichen und – wie bei Klein Zaches – um das Interesse, das die Betrogenen an dem Betrug haben müssen, damit er funktioniert.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[15.] Ts/Fragment 145 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-22 16:08:47 Schumann
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 145, Zeilen: 1-13
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 15, Zeilen: 14-26
I. PHILOSOPHIE DER TÄUSCHUNG

In der geistesgeschichtlich-christlichen Tradition werden die Begriffe Wahrheit und Wirklichkeit als positive Prinzipien behandelt. Wahrheit ist licht und göttlich, Schein hingegen dunkel und teuflisch. Zumal die Aufklärung wirkte darauf hin, Schein durch Erkenntnis zu ersetzen, Lüge und Täuschung mit der Sonne der Vernunft wegzusengen. Nietzsche denunzierte den Glauben an die Möglichkeit von Wahrheit, indem er diese selbst als Täuschung erklärte: „[D]ie Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind“.5 In der Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches rehabilitierte er die vorher als moralisch minderwertig gehandelte Täuschung als Lebensgrundlage: „[D]as Leben ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Täuschung, es lebt von der Täuschung …“6


5 Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, in: KSA, Bd. 1, S. 873–890. Nietzsche schrieb diesen Essay am Anfang seiner Basler Professur (1873); er blieb zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht.

6 Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, in: KSA, Bd. 2, S. LXI.

A. Philosophie der Täuschung

Die geistesgeschichtliche Tradition des Abendlandes favorisiert die Begriffe Sein, Wahrheit, Wirklichkeit und Erkenntnis als positive Prinzipien. Die Wahrheit ist das göttliche Licht, der Schein hingegen das Dunkel, in dem der Teufel vermutet wird. Täuschung ist der Gegenspieler, ein Spiegelbild des Projekts der Aufklärung, aber damit auch sein Grund. Am Ende des 19. Jahrhunderts bilden die verstreuten Gedanken Friedrich Nietzsches einen Gegenpol zum traditionellen Glauben an die Wahrheit. Nietzsche schlägt die Wahrheit mit ihren eigenen Waffen, indem er sie selbst zur Täuschung erklärt: „die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind“1. In der Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches schreibt er: „und das Leben ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Täuschung, es lebt von der Täuschung...“2 Nicht zum Prinzip der Erkenntnis erhebt Nietzsche die Täuschung, aber immerhin zum Grund des Lebens. Die Welt steht Kopf.


1 Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. Werke in drei Bänden III, Darmstadt 1997, S. 314.

2 Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Werke I, S. 438.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich.

Sichter
Schumann

[16.] Ts/Fragment 145 19 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-29 11:13:34 Stratumlucidum
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 145, Zeilen: 19-24
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 17, Zeilen: 18-27
Er will alles Zweifelhafte aus seinem Denken bannen, um der Erkenntnis eine unanfechtbare Grundlage zu verschaffen. So überlegt er sich auch, ob er nicht das Opfer eines allmächtigen Täuschergottes sein könnte, und schleift das ganze Gebäude seiner bisherigen Vorstellungen. Sogar die Idee Gottes steht unter Verdacht:8

[8 Ebd. [= René Descartes: Meditationen über die Grundlage der Philosophie], S. 19 f. (Erste Meditation, 10 u. 16).]

Da er aber alles Zweifelhafte aus seinem Denken vertreiben will, um der Erkenntnis eine solide Basis zu geben, überlegt Descartes, ob er nicht das Opfer eines allmächtigen Täuschergottes sein könne, der ihm die Existenz einer Außenwelt sowie die Existenz in einem Körper nur vortäusche.

Auf der Suche nach Gewißheit und einem sicheren Fundament der Vernunft reißt Descartes das ganze Gebäude seiner bisherigen Auffassungen ein. [...] Sogar die Idee Gottes, die in der mittelalterlichen Philosophie als Bedingung der Möglichkeit einer Entsprechung von Denken und Gegenstand der Garant für die Möglichkeit der Wahrheit von Urteilen war, wird von Descartes möglichen Betrugs verdächtigt.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95 [...]"

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich; ein solch globaler Hinweis ist dennoch problematisch, da so nicht mehr konkret zwischen eigener und fremder, übernommener Leistung unterschieden werden kann.

Gegen eine Wertung als Plagiat spricht jedoch, dass dem Vf. Descartes offenbar vorliegt und der Bezug auf die in Fn. 8 angeführten Stellen sachlich zutreffend ist. Zudem ist die Kenntnis dieser Gedanken Descartes' verbreitet.

Sichter
(fret) Stratumlucidum

[17.] Ts/Fragment 146 15 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-28 17:51:03 Stratumlucidum
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 146, Zeilen: 15-27, 34-35, 101-103
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 18; 19; 20, Zeilen: 18: 6-10, 26-29; 19: 14, 17-20, 101-102; 20: 6-10
Descartes verfolgt dann aber die Idee eines Täuschergottes leider nicht weiter. Am Ende schliesst er den Deus deceptor durch den Zirkelschluss aus, dass ein Attribut Gottes seine Güte, diese aber mit dem Willen zur Täuschung unvereinbar sei.

Leibniz nahm die Denkfigur auf. Er führte aus, dass Menschen zwar nicht endgültig wissen könnten, ob ihr Leben nur ein Traum sei und sie im Spiegelkabinett eines Täuschergottes lebten, wies aber zugleich auf die praktische Irrelevanz dieser Frage bei kohärenter Täuschung hin.9 Der Idealismus Immanuel Kants hat Leibniz’ Argumentation weitergeführt: Danach gibt es zwar eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit als Ursache der Erscheinungen, über diese Welt an sich lässt sich aber grundsätzlich nicht urteilen. Kants Erkenntnistheorie tränkt den Wirklichkeitsbegriff mit Ambivalenz. [...]

Von hier aus ist es nicht mehr weit zu einem philosophischen Fiktionalismus, wie ihn unter dem Titel einer Philosophie des Als-Ob der Kan-[tianer Hans Vaihinger vertritt.]


9 Gottfried Wilhelm Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, IV, 2, § 14, in: Gottfried Wilhelm Leibniz: Philosophische Schriften III/2, Darmstadt 1985, S. 273.

[Seite 18]

Die Idee eines Täuschergottes verfolgt Descartes leider nicht sehr ernsthaft. Theoretisch ist der zweite Teil der Meditationes weit weniger überzeugend, weil Descartes den „Deus deceptor“ am Ende schlicht – analog dem ontologischen Gottesbeweis – durch das Argument ausschließt, daß ein Attribut Gottes seine Güte sei. Und die Güte sei mit dem Willen zur Täuschung unvereinbar. Punkt. Zirkelschlüsse haben den Vorteil, [...]

[...]

Gottfried Wilhelm Leibniz hat betont, daß Menschen zwar nicht endgültig wissen könnten, ob ihr Leben nur ein Traum sei oder ob sie statt in einer realen Welt in dem Spiegelkabinett eines Täuschergottes lebten. Allerdings hat Leibniz zugleich auf die praktische Irrelevanz dieser Frage hingewiesen, wenn die Täuschung kohärent ist. [„Denn es ist, metaphysisch gesprochen, nicht unmöglich, daß es einen ebenso zusammen-

[Seite 19]

hängenden und andauernden Traum geben könnte wie ein Menschenleben. [...]]“15 [...]

Das Prinzip dieser Argumentation ist einflußreich geworden durch den Idealismus Kants: [...] Kant unterstellt zwar eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit als Ursache der Erscheinungen, über dieses An sich lasse sich jedoch grundsätzlich nicht urteilen. Damit kommt dem Begriff der Wirklichkeit in dieser Erkenntnistheorie eine ambivalente Funktion zu. [...]


15 Gottfried Wilhelm Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, IV, 2, §14. Philosophische Schriften III/2, Darmstadt 1985, S. 273.

[Seite 20]

Indem „gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände“17 konstitutiv sind für das Kantische System, leitet Kant zu einem philosophischen Fiktionalismus über, einer Schule, die unter dem Titel einer Philosophie des Als-Ob von Hans Vaihinger die Philosophie des 20. Jahrhunderts dominiert.


[17 Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, B799 f. [sic] Werke II, S. 653.]

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95 [...]"

Die Übernahme erfolgt zwar aus diesem Bereich, jedoch macht dieser globale Hinweis nicht die konkret übernommene Argumentation kenntlich.

Sichter
Stratumlucidum

[18.] Ts/Fragment 147 10 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:56:08 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 147, Zeilen: 10-15
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 20, Zeilen: 14-18
Diese auch neurophysiologisch unterfütterte Theorie wird von der Schule des Radikalen Konstruktivismus weiterentwickelt. Sie wurde von dem österreichisch-amerikanischen Philosophen Ernst von Glasersfeld (1917–2010) begründet und steht in einer erkenntniskritischen Traditionslinie, die von Demokrit bis zu George Berkeley reicht.12

12 Vgl. Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit, in: Heinz Gumin/Armin Mohler [Hrsg.]: Einführung in den Konstruktivismus, München: Reinhardt 1985 [7. Aufl. 2003], S. 1 f.; Siegfried J. Schmidt: Der Radikale Konstruktivismus, Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs, in: Siegfried J. Schmidt [Hrsg.]: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987, S. 11–88.

Der Gedanke, daß jedes Subjekt sich seine eigene Wirklichkeit konstruiere, findet in der Schule des Radikalen Konstruktivismus seine gegenwärtige Gestalt und neurophysiologische Untermauerung. Mit seiner grundsätzlichen Annahme sieht sich der Konstruktivismus in einer erkenntniskritischen Traditionslinie, die von Demokrit bis zu George Berkeley reicht:19

19 Vgl. Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit. In: Heinz Gumin, Armin Mohler (Hrsg.): Einführung in den Konstruktivismus, München 1985, S. 1 f.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[19.] Ts/Fragment 157 24 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:41:28 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 157, Zeilen: 24-27
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 15, Zeilen: 27-31
Aus diesem Grund hat man in der chinesischen Kultur, wo List und Täuschung eine lange Tradition haben, schon früh eingesehen, dass nur der nicht auf Täuschungsversuche hereinfällt, der sich jenseits von Gut und Böse mit List beschäftigt.44

44 Vgl. Harro von Senger: Die Kunst der List, München: C. H. Beck 2001, S. 17.

Während die Täuschung in der abendländischen Tradition als moralisch minderwertig galt, hat sie etwa in der chinesischen Kultur bis heute einen festen Ort, wie der Sinologe und Strategem-Forscher Harro von Senger in seinem Buch Die Kunst der List erklärt.3 In der chinesischen Kultur habe man schon früh eingesehen, daß nur der nicht auf Täuschungsversuche hereinfalle, der sich jenseits von Gut und Böse mit List beschäftige.

3 Senger verwendet den Begriff des „Strategems“ anstelle von „List“ oder Täuschungsmanöver“, weil dieser Begriff in der abendländischen Kultur moralisch neutral sei. Vgl. Harro von Senger: Die Kunst der List, München 2001, S. 17.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[20.] Ts/Fragment 168 03 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:53:55 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 168, Zeilen: 3-13
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 26, Zeilen: 7-16
Auch später haben Experten Hochstaplern auf der Grundlage psychopathologischer Dispositionen verzerrte Realitätswahrnehmung und ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit zugeschrieben. In dieser Weise beschrieb 1935 der erbbiologisch orientierte Psychologe Walter von Baeyer (1904–1987) verurteilte Lügner, deren gemeinsames Kennzeichen er in einer übersteigerten Phantasie sah: „Einige unserer Schwindler zeichnen sich durch eine außerordentlich konkrete, ins Detail gehende und − man darf wohl sagen − realistische Form ihrer Phantasie aus. Sie sind imstande, ihren gutgläubigen Mitmenschen Situationen mit allen Einzelheiten so plastisch und farbig auszumalen, daß jeder glaubt, der Erzähler müsse wirklich ‚dabei‘ gewesen sein.“67

67 von Baeyer, Zur Genealogie psychopathischer Schwindler und Lügner, S. 10.

Hochstaplern wird von dieser Seite eine verzerrte Realitätswahrnehmung und ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit attestiert. „Einige unserer Schwindler zeichnen sich durch eine außerordentlich konkrete, ins Detail gehende und – man darf wohl sagen – realistische Form ihrer Phantasie aus. Sie sind imstande, ihren gutgläubigen Mitmenschen Situationen mit allen Einzelheiten so plastisch und farbig auszumalen, daß jeder glaubt, der Erzähler müsse wirklich ‚dabei’ gewesen sein.“36 Man könnte meinen, daß Walter von Baeyer hier scherzhaft über Dichter realistischer Prosa spricht. Tatsächlich beschreibt der erbbiologisch orientierte Psychologe im Jahr 1935 verurteilte Schwindler und Lügner, deren gemeinsames Kennzeichen er in einer übersteigerten Phantasie sah.

