Fandom

VroniPlag Wiki

Quelle:Uo/Ulrich 1993

< Quelle:Uo

31.363Seiten in
diesem Wiki
Seite hinzufügen
Diskussion0

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Angaben zur Quelle [Bearbeiten]

Autor     Bernd Ulrich
Titel    „ ... als wenn nichts geschehen wäre". Anmerkungen zur Behandlung der Kriegsopfer während des Ersten Weltkriegs
Sammlung    'Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...'. Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkriegs
Herausgeber    Gerhard Hirschfeld, Gert Krumeich und Irina Renz
Ort    Essen
Verlag    Klartext Verlag
Jahr    1993
Nummer    N.F. 1
Seiten    115-129
Reihe    Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte
Anmerkung    Die Sammlung (vgl. http://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/default.aspx?tabid=40208180) wird ebenfalls im Literaturverzeichnis und in einer Reihe von Fußnoten aufgeführt.
ISBN    3-88474-004-0
URL    http://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/_Rainbow/documents/keiner%20f%C3%BChlt%20sich%202/ulrich.pdf

Literaturverz.   

ja
Fußnoten    ja
Fragmente    8


Fragmente der Quelle:
[1.] Uo/Fragment 266 13 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 20:49:29 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 266, Zeilen: 13-31, 104-111
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 115, 117, Zeilen: 115:21-23.25-26.30-32; 117:1-8.22-23.25-27.29-30
Die Verwerfungen der Landschaften erscheinen wie das Abbild der körperlichen und seelischen Verletzungen der Menschen. In Deutschland vergingen Jahre, bis die Angehörigen der Vermissten über deren Schicksal Gewissheit erlangten. Noch 15 Jahre nach Kriegsende blieb völlig ungewiss, was mit ca. 100.000 Soldaten geschehen war, die zu diesem Zeitpunkt noch als vermisst galten.44 Der Vermisste konnte z.B. durch Verletzung sein Gedächtnis verloren haben, den eigenen Namen nicht mehr wissen, oder er vegetierte geistig verwirrt in einer der vielen Anstalten dahin. Die Diagnose hieß dann „Granatschock“ oder abfälliger „Kriegszitterer“. Oder er gehörte zu jenen „Kriegszermalmten“, jenen „Menschen ohne Gesicht“, die in einem der geheimnisumwitterten Lazarette lebten, verborgen im Schwarzwald oder mitten in der Großstadt Berlin. Erich Kuttner, 1887-1942, Begründer der Kriegshinterbliebenenfürsorge und engagierter sozialdemokratischer Redakteur und Abgeordneter, hat hierüber detaillierte und erschütternde Berichte hinterlassen.45 Viele der Kriegsopfer trauten sich aus Angst vor der Reaktion ihrer Angehörigen nicht nach Hause. Fotographien von sich selbst durften sie nicht besitzen, Gipsabdrücke ihrer zerstörten Gesichter wurden der Öffentlichkeit nie zugänglich gemacht.

„Um die Kriegszermalmten“, so Kuttner, „macht der patentierte Patriotismus einen weiten Bogen. Er zuerst hat sie vergessen, denn sie stören ihn“.46


44 Vgl. Bernd Ulrich: „ ... als wenn nichts geschehen wäre“. Anmerkungen zur Behandlung der Kriegsopfer während des Ersten Weltkriegs, in: Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch... Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkrieges, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, Essen 1993, S. 115-130, hier S. 115; Robert W. Whalen: Bitter wounds. German victims of the Great War, 1914-1939, Ithaca, London 1984; Martin Geyer: Ein Vorbote des Wohlfahrtsstaates. Die Kriegsopfer-versorgung [sic] in Frankreich, Deutschland und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg, in: Geschichte und Gesellschaft, 9. Jg. (1983), H. 2, S. 230-277.

45 Bart de Cort: Was ich will, soll Tat werden. Erich Kuttner 1887-1942. Ein Leben für Freiheit und Recht, Berlin 1990.

46 Erich Kuttner: Vergessen! Die Kriegszermalmten in Berliner Lazaretten, in: Vorwärts, 8.9.1920, zit. n. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 114.

[Seite 115]

Der Krieg ist nicht zu Ende; die Landschaften der ehemaligen