36 Walter von Baeyer, Zur Genealogie psychopathischer Schwindler und Lügner, S. 10.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[21.] Ts/Fragment 175 05 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-26 09:04:25 Stratumlucidum
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Schumann
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 175, Zeilen: 5-12
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 70; 71, Zeilen: 70: 6-10; 71: 10-14
Wenn Literaturtheorie und philosophische Ästhetik unter den Begriffen Mimesis und Fiktionalität diskutieren, ob Dichtung Abbild, Vorbild oder Gegenbild der Welt sei oder sein solle, wird immanent vorausgesetzt, dass sie überhaupt in Beziehung zur Wirklichkeit steht. Es ist in der Geschichte der ästhetischen Theorie eine jeweils neue Vorstellung von Wirklichkeit, welche auf den Begriff der Dichtung zurückwirkt, wie der Philosoph Hans Blumenberg in seinem Aufsatz Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans betont: [„[…] gerade dadurch, daß dem poetischen Gebilde von allem Anfang unserer Tradition an seine Wahrheit bestritten worden ist, ist die Theorie von der Dichtung zu einem systematischen Ort geworden, an dem der Wirklichkeitsbegriff kritisch hereinspielen und aus seiner präformierten Implikation heraustreten muß.“87]

[87 Hans Blumenberg: Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans, in: Hans Robert Jauß [Hrsg.]: Nachahmung und Illusion, 2., durchgesehene Aufl. München: Wilhelm Fink 1969 [= Poetik und Hermeneutik 1], S. 10.]

[Seite 70]

Unter den Begriffen „Mimesis“ und „Fiktionalität“ wird in der philosophischen Ästhetik und in der Literaturtheorie diskutiert, ob die Dichtung Abbild, Vorbild oder Gegenbild der Welt sei oder sein solle. In einer Voraussetzung sind sich dabei alle divergierenden Einschätzungen des Verhältnisses von Dichtung und Welt einig: daß Dichtung in Beziehung zur Wirklichkeit stehe.

[Seite 71]

In der Geschichte der ästhetischen Theorie ist es eine jeweils neue Vorstellung von Wirklichkeit, die einen veränderten Begriff künstlerischer Nachahmung erfordert, wie Hans Blumenberg in seinem Aufsatz Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans nachgewiesen hat. [„Also gerade dadurch, daß dem poetischen Gebilde von allem Anfang unserer Tradition an seine Wahrheit bestritten worden ist, ist die Theorie von der Dichtung zu einem systematischen Ort geworden, an dem der Wirklichkeitsbegriff kritisch hereinspielen und aus seiner präformierten Implikation heraustreten muß. [...]"65]


[65 Hans Blumenberg: Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans. In: Hans Robert Jauß (Hrsg.): Nachahmung und Illusion, S. 10.]

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95 [...]"

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Das Zitat von Blumenberg (1969) wird nicht Plagiat gewertet, da es korrekt wiedergegeben wird und nachgeschlagen worden sein könnte.

Sichter
(Schumann) Stratumlucidum

[22.] Ts/Fragment 175 18 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-22 16:28:42 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 175, Zeilen: 18-21
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 272, Zeilen: 1-4
Im Verlauf der Moderne nimmt die Brauchbarkeit der Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit in dem Masse ab, in dem der Glaube an die Machbarkeit der Welt wächst. Nichts scheint unmöglich, sondern alles nur eine Frage der technischen Mittel und Methoden. [Seite 272]

Die Brauchbarkeit der alten Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit nimmt im Verlauf der Moderne in dem Maße ab, in dem der Glaube an die Machbarkeit der Welt zunimmt. Anything goes. Nichts scheint unmöglich, sondern alles nur eine Frage der technischen Mittel und Methoden.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Der Text (des zweiten Absatzes der Seite) oberhalb des Fragments wurde den Seiten 70 und 71 entnommen - erfolgt also aus dem angegebenen Bereich -, die Übernahme im folgenden Absatz jedoch nicht. Da sich kein Hinweis darauf bzw. die Quelle findet, Einstufung als Verschleiderung.

Sichter
Schumann

[23.] Ts/Fragment 177 15 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-08-04 07:02:56 Stratumlucidum
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 177, Zeilen: 15-18
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 72, Zeilen: 14-16
[Als dessen Prototyp gilt eine Stelle aus Platons Politeia (um 370 v. Chr.):92

An den größeren Märchen, sprach ich, können wir auch die kleineren beurteilen. Denn größere und kleinere müssen dieselbe Art und Abzweckung haben. Oder meinst du nicht? − Ich wohl auch, sagte er, aber ich verstehe noch nicht einmal, welche großen du meinst. − Nun, sprach ich, welche Hesiodos und Homeros und die andern Dichter uns erzählt haben. Denn diese haben doch für die Menschen unwahre Erzählungen zusammengesetzt und vorgetragen und tragen sie auch noch vor. − Welche aber, fragte er, meinst du, und was tadelst du daran? − Was man, sprach ich, zuerst und vorzüglich tadeln muß, zumal wenn die Unwahrheit nicht sehr schön vorgetragen wird. − Welches nur? − Wenn einer unrichtig darstellt in seiner Rede von Göttern und Heroen, wie sie geartet sind, wie wenn, was ein Maler malt, dem gar nicht gleicht, dem er sein Gemälde doch ähnlich machen wollte.93]

Die erwähnte Kritik Xenophanes’ an der anthropomorphen Darstellung der Götter in den Werken Homers und Hesiods aufnehmend, wendet sich Platon gegen jene Epen, die die Götter als Täuscher und Betrüger darstellen.


[92 Anzumerken ist, dass die Lüge im Griechischen vom Fiktionalen und Falschen terminologisch noch nicht unterscheidbar war (Dietzsch, Kleine Kulturgeschichte der Lüge, S. 25). Vgl. Martin Hose: Fiktionalität und Lüge, Über einen Unterschied zwischen römischer und griechischer Terminologie, in: Poetica 28 (1996) 3/4, S. 265.

93 Platon: Politeia (Der Staat) [um 370 v. Chr.], 2. Buch, 377 c–e, in: Platon: Sämtliche Werke, nach der Übersetzung von F. Schleiermacher mit der Stephanus-Nummerierung, hrsg. v. Walter F. Otto/Ernesto Grassi/Gert Plamböck, Bd. III, Reinbek 1958, S. 114.]

[Als Prototyp der Behauptung, daß die Dichter lügen, gilt eine Stelle aus dem Dialog Politeia von Platon. „An den größeren Märchen, sprach ich, können wir auch die kleineren beurteilen. Denn größere und kleinere müssen dieselbe Art und Abzweckung haben. Oder meinst du nicht? – Ich wohl auch, sagte er, aber ich verstehe noch nicht einmal, welche großen du meinst. – Nun, sprach ich, welche Hesiodos und Homeros und die andern Dichter uns erzählt haben. Denn diese haben doch für die Menschen unwahre Erzählungen zusammengesetzt und vorgetragen und tragen sie auch noch vor. – Welche aber, fragte er, meinst du, und was tadelst du daran? – Was man, sprach ich, zuerst und vorzüglich tadeln muß, zumal wenn die Unwahrheit nicht sehr schön vorgetragen wird. – Welches nur? – Wenn einer unrichtig darstellt in seiner Rede von Göttern und Heroen, wie sie geartet sind, wie wenn, was ein Maler malt, dem gar nicht gleicht, dem er sein Gemälde doch ähnlich machen wollte.”67] Die Kritik des Xenophanes an der anthropomorphen Darstellung der Götter in den Werken Homers und Hesiods aufnehmend, argumentiert der griechische Aufklärer Platon gegen jene Epen, in denen die Götter als Täuscher und Betrüger dargestellt werden.

[67 Platon: Politeia (Der Staat), 2. Buch, 377 c-e. Sämtliche Werke III, Reinbek 1958, S. 114.]

Anmerkungen

Der Verf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10–95 [...]"

Die Übernahme erfolgt zwar aus diesem Bereich, jedoch wird hierdurch nicht hinreichend kenntlich gemacht, dass der nichttriviale abschließende Satz keine gedankliche Leistung des Verf. darstellt.

(Ob ihm Platon [1958] tatsächlich vorliegt, ist unklar, da sich im Fließtext zwar kein Zitatfehler nachweisen lässt, aber der Rowohlt-Verlag, in dem die zitierten Sämtlichen Werke erschienen sind, sowohl laut Titelei des Bandes III als auch nach Angaben des Verlages 1958 seinen Sitz in Hamburg und nicht Reinbek hatte. Auch findet sich die in Klammern gesetzte deutsche Übersetzung von Politeia nicht im Titel des Originaltextes. Unabhängig hiervon handelt es sich bei dem Zitat aber in erster Linie um die Wiedergabe einer Übersetzung, an der der Verf. keinen Anteil beansprucht; daher wird es nicht als Plagiat gewertet.)

Sichter
Stratumlucidum

[24.] Ts/Fragment 177 20 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-08-03 20:31:12 Stratumlucidum
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 177, Zeilen: 20-25
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 72, Zeilen: 24-29
Er erwartete von der Dichtung die Abbildung eines Vorbilds, die möglichst exakte Wiedergabe einer Vorlage. Im Rahmen seiner idealistischen Ontologie sollte dieses Vorbild nicht etwa in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen bestehen, der Realität, sondern in den Ideen. Denn die erscheinende Wirklichkeit war für Platon selbst bloss ein Abbild vom Urbild im Ideenhimmel. Deshalb verlangt er auch von der Dichtung Mimesis, unter der er die Abbildung eines Vorbildes, die möglichst exakte Wiedergabe einer Vorlage versteht. Im Rahmen Platons idealistischer Ontologie sollte dieses Vorbild nicht etwa in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen bestehen, in der Realität, sondern in den Ideen. Denn die erscheinende Wirklichkeit ist für Platon selbst bloß ein Abbild vom Urbild im Ideenhimmel.
Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10–95 [...]"

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[25.] Ts/Fragment 178 22 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:41:51 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 178, Zeilen: 22-24
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 74, Zeilen: 22-24
Nicht die mimetische Abbildung der Wirklichkeit sei die Aufgabe der Kunst, sondern die Darstellung von Möglichkeiten der Wirklichkeit nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit:96

96 Aristoteles: Poetik, Griechisch/Deutsch, übersetzt u. hrsg. v. Manfred Fuhrmann, Stuttgart: Reclam 2005, S. 29, 9. Kap., 1451a f.

Nicht die mimetische Abbildung der Wirklichkeit sei die Aufgabe der Kunst, sondern die Darstellung von Möglichkeiten der Wirklichkeit nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit. [...]74

74 Aristoteles: Poetik. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, 1451a f., Stuttgart 1982, S. 29.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird der wörtliche Übernahmecharakter aus der Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[26.] Ts/Fragment 181 06 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:43:08 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 181, Zeilen: 6-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 75, 80, 81, Zeilen: 75: 8-9; 80: 16-19, 29-32 - 81: 1-11
Gegen Platons Herabsetzung der Dichtung hatte Aristoteles argumentiert, Dichtung sei philosophischer als die Geschichtsschreibung, welche vergangene Wirklichkeit zu protokollieren beansprucht, weil die Dichtung die Wirklichkeit um wahrscheinliche Möglichkeiten ergänze. Im deutschen Idealismus wurde dieser Gedanken nochmals gesteigert. Nach Hegel bringt die Kunst im Medium des Scheins die Wahrheit des Seins zur Anschauung. In seinen Vorlesungen über die Ästhetik führte er aus, das Kunstwerk bringe die umfassendsten Wahrheiten des Geistes zu Bewusstsein, denn im Kunstprodukt zeige sich die Überlegenheit des Geistes über die Natur. Die sinnliche Welt sei vergänglich und deshalb blosser Schein. Dieser Schein der vergänglichen Welt komme im Schein der Kunst zur Wirklichkeit. Hegel schrieb den Erscheinungen der Kunst im Vergleich zur „gewöhnlichen Wirklichkeit […] die höhere Realität und das wahrhaftigere Dasein“ zu. Im Medium der Kunst werde die blosse Realität in erkannte Wirklichkeit transformiert. Hegels klassische Formulierung lautete: „Den Schein und die Täuschung dieser schlechten, vergänglichen Welt nimmt die Kunst von jenem wahrhaften Gehalt der Erscheinungen fort und gibt ihnen eine höhere, geistgeborene Wirklichkeit. Weit entfernt also, bloßer Schein zu sein, ist den Erscheinungen der Kunst der gewöhnlichen Wirklichkeit gegenüber die höhere Realität und das wahrhaftigere Dasein zuzuschreiben.“103

Noch im Realismus blieb der Mimesisbegriff präsent; Aristoteles’ Auffassung hat sich bis ins 19., ja 20. Jahrhundert als Prinzip realistischen Erzählens gehalten.


102 Ebd.

103 Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Ästhetik, Widerlegung einiger Einwände gegen die Ästhetik, hrsg. v. Friedrich Bassenge, Berlin: Aufbau 1955, S. 55. Vgl. dazu Heinz Meyer: Kunst, Wahrheit und Sittlichkeit, Hildesheim: Olms 1989, S. 267 ff.

[Seite 75]

Noch bis ins 19. und 20. Jahrhundert hat sich Aristoteles’ Auffassung als Prinzip realistischen Erzählens gehalten.

[Seite 80]

Gegen Platon hat Aristoteles nämlich argumentiert, daß Dichtung philosophischer sei als die Geschichtsschreibung, die vergangene Wirklichkeit zu protokollieren beansprucht, weil die Dichtung die Wirklichkeit um Alternativen, um wahrscheinliche Möglichkeiten ergänze. [...]

Mehr als zweitausend Jahre nach Platon und Aristoteles haben die Protagonisten des deutschen Idealismus den Gedanken Aristoteles’ nochmals potenziert und die überkommene Hierarchie von Kunst und Wirklichkeit umgekehrt. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markieren die Überlegungen Hegels in seinen Vorlesungen über die Ästhetik. Das

[Seite 81]

Kunstwerk bringe das Göttliche im Menschen, die umfassendsten Wahrheiten des Geistes zu Bewußtsein, denn im Kunstprodukt zeige sich die Überlegenheit des Geistes über die Natur. Kunst ist für Hegel Jenseits, übersinnliche Welt, unendliche Freiheit.90 Die sinnliche Welt sei vergänglich und deshalb bloßer Schein. Dieser Schein der vergänglichen Welt komme im Schein der Kunst zur Wirklichkeit. Die Produkte der Kunst seien die höhere Wirklichkeit, weil im Medium der Kunst die bloße Realität in erkannte Wirklichkeit transformiert werde. „Den Schein und die Täuschung dieser schlechten, vergänglichen Welt nimmt die Kunst von jenem wahrhaften Gehalt der Erscheinungen fort und gibt ihnen eine höhere, geistgeborene Wirklichkeit. Weit entfernt also, bloßer Schein zu sein, ist den Erscheinungen der Kunst der gewöhnlichen Wirklichkeit gegenüber die höhere Realität und das wahrhaftigere Dasein zuzuschreiben.“91


88 Aristoteles: Poetik, 1451b, S. 29.

89 Vgl. Werner Jung: Von der Mimesis zur Simulation, Hamburg 1995, S. 26 ff.

90 Vgl. G.W.F. Hegel: Ästhetik. Widerlegung einiger Einwände gegen die Ästhetik, S. 54 f.

91 Ebd., S. 55.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[27.] Ts/Fragment 182 04 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:44:22 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 182, Zeilen: 4-17
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 73, 74, Zeilen: 73: 30-32 - 74: 1-9
Leider sind Gorgias’ Reden und Schriften nur sehr bruchstückhaft überliefert, vor allem durch Zitate und Paraphrasen in den Werken seiner Zeitgenossen, was aber die damalige Popularität seiner Positionen beweist. So ist Fragment 23 bei Plutarch überliefert. Darin richtet sich Gorgias mindestens implizit gegen Platon:
In voller Blüte stand die Tragödie [in Athen] und war in aller Munde; sie geriet zum wunderbaren Hör- und Schauspiel für die Menschen damals und bot durch ihre Mythen und Leidenschaften eine Täuschung, bei der, wie Gorgias sagt, derjenige, der täuscht, mehr Recht hat als der, der nicht täuscht, und der Getäuschte andererseits mehr versteht als der, der nicht getäuscht wird. Wer täuscht, hat nämlich mehr Recht, weil er ausgeführt hat, was er versprach; der Getäuschte aber versteht mehr: denn schön läßt sich hinreißen von der Lust der Worte, was nicht empfindungslos ist.104

104 Gorgias von Leontinoi: Fragment 23, in: Gorgias von Leontinoi: Reden, Fragmente und Testimonien, hrsg. mit Übersetzung u. Kommentar v. Thomas Buchheim, Hamburg: Meiner 1989 [= Philosophische Bibliothek 404], S. 93. – Zur Auseinandersetzung zwischen Platon und Georgias vgl. auch die Fragmente 11, 15, 16 und 23.

[Seite 73]

Leider sind die Schriften dieses skeptischen Querdenkers nur sehr bruchstückhaft überliefert, vor allem durch Zitate und Paraphrasen in den Werken seiner Zeitgenossen. Das ist ein Hinweis auf

[Seite 74]

die damalige Popularität seiner Positionen. Gorgias’ Gedanke, der zumindest implizit gegen Platon gerichtet ist, ist als Fragment 23 von Plutarch überliefert: „In voller Blüte stand die Tragödie (in Athen) und war in aller Munde; sie geriet zum wunderbaren Hör- und Schauspiel für die Menschen damals und bot durch ihre Mythen und Leidenschaften eine Täuschung, bei der, wie Gorgias sagt, derjenige, der täuscht, mehr Recht hat als der, der nicht täuscht, und der Getäuschte andererseits mehr versteht als der, der nicht getäuscht wird. Wer täuscht hat nämlich mehr Recht, weil er ausgeführt hat, was er versprach; der Getäuschte aber versteht mehr: denn schön läßt sich hinreißen von der Lust der Worte, was nicht empfindungslos ist.”71


71 Gorgias von Leontinoi: Fragment 23. In: Reden, Fragmente und Testimonien. Herausgegeben mit Übersetzung und Kommentar von Thomas Buchheim, Hamburg 1989, S. 93.

Anmerkungen

Zitat wird aus der gleichen Quelle, in gleichen Abgrenzungen und mit der gleichen Einleitung übernommen.

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[28.] Ts/Fragment 183 07 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:45:22 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 183, Zeilen: 7-11
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 74, Zeilen: 14-20
Dichtung soll nicht das Wirkliche, sondern das Typische darstellen. Durch die Rede, die Gorgias im Lobpreis der Helena als große Bewirkerin göttlichster Taten rühmt,108 wird der Zuschauer einer Tragödie wie der Leser einer Geschichte entführt aus der Wirklichkeit des Zuschauens oder Lesens in eine aufs Typische verdichtete Wirklichkeit.

108 Gorgias von Leontinoi: Lobpreis der Helena, Fragment 11,8.

Dichtung, so muß man Gorgias also interpretieren, soll nicht das Wirkliche, sondern das Typische darstellen. Dichtung gestaltet Utopien. Vermittels der Rede, die Gorgias im Lobpreis der Helena als große Bewirkerin göttlichster Taten bezeichnet,73 wird der Zuschauer einer Tragödie wie der Leser einer Geschichte entführt aus der Wirklichkeit des Zuschauens oder Lesens in eine aufs Typische verdichtete Wirklichkeit, die durch das Kunstwerk dargestellt wird.

73 Gorgias von Leontinoi: Lobpreis der Helena, Fragment 11, 8. Ebd., S. 9.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[29.] Ts/Fragment 183 19 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:46:37 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 183, Zeilen: 19-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 88, 89, Zeilen: 88: 5-7, 25-33 - 89: 1
Die Wahrscheinlichkeit des Stoffs einer Erzählung ist für den Eindruck der Glaubhaftigkeit weniger ausschlaggebend als jene der Erzählsituation. Dabei können die Regeln von Erzählungen erheblich von den Gesetzen der Wirklichkeit abweichen. Wahrscheinlich ist eine solche Geschichte aber dennoch, wenn sie sich an die eigenen Regeln hält, wie Umberto Eco in seiner Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘ erklärt:
Man kann sich auch eine ganz irreale Welt errichten, in der die Esel fliegen und die Prinzessinnen durch einen Kuß geweckt werden, aber auch diese rein phantastische und ‚bloß mögliche‘ Welt muß nach Regeln existieren, die vorher festgelegt worden sind (zum Beispiel muß man wissen, ob es eine Welt ist, in der Prinzessinnen nur durch den Kuß von Prinzen geweckt werden können oder [auch durch den Kuß einer Hexe, und ob der Kuß einer Prinzessin nur Kröten in Prinzen zurückverwandelt oder auch, sagen wir, Gürteltiere).109]

109 Umberto Eco: Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘, Aus dem Italienischen v. Burkhart Kroeber, München/Wien: Hanser 1984, S. 33 f.

[Seite 88]

Die Wahrscheinlichkeit des Stoffs einer Erzählung ist für den Eindruck der Glaubhaftigkeit weniger ausschlaggebend als die Wahrscheinlichkeit der Erzählsituation. [...]

Diese Regeln können zwar erheblich von den Gesetzen der Wirklichkeit abweichen, wahrscheinlich ist eine solche Geschichte aber nur, wenn sie sich an die eigenen Regeln hält, wie Umberto Eco in seiner Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘ erklärt: „Man kann sich auch eine ganz irreale Welt errichten, in der die Esel fliegen und die Prinzessinnen durch einen Kuß geweckt werden, aber auch diese rein phantastische und ‚bloß mögliche‘ Welt muß nach Regeln existieren, die vorher festgelegt worden sind (zum Beispiel muß man wissen, ob es eine Welt ist, in der Prinzessinnen nur durch den Kuß von Prinzen geweckt werden können oder auch durch den Kuß einer Hexe, und ob der Kuß einer Prinzessin nur Kröten

[Seite 89]

in Prinzen zurückverwandelt oder auch, sagen wir, Gürteltiere).“115


115 Umberto Eco: Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München und Wien 1984, S. 33 f.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Fortsetzung auf der folgenden Seite.

Sichter
Schumann

[30.] Ts/Fragment 184 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:47:49 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 184, Zeilen: 1-7
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 88, 89, Zeilen: 87: 20-23; 88: letzte Zeilen - 89: 1
[ [...] (zum Beispiel muß man wissen, ob es eine Welt ist, in der Prinzessinnen nur durch den Kuß von Prinzen geweckt werden können oder] auch durch den Kuß einer Hexe, und ob der Kuß einer Prinzessin nur Kröten in Prinzen zurückverwandelt oder auch, sagen wir, Gürteltiere).109

Nach Grimms Wörterbuch110 hat der Begriff der Wahrscheinlichkeit eine objektive und eine subjektive Seite: Wahrscheinlich ist ein Gedanke, wenn er der Wirklichkeit ähnlich ist, wenn er also wahr zu sein scheint. Wahrscheinlich ist aber auch etwas, das für wahr genommen, als wahr geglaubt wird.


109 Umberto Eco: Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘, Aus dem Italienischen v. Burkhart Kroeber, München/Wien: Hanser 1984, S. 33 f.

110 Vgl. „wahrscheinlich“, in: Jacob Grimm/Wilhelm Grimm [Hrsg.]: Deutsches Wörterbuch, Bd. XXVII, Sp. 994.

[Seite 88]

(zum Beispiel muß man wissen, ob es eine Welt ist, in der Prinzessinnen nur durch den Kuß von Prinzen geweckt werden können oder auch durch den Kuß einer Hexe, und ob der Kuß einer Prinzessin nur Kröten


[Seite 89]

in Prinzen zurückverwandelt oder auch, sagen wir, Gürteltiere).“115


115 Umberto Eco: Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München und Wien 1984, S. 33 f.


[Seite 87]

Nach Definition des Deutschen Wörterbuchs hat der Begriff der Wahrscheinlichkeit eine objektive und eine subjektive Seite: Wahrscheinlich ist ein Gedanke, wenn er der Wirklichkeit ähnlich ist, wenn er also wahr zu sein scheint. Wahrscheinlich ist aber auch etwas, das für wahr genommen, als wahr geglaubt wird.111


111 Vgl. „wahrscheinlich“. In: Jacob und Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch, Bd. XXVII, Sp. 994.

Anmerkungen

Fortsetzung der Übernahme der Vorseite.

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (größtenteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[31.] Ts/Fragment 185 142 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-08-02 13:57:01 Schumann
Fragment, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel, Ts, Unfertig

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 185, Zeilen: 142-149
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 41, 42, Zeilen: 41: letzte drei Zeilen - 42: 1-8
114 „Poeten betriegen 1) Wenn sie sich vor gekrönte Poeten ausgeben, und nicht sind. 2) Wenn sie ihre Verse aus anderen Poeten oder gesammleten CARMINIBUS zusammen stoppeln, und gleichsam einem CENTONEM [Lumpen, Lappen] oder geflickten Bettlers-Mantel machen. 3) Wenn sie ganze CARMINA, die sie etwa von entlegenen Orten her gesammlet, Umdrucken lassen, und vor ihre eigene INVENTION ausgeben. 4) Wenn sie mit Fleiß schwere und in die MYTHOLOGIE lauffende Redens-Arten oder Heidnischer Götter Nahmen in die CARMINA einmischen, um bey denen Unverständigen das Ansehen eines gelehrten oder guten POETens zu erhalten. 5) Wenn sie ihre [Gedichte mit übermäßigen Lobsprüchen anfüllen, und damit die Personen, denen sie solche zu Ehren schreiben, biß in Himmel erheben, ja fast vergöttern, solcher gestalt aber entweder die Tugenden der belobten Personen vergrössern, oder aber derselben Laster bekleistern.“] [Seite 41]

“Poëten betriegen 1) Wenn sie sich vor gekrönte Poëten ausgeben, und nicht sind. 2) Wenn sie ihre Verse aus anderen Poëten oder gesammleten CARMINIBUS75 zusammen stoppeln, und gleichsam einem CENTONEM76 oder geflickten

[Seite 42]

Bettlers-Mantel machen. 3) Wenn sie ganze CARMINA, die sie etwa von entlegenen Orten her gesammlet, umdrucken lassen, und vor ihre eigene INVENTION77 ausgeben. 4) Wenn sie mit Fleiß schwere und in die MYTHOLOGIE lauffende Redens-Arten oder Heidnischer Götter Nahmen in die CARMINA einmischen, um bey denen Unverständigen das Ansehen eines gelehrten oder guten POËTens zu erhalten. 5) Wenn sie ihre Gedichte mit übermäßigen Lobsprüchen anfüllen, und damit die Personen, denen sie solche zu Ehren schreiben, biß in Himmel erheben, ja fast vergöttern, solcher gestalt aber entweder die Tugenden der belobten Personen vergrössern, oder aber derselben Laster bekleistern.“78


75 carmen: feierliche, gebundene Rede; Gebet(-sformel), Zauberspruch; Weissagung, Orakelspruch; Lied, Gesang; Gedicht

76 cento: Lumpen, Lappen, Flicken

77 inventio: Erfindung

78 George Paul Hönn: Betrugs-Lexicon, Leipzig 1743, S. 287-288.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95 [...]"

Sichter

[32.] Ts/Fragment 186 03 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-08-05 15:23:24 Stratumlucidum
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 186, Zeilen: 3-8, 105-107
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 42, Zeilen: 14-17, 21-27, 105-107
Im 18. Jahrhundert wurden gälische Lieder, die von Ossian, einer Figur aus der schottisch-gälischen Mythologie aus dem 3. Jahrhundert, stammen sollten, durch Werthers Lektüre in ganz Europa populär. Bis heute besteht keine Einigkeit darüber, ob James Macpherson (1736–1796) diese Oden, die er seit 1760 veröffentlicht hatte, frei erfunden oder doch nur frei übersetzt habe.115

115 Vgl. Werner Fuld: Lexikon der Fälschungen, Frankfurt am Main: Eichborn 1999, S. 199; Ralph-Rainer Wuthenow: Die erfolgreichste Fälschung: Macphersons „Ossian“, in: Karl Corino [Hrsg.]: Gefälscht!, Frankfurt am Main: Eichborn 1990, S. 194; [Schmitz, Was geschah mit Schillers Schädel?, Sp. 1003–1008.]

Ein prominentes Beispiel für diese Art literarischer Falschmünzerei sind die gälischen Lieder, die angeblich aus der Hand des schottischen Barden Ossian stammen. Im 18. Jahrhundert wurden die Oden aus dem 3. Jahrhundert durch Werthers Lektüre in ganz Europa populär. [...] Bald nachdem James Macpherson die Gedichte Ossians seit 1760 veröffentlicht hatte, entbrannte jedoch ein lebhafter Streit über ihre Authentizität. Bis heute sind sich die Fachleute nicht einig, ob Macpherson frei erfunden oder doch nur frei übersetzt hat.80 „Es steht seltsam mit dieser Poesie, die man zuerst als Übersetzung einer originalen Dichtung bewundert und dann als literarische Fälschung bestritten hat. So fing man schließlich an, die Genialität der Erfindung und der Fälschung zu bewundern – wahrscheinlich, weil ihre gewaltige Wirkung sowieso nicht mehr zu widerrufen war.“81

80 Vgl. Werner Fuld: Lexikon der Fälschungen, S. 199.

81 Ralph-Rainer Wuthenow: Macphersons »Ossian«. In: Karl Corino (Hrsg.): Gefälscht!, Frankfurt a. M. 1990, S. 194.

Anmerkungen

Der Verf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10–95 [...]"

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich.

Zumindest Fuld (1999) scheint dem Verf. jedoch nicht vorzuliegen, da sich z.B. der Satz "Und es ist nicht zu bezweifeln, daß erst die zahlreichen Übersetzungen des »Werther« die Dichtungen Ossians in ganz Europa populär machten." auf S. 198 des zweiseitigen Ossian-Artikels (S. 198-199) findet und diese Seite daher auch hätte referenziert werden müssen.

Sichter
Schumann, Stratumlucidum

[33.] Ts/Fragment 188 24 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-07-30 14:45:21 Stratumlucidum
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 188, Zeilen: 24-30, 107-109
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 75, Zeilen: 9-14, 102
Im Realismus galt wie erwähnt das Prinzip der Wahrscheinlichkeit. Theodor Fontane sah den Sinn des Romans in seiner spezifischen wahrheitssuggerierenden Wirkung auf die Leser. In einer Rezension Gustav Freytags antwortete er auf die Frage Was soll ein Roman?: „Er soll uns, unter Vermeidung alles Übertriebenen und Häßlichen, eine Geschichte erzählen, an die wir glauben. [...] er soll uns eine Welt der Fiktion auf Augenblicke als eine Welt der Wirklichkeit erscheinen“127 lassen.

127 Theodor Fontane: Gustav Freytag, Die Ahnen II, in: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Literarische Studien und Essays, Erster Teil, München: Nymphenburger 1963, Bd. XXI/1, S. 239.

Die Wahr-Scheinlichkeit, die Erweckung des Glaubens an die Tatsächlichkeit einer Erzählung, gilt als das Prinzip des realistischen Romans. In einer Rezension Gustav Freytags beantwortet Theodor Fontane die Frage „Was soll ein Roman?“ so: „Er soll uns, unter Vermeidung alles Übertriebenen und Häßlichen, eine Geschichte erzählen, an die wir glauben. [...] er soll uns eine Welt der Fiktion auf Augenblicke als eine Welt der Wirklichkeit erscheinen“75 lassen.

75 Theodor Fontane: Gustav Freytag. Die Ahnen II. In: Sämtliche Werke XXI/1, S. 239.

Anmerkungen

Eine ungeprüfte Übernahme des Zitats aus Kern (2004) lässt sich nicht nachweisen.

Sichter
(fret) Stratumlucidum

[34.] Ts/Fragment 189 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:48:37 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 189, Zeilen: 1-14
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 75, Zeilen: 14-26
Käte Hamburger hat diese Auffassung in ihrer Logik der Dichtung auf sämtliche Formen des Erzählens ausgedehnt. Jeder Erzähler lasse seine Geschichte als etwas erscheinen, was sie nicht sei: als Erzählung von Wirklichkeit:
Auch das Märchen erscheint als Wirklichkeit, solange wir lesend oder zuschauend in ihm verweilen, doch nicht so, als ob es eine Wirklichkeit wäre. Denn das Als Ob enthält das Bedeutungsmoment der Täuschung, damit den Bezug auf eine Wirklichkeit, der eben deshalb im Konjunktiv irrealis formuliert ist, weil die Als Ob-Wirklichkeit nicht die Wirklichkeit ist, die sie vorgibt zu sein. Die Als-Ob-Wirklichkeit aber ist Schein, Illusion von Wirklichkeit, und das heißt Nicht-Wirklichkeit oder Fiktion.128

Fontane und Hamburger sehen die Dichtung als eine Kunst der Täuschung, die erscheinen lässt, was nicht ist (womit sie allerdings noch nicht die Meinung übernehmen, Dichtung sei „Lüge“).


128 Käte Hamburger: Die Logik der Dichtung, 4. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta 1994, S. 55.

Käte Hamburger hat diese Auffassung in ihrer Logik der Dichtung über den Roman hinaus auf jede Form des Erzählens ausgedehnt. Jeder Erzähler lasse seine Geschichte als etwas erscheinen, was sie nicht sei: als Erzählung von Wirklichkeit. „Auch das Märchen erscheint als Wirklichkeit, solange wir lesend oder zuschauend in ihm verweilen, doch nicht so, als ob es eine Wirklichkeit wäre. Denn das Als Ob enthält das Bedeutungsmoment der Täuschung, damit den Bezug auf eine Wirklichkeit, der eben deshalb im Konjunktiv irrealis formuliert ist, weil die Als Ob-Wirklichkeit nicht die Wirklichkeit ist, die sie vorgibt zu sein. Die Als-Wirklichkeit aber ist Schein, Illusion von Wirklichkeit, und das heißt Nicht-Wirklichkeit oder Fiktion.”76 Wie Aristoteles mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit sehen Fontane und Hamburger mit dem Begriff des Als ob die Dichtung als eine Kunst der Täuschung, die erscheinen läßt, was nicht ist. Im Unterschied zu Platon bewerten diese Autoren die Täuschung durch die Dichtung jedoch nicht als überflüssige Lüge.

76 Käte Hamburger: Die Logik der Dichtung, Stuttgart 1994, S. 55.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Der Wortlaut des mitübernommenen Primärzitats wird verändert, aus "Als-Wirklichkeit" wird "Als-Ob-Wirklichkeit".

Sichter
Schumann

[35.] Ts/Fragment 189 25 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-08-02 14:04:05 Schumann
Fragment, Gesichtet, KeineWertung, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel, Ts

Typus
KeineWertung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 189, Zeilen: 25-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 10, Zeilen: 12-14
Auch Umberto Eco hat sich mehrfach zu diesem Themenkreis geäussert, theoretisch130 wie literarisch. In seinem Roman Die Insel des vorigen Tages131 lässt er den Philosophen Saint-Savin behaupten, die Verwechslung von Wirklichkeit und Schein sei die Grundlage jeden Romans:132

130 Vgl. Umberto Eco: Lüge und Ironie, Vier Lesarten zwischen Klassik und Comic, München/Wien: Hanser 1999; Umberto Eco: Im Wald der Fiktionen, Sechs Streifzüge durch die Literatur, München: C. H. Beck 1996.

131 Originalausgabe: L’isola del giorno prima, Mailand: Bompiani 1994.

132 Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages, Aus dem Italienischen v. Burkhart Kroeber, München/Wien: Hanser 1995, S. 93 f.

Daß darüber hinaus eine Verwirrung von Wahrheit und Lüge, Wirklichkeit und Schein die Grundlage jeden Romans sei, behauptet der Philosoph Saint-Savin in Umberto Ecos Roman Die Insel des vorigen Tages: [...]
Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95 [...]"

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich.

Sichter
Schumann

[36.] Ts/Fragment 195 19 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 12:49:30 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 195, Zeilen: 19-33
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 78, 79, Zeilen: 78: 13-18, 23 ff - 79: 1-2
In dem erwähnten Essay The Decay of Lying von 1889 hat Oscar Wilde die Hierarchie von Dichtung und Wirklichkeit umgekehrt: Es sei tatsächlich nicht die Kunst, die das Leben, sondern dieses, das jene nachahme. „Die Literatur greift immer dem Leben vor. Sie ahmt das Leben nicht nach, sondern formt es nach ihrer Absicht.“ Deshalb kam Wilde zum Schluss, „das neunzehnte Jahrhundert, wie wir es kennen“, sei „zum großen Teil eine Erfindung Balzacs“.150 Der Dichter erfindet alles Leben und formt deshalb auch das vergangene. Wildes alter ego Vivian behauptet, dass die Wirklichkeit nur ein langweiliges und schlechtes Imitat der Kunst sei. Umgekehrt seien solche Dichter Betrüger, die Tatsachen als Dichtung ausgäben. Selbst die Natur sei nicht natürlich, meint Vivian: Jahrhundertelang habe niemand den Londoner Nebel wahrgenommen, und deshalb habe es diesen Nebel auch nicht gegeben − bis Dichter und Maler die geheimnisvolle Schönheit dieser Erscheinung in Kunstwerken dargestellt hätten.151

151 Oscar Wilde: Der Verfall der Lüge, in: Oscar Wilde: Sämtliche Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Norbert Kohl, Frankfurt am Main: Insel 1982, Bd. VII, S. 30 f.

150 Ebd., S. 34 f

[Seite 78]

Gegen den Vorwurf, daß die Kunst die Wirklichkeit falsch darstelle, hat Oscar Wilde in seinem Essay The Decay of Lying von 1889 polemisiert. Wilde kehrt die Hierarchie von Dichtung und Wirklichkeit um: Es sei tatsächlich nicht die Kunst, die das Leben, sondern das Leben, das die Kunst nachahme. „Die Literatur greift immer dem Leben vor. Sie ahmt das Leben nicht nach, sondern formt es nach ihrer Absicht. Das neunzehnte Jahrhundert, wie wir es kennen, ist zum großen Teil eine Erfindung Balzacs.“84 [...]

Die Dichter sind Schöpfer ihrer Zeit, weil sie das Bild der Nachwelt mitbestimmen und weil sie Wahrnehmungsmuster prägen. Wildes Alter ego Vivian behauptet, daß die Wirklichkeit nur ein langweiliges und schlechtes Imitat der Kunst sei. Umgekehrt seien solche Dichter Betrüger, die Tatsachen als Dichtung ausgäben. „Die alten Geschichtsschreiber hinterließen uns wundervolle Dichtungen in der Form von Tatsachen; der moderne Romanschriftststeller langweilt uns mit Tatsachen, die er als Dichtung ausgibt.“85 Dichtung dürfe nicht nur, sie müsse erfinden. Selbst die Natur sei nicht natürlich, meint der Dandy Vivian in impliziter Anlehnung an die Thesen des Philosophen George Berkeley: Jahrhundertelang habe niemand den Londoner Nebel wahrgenommen, und deshalb habe

[Seite 79]

es diesen Nebel auch nicht gegeben. Bis Dichter und Maler die geheimnisvolle Schönheit dieser Erscheinung in Kunstwerken dargestellt hätten.


84 Oscar Wilde: Der Verfall der Lüge. Sämtliche Werke VII, S. 30 f.

85 Ebd., S. 12.

86 Ebd., S. 34 f.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[37.] Ts/Fragment 198 11 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-22 18:11:20 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 198, Zeilen: 11-22
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 86, Zeilen: 14-23
Nun gibt es schon beim spätantiken Lukian und dann in der Literatur der Romantik viele Beispiele für Erzählerfiguren, die die Möglichkeiten ihres Erzählens in der Erzählung reflektieren. Das Spiel mit der eigenen Artifizialität ist geradezu das Wesen romantischen Erzählens. In E. T. A. Hoffmanns Märchen Klein Zaches genannt Zinnober weist der Erzähler den „geliebten Leser“ ausdrücklich darauf hin, dass er eine geschriebene Geschichte und nicht die Wirklichkeit vor sich habe.159 In seiner Erzählung Der Sandmann sodann diskutiert der Erzähler nach abgeschlossener Exposition, wie er die Geschichte auch ganz anders hätte erzählen können.160 Die als Metafiktion bezeichneten Phänomene sind eng verwandt mit dem Komplex der romantischen Ironie und anderen Techniken der Desillusionierung.161

159 E. T. A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober, in: E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke in sechs Bänden, hrsg. v. Wulf Segebrecht/Hartmut Steinecke, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1985, Bd. III, S. 553.

160 E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann, in: E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke, Bd. III, S. 25–27.

161 Vgl. Werner Wolf: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst, Theorie und Geschichte mit Schwerpunkt auf englischem illusionsstörendem Erzählen, Tübingen: Niemeyer 1993 [= Buchreihe der ‚Anglia‘, Zeitschrift für englische Philologie 32]

Neben Lukian gibt es etwa in der Literatur der Romantik viele Beispiele für Erzählerfiguren, die die Möglichkeiten ihres eigenen Erzählens in ihrer Erzählung reflektieren. Man könnte das Spiel mit der eigenen Artifizialität geradezu als das Wesen romantischen Erzählens bezeichnen. Oben wurde schon eine Passage aus Hoffmanns Märchen Klein Zaches genannt Zinnober hingewiesen106, in der der Erzähler seinen „geliebten Leser“ ausdrücklich darauf hinweist, daß er eine geschriebene Geschichte und nicht die Wirklichkeit vor sich hat. In Hoffmanns Erzählung Der Sandmann diskutiert der Erzähler nach abgeschlossener Exposition, wie er die Geschichte auch ganz anders hätte erzählen können.107 Die als Metafiktion bezeichneten Phänomene sind eng verwandt mit der romantischen Ironie und anderen Techniken der Desillusionierung.

106 E.T.A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober. Sämtliche Werke III, S. 553.

107 E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Sämtliche Werke III, S. 25-27.

108 Werner Wolf: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst, S. 2.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle wird dadurch aber nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[38.] Ts/Fragment 200 14 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:20:44 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 200, Zeilen: 14-26
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 77, Zeilen: 10-21
Dieter Henrich und Wolfgang Iser haben die rezeptionsästhetische These aufgestellt, dass Fiktion nur Fiktion sei, wenn sie als Fiktion gewusst werde: „Es ist nicht möglich, dort von Fiktion zu sprechen, wo die Fiktion für denjenigen, für den sie in Gebrauch gesetzt werden soll, als solche nicht bekannt werden kann. Wo immer das der Fall ist, handelt es sich um ein Idol, um eine Illusion, um eine Täuschung […]. Wo Fiktion nicht als solche verstanden werden kann, liegt sie nicht vor.“170 Damit stimmt der Begriff der ästhetischen Illusion überein, die ein Phänomen der Rezeption und für den Rezipienten nur dann keine Trugwahrnehmung ist, wenn sie ihm als Illusion bewusst ist.171 Wenn ein Leser hingegen an die Tatsächlichkeit der fiktionalen Geschichten glaubt, nimmt er sie nicht als Fiktion wahr, sondern als Wirklichkeitsbericht.

170 Henrich/Iser, Funktionen des Fiktiven, S. 10.

171 Vgl. Wolf, Ästhetische Illusion und Ilusionsdurchbrechung in der Erzählkunst, S. 32 f., 113.

Unabhängig davon, wie ein Leser davon erfährt, daß er eine Erzählung als fiktional aufzufassen habe, haben Dieter Henrich und Wolfgang Iser in ihrer Einleitung zu dem Band Funktionen des Fiktiven den Grundsatz formuliert, daß Fiktion nur Fiktion sei, wenn sie als Fiktion gewußt werde. „Das Fiktive muß als solches gewußt sein. Es ist nicht möglich, dort von Fiktion zu sprechen, wo die Fiktion für denjenigen, für den sie in Gebrauch gesetzt werden soll, als solche nicht bekannt werden kann. Wo immer das der Fall ist, handelt es sich um ein Idol, um eine Illusion, um eine Täuschung [...]. Wo Fiktion nicht als solche verstanden werden kann, liegt sie nicht vor.“82 Dieser Grundsatz deckt sich mit dem Begriff der ästhetischen Illusion, die nur dann keine Trugwahrnehmung ist, wenn sie als Illusion bewußt ist.83 Also täuschen die Dichter nicht, denn wenn jemand an die Tatsächlichkeit der fiktionalen Geschichten glaubt, nimmt er sie eben nicht als Fiktion wahr, sondern als Wirklichkeitsbericht.

82 Dieter Henrich, Wolfgang Iser: Funktionen des Fiktiven, München 1983, S. 10.

83 Vgl. Werner Wolf: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst, S. 32 f., 113.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[39.] Ts/Fragment 207 30 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:29:10 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 207, Zeilen: 30-35
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 81, Zeilen: 27-31
Spätestens in der philosophischen Reflexion des 20. Jahrhunderts hat, was man als nichtfiktionale Wirklichkeit fasste, ihre Überlegenheit gegenüber fiktionalen und virtuellen Welten eingebüsst. Sogar ihre Differenz und Nichtidentität wurde in Frage gestellt, denn jede Erzählung konnte so sehr Weltbericht sein wie naturwissenschaftliche Modelle oder philosophische Theoreme, und jeder Weltbericht Erzählung. Es muß festgehalten werden, daß die Wirklichkeit in der philosophischen Reflexion des 20. Jahrhunderts die Macht des Faktischen und damit ihre Überlegenheit gegenüber fiktionalen und virtuellen Welten eingebüßt hat. Jede Erzählung kann den gleichen Anspruch auf Wirklichkeit erheben wie naturwissenschaftliche Modelle oder philosophische Theoreme.
Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die enge Anlehnung an die Quelle wird dadurch aber nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[40.] Ts/Fragment 208 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:30:12 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 208, Zeilen: 1-4
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 91, Zeilen: 7-9
Durch den Prozess der Ästhetisierung der Lebenswelt und die grundsätzlichen Zweifel an der Erkennbarkeit der Realität nehme, heisst es, die Brauchbarkeit der Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit rapide ab. Durch den Prozeß der Ästhetisierung der Lebenswelt und die grundsätzlichen Zweifel an der Erkennbarkeit der Realität nimmt die Brauchbarkeit der Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit ab.
Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[41.] Ts/Fragment 208 07 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:22:12 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 208, Zeilen: 7-15
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 82, Zeilen: 2-7
Wenn sie ihre womöglich existenzsichernde Differenz zur Wirklichkeit nicht verlieren will, muss sie ausweichen und sich jenseits der Fiktion neuen Boden schaffen. So wird Dichtung zur Meta204 oder Antifiktion, wie Odo Marquard anmerkte: „Wo die Wirklichkeit selber zum Ensemble von Fiktionen wird, bleibt die ästhetische Kunst das durch Wirklichkeit Unersetzliche nur dann, wenn sie sich fortan nicht mehr ‚durch‘, sondern ‚gegen‘ das Fiktive definiert: als Antifiktion.“204 Weil die Wirklichkeit fiktiv geworden sei, habe die Kunst realistisch werden müssen.

204 Vgl. Mirjam Sprenger: Modernes Erzählen, Metafiktion im deutschsprachigen Roman der Gegenwart, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 1999.

205 Odo Marquard: Kunst als Kompensation ihres Endes, in: Odo Marquard [Hrsg.]: Aesthetica und Anaesthetica, Philosophische Überlegungen, Paderborn u. a.: Schöningh 1989, S. 113–121, 120 f.

Wenn Kunst nicht gleichgemacht sein will mit der Wirklichkeit, dann muß sie sich einen neuen Ort erobern jenseits der Fiktion: Dichtung wird Meta93- oder Antifiktion.

„Wo die Wirklichkeit selber zum Ensemble von Fiktionen wird, bleibt die ästhetische Kunst das durch Wirklichkeit Unersetzliche nur dann, wenn sie sich fortan nicht mehr ‚durch’, sondern ‚gegen’ das Fiktive definiert: als Antifiktion.“94 Weil die Wirklichkeit fiktiv geworden sei, habe die Kunst realistisch werden müssen, meint Odo Marquard.


93 Vgl. Mirjam Sprenger: Modernes Erzählen. Metafiktion im deutschsprachigen Roman der Gegenwart, Stuttgart und Weimar 1999.

94 Odo Marquard: Kunst als Kompensation ihres Endes. In: Aesthetica und Anaesthetica, Paderborn u. a. 1989, S. 120 f.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die enge Anlehnung an die Quelle wird dadurch aber nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[42.] Ts/Fragment 209 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:35:15 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 209, Zeilen: 2-17
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 21, Zeilen: 5-20
Zweifel an der Wirklichkeit der Wirklichkeit206 sind im Grunde alt, und ebenso die Zweifel an diesen Zweifeln. Schon Aristoteles argumentierte in der Metaphysik wider sie an. Gegen die These, dass man alles so oder auch anders sehen könne und jeder eine eigene Ansicht über die Welt vertrete, führte er die Fallgruben der widerspenstigen Wirklichkeit ins Feld:
Denn warum geht denn der Anhänger dieser Lehre (z. B.) nach Megara und bleibt nicht lieber in Ruhe, während er meint zu gehen? Warum stürzt er sich nicht gleich frühmorgens in einen Brunnen oder in einen Abgrund, wenn es sich eben trifft, sondern nimmt sich offenbar in acht, indem er also das Hineinstürzen nicht in gleicher Weise für nicht gut und für gut hält? Offenbar hält er das eine für besser, das andere nicht. Wo aber dies [so ist], so muß er notwendig auch annehmen, dies sei ein Mensch, jenes nicht, dies sei süß, jenes nicht.207

Aristoteles beharrt darauf, dass es eine materiale Wirklichkeit gibt, die selbständig und vom Subjektiven unabhängig ist. Wer immer in einen Brunnen gestürzt ist, wird diese Meinung teilen.


206 Vgl. Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, München: Piper 1977.
207 Aristoteles: Metaphysik, Neubearbeitung der Übersetzung v. Hermann Bonitz, Mit Einleitung u. Kommentar hrsg. v. Horst Seidl, Griechisch/deutsch, 3., verbesserte Aufl. Hamburg: Meiner 1989, Buch IV, Kap. 4, S. 153, 1008b.

Bei allen berechtigten Zweifeln an der Wirklichkeit der Wirklichkeit23 hat allerdings auch heute noch ein Argument des Aristoteles eine hohe Plausibilität, das er in der Metaphysik den Skeptikern und Leugnern der unbedingten Gültigkeit des Satzes vom zu vermeidenden Widerspruch entgegengehalten hat. Gegen die auch heute wieder sehr verbreitete Ansicht, daß man alles so oder auch anders sehen könne und jeder seine eigene Meinung über die Welt habe, hatte Aristoteles die widerspenstige Wirklichkeit in die Debatte eingebracht: „Denn warum geht denn der Anhänger dieser Lehre nach Megara und bleibt nicht lieber in Ruhe, während er meint zu gehen? Warum stürzt er sich nicht gleich frühmorgens in einen Brunnen oder in einen Abgrund, wenn es sich eben trifft, sondern nimmt sich offenbar in acht, indem er also das Hineinstürzen nicht in gleicher Weise für nicht gut und für gut hält? Offenbar hält er das eine für besser, das andere nicht. Wo aber dies, so muß er notwendig auch annehmen, dies sei ein Mensch, jenes nicht, dies sei süß, jenes nicht.“24 Ob dieses Argument die Gültigkeit der logischen Prinzipien beweist, darf hier offen bleiben. Wir können aber von Aristoteles lernen, daß es eine materiale Wirklichkeit gibt, die ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom subjektiven Erkennen dadurch beweist, daß man sich hin und wieder den Schädel an ihr einschlägt.

23 Vgl. Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, München 1977.
24 Aristoteles: Metaphysik. Übersetzt von Hermann Bonitz, 1008b, Reinbek 1994, S. 112.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die enge Anlehnung an die Quelle wird dadurch aber nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[43.] Ts/Fragment 214 08 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:22:56 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 214, Zeilen: 8-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 89, 90, Zeilen: 89: 9ff - 90: 1
In ihrer 1910 erschienenen Schrift Die Rolle des Erzählers in der Epik gründet Käte Friedemann die Unterscheidung von Dramatik und Epik − in Abgrenzung zu Friedrich Spielhagen − auf das Auftreten einer Erzählerfigur, die berichtet, ohne die Stimme des Schriftstellers selbst zu sein. Sie sieht den Erzähler weniger als Figur denn als Textfunktion. Er bleibe im Zentrum der Erzählung, auch wenn er sich nicht, etwa durch Leseransprachen, zu erkennen gebe. „[…] ‚der Erzähler‘ ist der Bewertende, der Fühlende, der Schauende. Er symbolisiert die uns seit Kant geläufige erkenntnistheoretische Auffassung, daß wir die Welt nicht ergreifen, wie sie an sich ist, sondern wie sie durch das Medium eines betrachtenden Geistes hindurchgegangen.“225 Selbst wenn sich der Erzähler ganz hinter seinen Figuren verstecke, sich nicht selbst äussere, sondern die Figuren im mündlichen Dialog kommunizieren lasse, sei er das zugrunde liegende ordnende Prinzip der Geschichte. Er mache eine Geschichte wahrscheinlich. „Die Übermittlung vergangener Geschehnisse durch ein zwischen diesen und dem Leser stehendes Medium bedingt in erster Linie, daß dies Medium, wenn es uns glaubhaft erscheinen soll, die Illusion erwecken muß, als habe es die Geschehnisse von einem bestimmten Punkte aus angeschaut.“226 Dieser Blickpunkt ergebe sich aus der Rolle des Erzählers im Rahmen seiner Erzählung, aus seiner Perspektive auf die erzählte Welt, aus seiner Nähe oder Distanz und daraus, ob er „das von ihm Berichtete als Wirklichkeit oder [als Erfindung aufgefaßt wissen will“.227]

225 Käte Friedemann: Die Rolle des Erzählers in der Epik, Unveränderter reprografischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1910, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1965, S. 26.

226 Ebd., S. 33.

227 Ebd.

[Seite 89]

Im Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit hat Käte Friedemann Die Rolle des Erzählers in der Epik in den Mittelpunkt der Debatte gerückt. In ihrer 1910 erschienen Schrift gründet Friedemann ihre Unterscheidung von Dramatik und Epik in Abgrenzung zu Friedrich Spielhagen auf das Auftreten einer Erzählerfigur, die die Ereignisse aus kleinerer oder größerer räumlicher und zeitlicher Distanz berichtet, ohne dabei die authentische Stimme des Schriftstellers selbst zu sein. Friedemanns begreift den Erzähler weniger als Figur denn als eine Textfunktion. Der Erzähler ist auch dann das Zentrum der Erzählung, wenn er nicht als Figur auftritt, auch wenn er sich nicht in einer Exposition oder durch Ansprachen des Lesers zu erkennen gibt. „[...] ’der Erzähler’ ist der Bewertende, der Fühlende, der Schauende. Er symbolisiert die uns seit Kant geläufige erkenntnistheoretische Auffassung, daß wir die Welt nicht ergreifen, wie sie an sich ist, sondern wie sie durch das Medium eines betrachtenden Geistes hindurchgegangen.“116 Selbst wenn sich der Erzähler ganz hinter seinen Figuren verstecke, wenn er sich nicht selbst äußert, sondern die Figuren im mündlichen Dialog kommunizieren lasse, sei der Erzähler das zugrundeliegende ordnende Prinzip der Geschichte. Dieser Erzähler ist jene „Struktur lebensweltlicher Wahrnehmung“, die eine Geschichte wahrscheinlich macht.

Diese Struktur hat Käte Friedemann in dem „Blickpunkt des Erzählers“ ausgemacht. „Die Übermittlung vergangener Geschehnisse durch ein zwischen diesen und dem Leser stehendes Medium bedingt in erster Linie, daß dies Medium, wenn es uns glaubhaft erscheinen soll, die Illusion erwecken muß, als habe es die Geschehnisse von einem bestimmten Punkte aus angeschaut.“117 Dieser Blickpunkt ergebe sich aus der Rolle des Erzählers im Rahmen seiner Erzählung, aus seiner Perspektive auf die erzählte Welt, aus seiner Nähe oder Distanz und daraus, ob er „das von ihm Berichtete als Wirklichkeit oder

[Seite 90]

als Erfindung aufgefaßt wissen will“118.]


116 Käte Friedemann: Die Rolle des Erzählers in der Epik, Darmstadt 1965, S. 26.

117 Ebd., S. 33

118 Ebd.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[44.] Ts/Fragment 215 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:31:29 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 215, Zeilen: 1-25
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 89, 90, Zeilen: (89: letzte Zeile -) 90: 1, 4-30
[ [...] ob er „das von ihm Berichtete als Wirklichkeit oder] als Erfindung aufgefaßt wissen will“.227 Es gehöre zu jeder Erzählung, dass sie ihre Stellung zur Wirklichkeit verrät, dass jeder Erzähler kennzeichnen müsse, ob er seine Erzählung als Dichtung oder als Wirklichkeitsbericht gelesen wissen will.

An diese Überlegungen knüpft die Linguistin Barbara Herrnstein-Smith in ihrer Arbeit On the margin of discourse an. Auch für sie ist die Figur des Erzählers der Grund der Wahrscheinlichkeit. „[…] in a novel or tale, it is the act of reporting events, the act of describing persons and referring to places, that is fictive. The novel represents the verbal action of a man reporting, describing and referring.“228 Danach ergibt oder bestimmt sich die Fiktionalität literarischer Texte nicht vor allem durch die Erfindung einer Welt, sondern durch die Erfindung eines Erzählers.

In seinem Aufsatz Die logische Struktur der Dichtung hält Felix Martinez-Bonati dafür, dass man die Sätze des Erzählers als wahr annehmen müsse. „Was der Erzähler über die konkrete Welt des Romans (einer fiktiven Geschichte überhaupt) sagt, ist immer und ohne Einschränkung wahr.“229 Dem Erzähler zu glauben sei eine zentrale Regel des „epischen Spiels“, dessen Sinn die „Darstellung fiktiver Weltansichten“ sei: „[…] nehme ich entschlossen die Behauptungen als notwendig wahr hin, so entsteht vor mir das Bild der erzählten und beschriebenen Subjekte; halte ich die Sätze im Zweifel oder gar für falsch, so bleibt vor mir allein das Satzgefüge der erzählenden Rede.“230 Gottfried Gabriel kritisierte diese These mit dem Argument, dass Martinez-Bonati das psychologische Phänomen der Illusion zur Grundlage seiner Literaturtheorie mache.231


227 Ebd.

228 Barbara Herrnstein Smith: On the margin of discourse, The relation of Literature to Language, Chicago/London: University of Chicago Press 1978, S. 29.

229 Felix Martinez-Bonati: Die logische Struktur der Dichtung, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 47 (1973), S. 185–200, 186.

230 Ebd.

231 Gabriel, Fiktion und Wahrheit, S. 81.

[Seite 89]

[...] ob er „das von ihm Berichtete als Wirklichkeit oder

[Seite 90]

als Erfindung aufgefaßt wissen will“118. [...] Friedemann betont aber, daß es Teil jeder Erzählung ist, daß sie ihre Stellung zur Wirklichkeit verrät, daß jeder Erzähler kennzeichnen müsse, ob er seine Erzählung als Dichtung oder als Wirklichkeitsbericht gelesen wissen will. Die Überlegungen Käte Friedemanns hat die Linguistin Barbara Herrnstein-Smith beinahe siebzig Jahre später zur Grundlage ihrer eigenen Arbeit On the margins of discourse gemacht. Auch Herrnstein-Smith rückt die Figur des Erzählers als Grund der Wahrscheinlichkeit in den Mittelpunkt jeder Auseinandersetzung mit erzählender Literatur. „In other words, in a novel or tale, it is the act of reporting events, the act of describing persons an referring to places, that is fictive. The novel represents the verbal action of a man reporting, describing and referring.”119 Die Fiktionalität literarischer Texte besteht nicht vor allem in der Erfindung einer Welt, sondern in der Erfindung eines Erzählers. „’Wirklich’ im epischen Sinne aber ist zunächst überhaupt nicht der erzählte Vorgang, sondern das Erzählen selbst.“120 Der Erzähler ist die wichtigste Figur jeder Erzählung.

In seinem Aufsatz Die logische Struktur der Dichtung hat Felix Martinez-Bonati darauf hingewiesen, daß man die Sätze des Erzählers eines Romans als wahr annehmen muß. „Was der Erzähler über die konkrete Welt des Romans (einer fiktiven Geschichte überhaupt) sagt, ist immer und ohne Einschränkung wahr.“121 Allein dieser Grundsatz erlaube es beispielsweise, daß der Leser wissen kann, daß sich Don Quixote täuscht, wenn er die Windmühlen für Riesen hält und nicht Sancho Panza. Oder daß Klein Zaches nicht wirklich für das verantwortlich ist, wofür er Anerkennung erhält. Dem Erzähler zu glauben sei eine zentrale Regel des „epischen Spiels“, dessen Sinn die „Darstellung fiktiver Weltansichten“ sei: „[...] nehme ich entschlossen die Behauptungen als notwendig wahr hin, so entsteht vor mir das Bild der erzählten und beschriebenen Subjekte; halte ich die Sätze im Zweifel oder gar für falsch, so bleibt vor mir allein das Satzgefüge der erzählenden Rede.“122 Diesen Standpunkt hat Gottfried Gabriel mit dem Argument kritisiert, daß Martinez-Bonati das psychologische Phänomen der Illusion zur Grundlage einer Literaturtheorie mache.123


118 Ebd.

119 Barbara Herrnstein Smith: On the margins of discourse, Chicago und London 1968, S. 29.

120 Käte Friedemann: Die Rolle des Erzählers in der Epik, S. 25

121 Felix Martinez-Bonati: Die logische Struktur der Dichtung. In: Deutsche Viertelsjahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 47. Jg. (1973), H. 47, S. 186.

122 Ebd.

123 Gottfried Gabriel: Fiktion und Wahrheit, Stuttgart 1975, S. 81.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (großteils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[45.] Ts/Fragment 217 14 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:25:28 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 217, Zeilen: 14-35
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 91, 92, Zeilen: 91: 11-13, 24-32 - 92: 1-10
Wo es zur Erzeugung von Wahrscheinlichkeit nicht mehr genügt, eine Erzählung mimetisch an die objektive Wirklichkeit anzulehnen, wird das erzählende Ich zum Mittel der Beglaubigung. Es soll Beweis seiner Geschichte bilden gegenüber einer ungewissen Wirklichkeit. Die Existenz des erzählenden Ich wird bewiesen durch sein Erzählen, so wie das Erzählte durch das Ich beglaubigt wird. „Ich möchte beinahe behaupten“, meinte Ingeborg Bachmann in ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung, „daß es kein Roman-Ich, kein Gedicht-Ich gibt, das nicht von der Beweisführung lebt: Ich spreche, also bin ich.“233 In der Lyrik ist das Ich als Beweis für authentisches Erleben anerkannt. „Aufgrund der besonderen Struktur ihrer Aussage − ein Ich sagt, wie ihm zumute ist − scheint Lyrik so aufrichtig zu sein wie jeder andere ehrlich gemeinte Satz im Leben“234, resümiert Heinz Schlaffer in seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur. In der Epik bezieht das Ich seine Glaubwürdigkeit aus der realen, authentischen Kommunikation. Zur Veröffentlichung von Tagebüchern, Briefromanen und autobiographischen Rechenschaftsberichten im 18. Jahrhundert schreibt Schlaffer: „Sie verwiesen auf eine persönliche, durch die Person als wirklich und wahr verbürgte Erfahrung zurück, die anderen mitgeteilt wurde, von anderen geteilt werden konnte, so daß der Übergang von der persönlichen Aussprache über die handschriftliche Aufzeichnung zum gedruckten Buch gleitend zu sein schien. Jedes wahre Erlebnis verdiente es, veröffentlicht [zu werden; und umgekehrt: jede Publikation erweckte den Anschein, Ausdruck eines individuellen und doch für alle gültigen Erlebnisses zu sein.“235]

233 Ingeborg Bachmann: Frankfurter Vorlesungen, Das schreibende Ich, München/ Zürich: Piper 1980, S. 49.

234 Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, S. 79.

235 Ebd., S. 80.

[Seite 91]

Seit diese Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne weiteres durch das mimetische Verhältnis einer Erzählung zur objektiven Wirklichkeit hergestellt werden kann, wird das erzählende Ich zum Mittel der Beglaubigung. [...]

Die Existenz des erzählenden Ich ist durch sein Erzählen bewiesen so wie das Erzählte durch das Ich beglaubigt ist. „Ich möchte beinahe behaupten, daß es kein Roman-Ich, kein Gedicht-Ich gibt, das nicht von der Beweisführung lebt: Ich spreche, also bin ich.“125, formulierte Ingeborg Bachmann in ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung. Es ist ein Vorteil von Tautologien, daß niemand ihre Wahrheit bestreiten kann. Ich scheint das Konkreteste und damit das Wahrhaftigste zu sein: In der Lyrik ist das Ich ohnehin als Beweis für authentisches Erleben anerkannt. „Aufgrund der besonderen Struktur ihrer Aussage – ein Ich sagt, wie ihm zumute ist – scheint Lyrik so aufrichtig zu sein wie jeder andere ehrlich gemeinte Satz im Leben.“126, resümiert Heinz Schlaffer. In der Epik bezieht das Ich seine

[Seite 92]

Glaubwürdigkeit vom lyrischen Ich einerseits und aus der realen, authentischen Kommunikation andererseits. In seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur urteilt Heinz Schlaffer über die Veröffentlichung von Tagebüchern, Briefromanen und autobiographischen Rechenschaftsberichten im 18. Jahrhundert: „Sie verwiesen auf eine persönliche, durch die Person als wirklich und wahr verbürgte Erfahrung zurück, die anderen mitgeteilt wurde, von anderen geteilt werden konnte, so daß der Übergang von der persönlichen Aussprache über die handschriftliche Aufzeichnung zum gedruckten Buch gleitend zu sein schien. Jedes wahre Erlebnis verdiente es, veröffentlicht zu werden; und umgekehrt: jede Publikation erweckte den Anschein, Ausdruck eines individuellen und doch für alle gültigen Erlebnisses zu sein.“127


125 Ingeborg Bachmann: Frankfurter Vorlesungen. Das schreibende Ich, München und Zürich 1980, S. 49.

126 Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, S. 79.

127 Ebd., S. 80

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich, die auch auch Übernahme der gleichen Zitate in gleicher Abgrenzung an gleicher Stelle wie in der Quelle einschließt. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[46.] Ts/Fragment 218 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-26 10:30:33 Stratumlucidum
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 218, Zeilen: 1-7, 101-102
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 92, Zeilen: 8-15, 101-102
[„[...] Jedes wahre Erlebnis verdiente es, veröffentlicht] zu werden; und umgekehrt: jede Publikation erweckte den Anschein, Ausdruck eines individuellen und doch für alle gültigen Erlebnisses zu sein.“235 Solche beglaubigende Wirkung streben Autoren an, wenn sie ihre Ich-Erzähler als Herausgeber von Dokumenten, als allwissende Beobachter, als Tagebuch-, Brief- und Memoirenschreiber auftreten lassen.236 Diese Funktion erfüllten die Ich-Erzähler allerdings nur, wenn sie ebenso authentisch wären wie das Ich im Brief eines Freundes.

235 Ebd. [= Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur], S. 80.

236 Vgl. Vogt, Aspekte erzählender Prosa, S. 76.

„[...] Jedes wahre Erlebnis verdiente es, veröffentlicht zu werden; und umgekehrt: jede Publikation erweckte den Anschein, Ausdruck eines individuellen und doch für alle gültigen Erlebnisses zu sein.“127 An diese beglaubigende Wirkung knüpfen Autoren an, wenn sie ihre Ich-Erzähler einerseits als Herausgeber von Dokumenten und als allwissender Beobachter, oder andererseits in den Formen Tagebuch, Brief und Bekenntnis auftreten lassen.128 Ihre Funktion erfüllen die Ich-Erzähler aber nur, wenn sie ebenso authentisch sind, wie das Ich im Brief eines Freundes, wenn also das erzählende Ich in einem Roman mit dem Ich seines Autors identisch ist.

127 Ebd. [= Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur], S. 80.

128 Vgl. Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa, S. 76.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95 [...]"

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Das Zitat von Schlaffer (2002) findet sich – genau genommen – auf S. 80 f.; insofern ist unklar, ob es der Verf. überprüft hat.

Bei Vogt (1990) finden sich a.a.O. die referenzierten Ausführungen im vorliegenden Wortlaut nicht; bspw. kommt der Begriff "allwissende[r] Beobachter" dort nicht vor. Der Verf. übernimmt also eine Paraphrase aus der Quelle. Anhand des Textes ist zudem nicht nachvollziehbar, warum er hier mit Bezug auf Vogt den Begriff "Memoirenschreiber" verwendet.

Sichter
(fret) Stratumlucidum

[47.] Ts/Fragment 218 16 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:26:16 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 218, Zeilen: 16-28
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 134, 135, Zeilen: 134: 20-23, 28-31 - 135: 1-3
Friedrich Spielhagen liess das erzählende Ich in einem Roman mit dem Ich seines Autors mehr oder weniger zusammenfallen.237 In seinen Beiträgen zur Theorie und Technik des Romans (1883) wollte er die Möglichkeit von Objektivität in der Epik trotz ihrer subjektiven Perspektive beweisen. Er vertrat die These, dass der Erzähler eines Romans mit seinem Autor identisch sei,238 und sah eine Entwicklung der Erzählperspektive vom naiven „Ich“ des homerischen Epos über ein reflektiertes „Er“ zu einem neuen, reflektierten „Ich“.239 Der Vorteil dieser Perspektive liege darin, dass der Dichter ausgiebig seine subjektiven Ansichten und Meinungen einfliessen lassen könne, ohne den Leser aus der Illusion zu reissen.240 Diese einflussreiche dichtungstheoretische Position hat dazu beigetragen, dass literarische Werke als biographische Quelle für ihren Autor verstanden wurden.

237 Friedrich Spielhagen: Der Ich-Roman, in: Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, Leipzig: L. Staackmann 1883, S. 131–241; wiederabgedruckt in: Volker Klotz [Hrsg.]: Zur Poetik des Romans, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1965 [= Wege der Forschung 35], S. 66–161, 67.

238 Ebd., S. 103.

239 Vgl. ebd., S. 104, 128.

240 Vgl. ebd., S. 133.

Um die Möglichkeit von Objektivität in der Epik trotz ihrer subjektiven Perspektive zu beweisen, hat Friedrich Spielhagen 1883 in seinen Beiträgen zur Theorie und Technik des Romans die Überzeugung vertreten, daß der Erzähler eines Romans mit seinem Autor identisch sei. [...31] Spielhagen konstatiert eine Entwicklung der Erzählperspektive vom naiven „Ich“ des homerischen Epos über ein reflektiertes „Er“ zu einem neuen, reflektierten Ich.32 Den Vorteil dieser reflektierten Ich-Perspektive sieht Spielhagen darin, daß der Dichter ausgiebig seine subjektiven Ansichten und Meinungen einfließen lassen

[Seite 135]

könne, ohne den Leser aus der Illusion zu reißen.33 Diese einflußreiche dichtungstheoretische Position hat dazu geführt, daß die Werke eines Autors als biographische Quelle verstanden und auf Bekenntnisse der Dichterseele hin untersucht wurden.


[31 Friedrich Spielhagen: Der Ich-Roman. In: Volker Klotz (Hrsg.): Zur Poetik des Romans, S. 103.]

32 Vgl. ebd., S. 104, 128

33 Vgl. ebd., S. 133.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt von außerhalb dieses Bereichs. Daher Einordnung als Verschleierung.

Sichter
Schumann

[48.] Ts/Fragment 219 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-23 16:32:33 Schumann
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 219, Zeilen: 1-9
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 92, 93, Zeilen: 92: 27-31; 93: 2-8
[Später setzte sich die Überzeugung durch, dass das Ich durchaus nicht authentisch, sondern ebenso Erfindung sei wie die erzählten] Orte, Personen und Begebenheiten. Erfunden wird vielleicht noch vor der Geschichte selbst ihr Erzähler.241 Doch wenn das Ich nicht weniger fingiert ist als das Erzählte, verliert es seine beglaubigende Funktion. Ein Verwirrspiel beginnt, das Philip Roth in seinem Roman Täuschung dadurch beendet, dass der Erzähler seinen Lesern die Entscheidung überlässt. „Ich schreibe Fiktion, und man sagt mir, es sei Autobiographie, ich schreibe eine Autobiographie, und man sagt mir, es sei Fiktion, und da ich folglich so schwer von Begriff bin und die so klug sind, sollen die anderen doch entscheiden, was es nun ist oder nicht ist.“242

241 Vgl. Hans Meier: Gottfried Kellers „Grüner Heinrich“, Betrachtungen zum Roman des poetischen Realismus, Zürich/München: Artemis 1977 [= Zürcher Beiträge zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte 46], S. 120.

242 Philip Roth: Täuschung, Dt. v. Jörg Trobitius, Reinbek: Rowohlt 2000, S. 151 f.

[Seite 92]

Irgendwann setzte sich jedoch die Überzeugung durch, daß das Ich überhaupt nicht authentisch, sondern ebenso eine Erfindung sei, wie die erzählten Orte, Personen und Begebenheiten. „Es ist wohl bei Erzählwerken immer so, daß der Dichter [...] nicht die Geschichte zuerst erfindet, sondern einen Erzähler der Geschichte.“130 Ich ist ebenso fingiert wie das Erzählte, Ich ist nur eine Rolle des Autors.

[Seite 93]

Die beglaubigende Funktion, die der Erzähler durch die Genie-Ästhetik hatte, verliert das Ich jedoch, wenn es selbst eine Erfindung ist. Ein Verwirrspiel beginnt, das Philip Roth in seinem Roman Täuschung dadurch beendet, daß der Erzähler seinen Lesern die Entscheidung überläßt. „Ich schreibe Fiktion, und man sagt mir, es sei Autobiographie, ich schreibe eine Autobiographie, und man sagt mir, es sei Fiktion, und da ich folglich so schwer von Begriff bin und die so klug sind, sollen die anderen doch entscheiden, was es nun ist oder nicht ist.“131


130 Hans Meyer: Gottfried Kellers 'Grüner Heinrich', Zürich und München 1977, S. 120.

131 Philip Roth: Täuschung. Deutsch von Jörg Trobitius, Reinbek 2000, S. 151 f.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die Übernahme erfolgt aus diesem Bereich, doch wird die enge (teils wörtliche) Anlehnung an die Quelle nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

[49.] Ts/Fragment 223 20 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-18 22:25:39 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 223, Zeilen: 20-28
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 99, Zeilen: 8-17
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm bezeichnet als Hochstapler im Band X von 1877 einen „gauner, der als ein vornehmer bettelt; […] unter dem polizeilichen namen hochstappler versteht man einen menschen, der entweder wirklich der gebildeten gesellschaft angehörend oder unter der behauptung ihr anzugehören, wiederum nur die mitglieder dieser gesellschaft unter allerhand Vorspiegelungen in contribution setzt.“1 Das Hochstapeln setzt demnach eine soziale Hierarchie voraus und ist grundsätzlich eine gesellschaftliche Tätigkeit.

1 Jacob Grimm/Wilhelm Grimm [Hrsg.]: Deutsches Wörterbuch, Bd. X, Sp. 1633–1634.

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm versteht darunter im Band X von 1877 einen „gauner, der als ein vornehmer bettelt; [...] unter dem polizeilichen namen hochstappler versteht man einen menschen, der entweder wirklich der gebildeten gesellschaft angehörend oder unter der behauptung ihr anzugehören, wiederum nur die mitglieder dieser gesellschaft unter allerhand vorspiegelungen in contribution setzt.“7 Diese Definition, die Hochstapelei nicht am Reichtum, sondern an der Bildung festmacht, weist auf einen weiteren Kontrast im Charakter des Erzählers Krull hin: Das Hochstapeln setzt eine soziale Hierarchie voraus und ist grundsätzlich eine gesellschaftliche Tätigkeit, so daß die frühere Hochstapelei im Gegensatz zur jetzigen Zurückgezogenheit des Bekenners steht.

7 „Hochstapler“. In: Jacob und Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch, Bd. X, Sp. 1633-1634.

Anmerkungen

Übernahme von Anmoderation, Wörterbuchzitat und der Schlussfolgerung Kerns - ohne Hinweis auf die tatsächliche Quelle.

Sichter
Schumann

[50.] Ts/Fragment 289 13 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:37:33 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 289, Zeilen: 13-30
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 123, Zeilen: 4-18
Während Manolescu Talent und Training zum Grund dafür erklärt, dass er in jeder Rolle reüssiert, akzentuiert Rainer Maria Rilkes Romanfigur Malte Laurids Brigge eine ähnliche Szene anders − sie fühlt sich von den Verkleidungen wie beherrscht:
Ich lernte damals den Einfluß kennen, der unmittelbar von einer bestimmten Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzüge angelegt, mußte ich mir eingestehen, daß er mich in seine Macht bekam; daß er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einfälle vorschrieb; meine Hand, über die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewöhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich möchte sagen, sie sah sich selber zu, so übertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit, daß ich mich mir selber entfremdet fühlte; im Gegenteil, je vielfältiger ich mich abwandelte, desto überzeugter wurde ich von mir selbst.275

Rilkes Ich-Erzähler beschreibt dieselbe Wirkung wie Manolescu, nämlich die Entsprechung seiner Person mit den wechselnden Verkleidungen. Malte sieht aber die Ursache in der Verkleidung und hält es nicht für eine Eigenschaft.


275 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, in: Rainer Maria Rilke: Werke, Bd. III, Frankfurt am Main: Insel 1980, S. 204 ff. II. Eigenschaften, Psychologie und Vorgehensweise des Hochstaplers

Während Felix seine Natur zum Grund dafür erklärt, daß er jede Maske gut ausfüllt, akzentuiert Rilkes Romanfigur Malte Laurids Brigge eine ähnliche Szene anders: Er fühlt sich von den Verkleidungen wie beherrscht. „Ich lernte damals den Einfluß kennen, der unmittelbar von einer bestimmten Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzüge angelegt, mußte ich mir eingestehen, daß er mich in seine Macht bekam; daß er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einfälle vorschrieb; meine Hand, über die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewöhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich möchte sagen, sie sah sich selber zu, so übertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit, daß ich mich mir selber entfremdet fühlte; im Gegenteil, je vielfältiger ich mich abwandelte, desto überzeugter wurde ich von mir selbst.“24 Rilkes Ich-Erzähler beschreibt die gleiche Wirkung wie Felix Krull, nämlich die Entsprechung seiner Person mit den wechselnden Verkleidungen. Malte sieht aber die Ursache dessen in der Verkleidung und hält es nicht für eine Eigenschaft, die ihn vor anderen auszeichnet. Felix Krull hingegen wendet jedes Erlebnis zur Bestätigung seiner Vorzüglichkeit.

24 Rainer Maria Rilke: Malte Laurids Brigge. Werke in sechs Bänden V, Frankfurt a. M. 1986, S. 204.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[51.] Ts/Fragment 296 04 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:38:50 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 296, Zeilen: 4-12
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 121, 122, Zeilen: 121: letzte drei Zeilen - 122: 1-5
Der Simulationskünstler kann als Künstler nur Anerkennung gewinnen, wenn er willentlich simuliert. Krank zu sein ist keine Kunst. In ästhetischen Termini soll seine Simulation weder als „nachgeahmte Natur“ noch als ein „Stück Natur“ erscheinen, aber sie soll doch „die Dignität des Natürlichen haben“.305 Diese Aufgabe hat Manolescu mit den Illusionskünstlern der Varietébühnen gemein. Die illusionistische Wirkung entsteht beim Publikum nur, wenn der Trick nicht als solcher durchschaubar ist, wobei das Publikum aber zugleich weiss, dass den Erscheinungen auf der Bühne ein Trick zugrunde liegt.

305 Blumenberg, Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans, S. 25.

[Seite 121]

Der Simulationskünstler Felix Krull kann als Künstler nur Anerkennung gewinnen, wenn er willentlich tut. Krank zu sein ist keine Kunst. In ästhetischen Termini gesprochen soll

[Seite 122]

seine Simulation weder als „nachgeahmte Natur“ noch als ein „Stück Natur“ erscheinen, aber sie soll doch „die Dignität des Natürlichen haben“23. Diese Aufgabe hat er mit den Illusionskünstlern der Varietébühnen gemein. Die illusionistische Wirkung entsteht beim Publikum nur, wenn der Trick nicht als Trick durchschaubar ist. Das Publikum muß aber zugleich wissen, daß den Erscheinungen auf der Bühne ein Trick zugrunde liegt.


23 Hans Blumenberg: Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans. In: Hans Robert Jauß (Hrsg.): Nachahmung und Illusion, S. 25.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[52.] Ts/Fragment 304 06 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:39:59 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 304, Zeilen: 6-12
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 96, 98, Zeilen: 96: 14-16; 98: 9-11
Manolescu erwähnt nicht zuerst die Umstände seines Schreibens, die Geschichte seines Erzählens, sondern beginnt die Erzählung seines Lebens in medias res. Er tritt in der doppelten Gestalt des Ich-Erzählers und des Protagonisten der erzählten Welt auf, in der Doppelrolle als handelnder Betrüger und schreibender Bekenner. Der Erzähler stellt uns eine Figur vor, die wir dabei beobachten können, wie sie sich erzählend selbst entwirft. [Seite 98]

Ein Hochstapler erzählt sein Leben. Er beginnt seine Memoiren nicht medias in res, sondern er erzählt zuerst die Umstände seines Schreibens, die Geschichte seines Erzählens.

[Seite 96]

Krull tritt in der doppelten Gestalt des Ich-Erzählers und des Protagonisten der erzählten Welt auf. Der Autor Mann stellt uns eine Figur vor, die wir dabei beobachten können, wie sie sich erzählend selbst entwirft.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[53.] Ts/Fragment 304 16 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:40:48 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 304, Zeilen: 16-25
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 96, 113, Zeilen: 96: 22-25, 26-28 ; 113: 126-128
Er erschafft seine Existenz zweimal nach eigenem Entwurf: zum einen als Hochstapler, zum andern in der Erzählung dieses Lebens. Er ist Künstler und Kunstwerk wie auch Form und Materie in einer Person. Der Bekenner gibt Auskunft über den Hochstapler, wie die erzählten Erlebnisse des Hochstaplers zugleich den Erzähler und seine Prinzipien preisgeben. Das Erzählen ist durch das Leben geprägt, wie auch den Erlebnissen ihr Erzähltwerden immer schon eingeschrieben ist. So erhellt die Erzähltechnik Gründe für den Erfolg des Hochstaplers, wie die Methoden des Betrügers das Handwerkszeug des Erzählers offenbaren. [Seite 113]

Felix Krull erschafft sein Leben zwei Mal nach eigenem Entwurf: in seinem Leben als Hochstapler und in seiner Erzählung dieses Lebens. Er ist Künstler und Kunstwerk sowie Form und Materie in einer Person.

[Seite 96]

Der Bekenner gibt Auskunft über den Hochstapler, wie die erzählten Erlebnisse des Hochstaplers zugleich den Erzähler und seine Prinzipien preisgeben. Das Erzählen ist durch das Leben geprägt, wie auch den Erlebnissen ihr Erzähltwerden immer schon eingeschrieben ist. [...] So erhellt die Erzähltechnik Gründe für den Erfolg des Hochstaplers, wie die Methoden des Betrügers das Handwerkszeug des Erzählers offenbaren.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Agrippina1

[54.] Ts/Fragment 305 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:44:51 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 305, Zeilen: 2-8
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 96, Zeilen: 16-21
Für Manolescu gilt, was Michail Bachtin über die Helden Dostojewskijs geschrieben hat: „Die ganzheitliche Gestalt des Helden bleibt unvollendet, die Frage ‚Wer ist er?‘ unbeantwortet. Wir bekommen nicht zu sehen, wer er ist, sondern wie er sich selber sich zum Bewußtsein bringt. Wir sehen uns nicht in die Wirklichkeit des Helden versetzt, sondern vor die reine Funktion dessen, wie er sich dieser Wirklichkeit bewußt wird.“344

344 Michail M. Bachtin: Literatur und Karneval, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1990, S. 87 f.; zuerst in abweichender Übersetzung in: Michail M. Bachtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs, München: Hanser 1971, S. 54.

Für Felix Krull gilt, was Michail Bachtin über die Helden Dostojewskijs geschrieben hat: „Die ganzheitliche Gestalt des Helden bleibt unvollendet, die Frage »Wer ist er?« unbeantwortet. Wir bekommen nicht zu sehen, wer er ist, sondern wie er sich selber sich zum Bewußtsein bringt. Wir sehen uns nicht in die Wirklichkeit des Helden versetzt, sondern vor die reine Funktion dessen, wie er sich dieser Wirklichkeit bewußt wird.“1

1 Michail M. Bachtin: Literatur und Karneval, Frankfurt a.M. 1990, S. 87 f.; zuerst in abweichender Übersetzung in: Ders.: Probleme der Poetik Dostoevskijs, München 1971, S. 54.

Anmerkungen

Das Zitat wird aus der gleichen Quelle, in gleichen Abgrenzungen und der gleichen Einleitung übernommen - nur bei der Zuordnung (Manolescu statt Krull) gönnt sich der Verfasser hier einen kreativen Moment.

Sichter
Schumann

[55.] Ts/Fragment 305 14 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:45:58 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 305, Zeilen: 14-21
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 97, 111, Zeilen: 97: 21-23 ; 111: 4-7
Um den Glauben der Leser an seine Geschichte zu wecken, erzählt sie Manolescu als wirkliches Geschehen, als das authentische Bekenntnis eines Hochstaplers. Er selbst ist sein erster Leser und von seinen eigenen Bekenntnissen gerührt, belebt, begeistert. Aber er schreibt nicht für sich, sondern für andere, für möglichst viele Leser, was gleich zu Anfang klar wird. Weil er durch sein Erzählen nicht die eigene Läuterung bewirken, sondern Wirkung bei den Lesern erzielen will, muss er solche gewinnen. [Seite 97]

Um diesen Glauben der Leser zu wecken, erzählt Mann die erfundene Geschichte als wirkliches Geschehen, als das authentische Bekenntnis eines fiktiven Hochstaplers.

[Seite 111]

Er selbst ist sein erster Leser und ist von seinen eigenen Bekenntnissen gerührt und belebt. Weil er durch sein Erzählen nicht nur die eigene Läuterung bewirken, sondern Effekt bei anderen Lesern erzielen will, muß der Bekenner Leser gewinnen.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[56.] Ts/Fragment 308 31 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:47:08 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
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fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 308, Zeilen: 31-35
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 106, Zeilen: 29-32
Der Chronik ist jede Form der Teleologie, die Aufdeckung kausaler, innerer, tieferer Zusammenhänge der einzelnen Ereignisse, dem Anspruch nach fremd. Sie kann daher den Eindruck unverfälschter Beschreibung des Vergangenen erwecken. Jede Form der Teleologie, die Aufdeckung kausaler, innerer, tieferer Zusammenhänge der einzelnen Ereignisse, ist der Chronik, diesem frühen und traditionsreichen Genre der Historiographie, dem Anspruch nach fremd. Sie kann daher den Eindruck unverfälschter, wahrhaftiger Beschreibung des Vergangenen erwecken.
Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[57.] Ts/Fragment 309 03 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:48:18 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 309, Zeilen: 3-14
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 112, 114, Zeilen: 112: 6-10, 12-16; 114: 12-13
Dies gilt auch in Bezug auf die Behandlung der Zeit. Die Zeit ist einer der Aspekte, die Dichtung und Wirklichkeit unterscheiden. Dichter beschleunigen das Tempo der Erzählung durch Zeitraffung und bremsen es durch zeitdehnendes Erzählen ab. Manolescu folgt der Chronologie wie erwähnt nur zum Teil. Er springt vor und zurück. Er macht Vorausdeutungen späteren Geschehens und nährt so die Erwartungshaltung des Lesers. Manches fasst er äusserst summarisch zusammen oder überspringt es ganz. In den häufigen Partien wörtlicher Rede sind Erzählzeit und erzählte Zeit identisch. Die erzählerischen Gewichte liegen auf dem Episodischen, der einzelnen Begebenheit. Technisch hat dies die Raffung grosser Wegstrecken zur Folge und umgekehrt die Dehnung an einzelnen Stellen. [Seite 112]

Einer der Aspekte, die Dichtung und Wirklichkeit unterscheiden, ist die Zeit. Während die Zeit in Wirklichkeit – zumindest unterhalb der Lichtgeschwindigkeit – ein gleichmäßiges Nacheinander von Ereignissen beschreibt, bearbeiten die Dichter die Zeitläufe. Sie beschleunigen das Tempo der Erzählung an manchen Stellen durch Zeitraffung und bremsen es dann wieder durch zeitdehnendes Erzählen ab.

[Seite 114]

Der Bekenner spielt mit der Zeit, macht Vorausdeutungen und nährt so die Erwartungshaltung des Lesers.

[Seite 112]

Dagegen setzt Felix angeblich die Chronologie. Auch an dieses Prinzip hält er sich jedoch nicht: Er deutet späteres Geschehen vorher an, seine Kindheit und frühe Jugend faßt er summarisch zusammen, in den häufigen Partien wörtlicher Rede sind Erzählzeit und erzählte Zeit identisch, die Musterungsszene schließlich dauert in der umständlichen Erzählung länger als in Wirklichkeit.

[Seite 114]

„Obwohl man den Eindruck einer lückenlosen Schilderung hat, liegen die erzählerischen Gewichte auf dem Episodischen, der einzelnen Begebenheit. Technisch hat dies zur Folge die Raffung großer Wegstrecken und umgekehrt die Dehnung an einzelnen Stellen.“21


21 Wilhelm Grenzmann: Thomas Manns ‚Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull’. In: Wirkendes Wort, 5. Jg., H. 5, 1954/55, S. 284.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf eine Quelle.

Sichter
Schumann

[58.] Ts/Fragment 314 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:49:37 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
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fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 314, Zeilen: 1-7
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 103, Zeilen: 16-23
[Damit schliesst er sich Goethe an, der in einer Vorarbeit zu Dichtung und Wahrheit geschrieben hat: „Die Biographie sollte sich einen] großen Vorrang vor der Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und zugleich das Jahrhundert wie auch dieses auf jenes einwirkt.“371 Diese Haltung ist für das Genre der Autobiographie bedeutsam: Der Autor sieht sein eigenes Leben als typisch, exemplarisch, repräsentativ an. Im eigenen Lebenslauf sind deshalb die allgemeinen Umstände enthalten; daraus soll sich das Interesse des Publikums ergeben.

371 Goethe: Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit, in: Hamburger Ausgabe, Bd. IX, S. 843.

Damit schließt er sich Goethe an, der in einer Vorarbeit zu Dichtung und Wahrheit geschrieben hat: „Die Biographie sollte sich einen großen Vorrang vor der Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und zugleich das Jahrhundert wie auch dieses auf jenes einwirkt.“16 Diese Unterstellung ist für das Genre der Autobiographie überaus bedeutsam: Der Autor sieht sein eigenes Leben als typisch und exemplarisch an. Im eigenen Lebenslauf würden deshalb die allgemeinen Umstände dieses Lebens mit enthalten sein, woraus der Autobiograph seine Hoffnung auf das Interesse eines Publikums bezieht.

16 Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit. Werke IX, S. 843

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

[59.] Ts/Fragment 314 17 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:49:44 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 314, Zeilen: 17-23
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 103, Zeilen: 23-29
Indem Manolescu sein als exemplarisch empfundenes Leben erzählt, porträtiert er auch jene Gesellschaft, in der er als Hochstapler erfolgreich war, die seine Erfindungen für Wirklichkeit genommen hat. Der moralische Wert seiner Memoiren besteht also im Wesentlichen darin, dass sie die gesellschaftlichen Bedingungen zeigen, unter denen der Betrüger erfolgreich sein konnte. Insofern wird sein Bekenntnis zur sozialen Anklage. Indem Felix sein Leben erzählt, porträtiert er auch jene Gesellschaft, in der er als Hochstapler erfolgreich war, die seine Erfindungen für Wirklichkeit genommen hat. Der „moralische Wert“ der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull besteht seiner eigenen Ansicht nach also darin, die gesellschaftlichen Bedingungen aufzuzeigen, unter denen ein Betrüger erfolgreich sein kann. Was als Bekenntnis daherkommt, ist zugleich mit der eigenen Apologie eine Anklage der Welt.
Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann

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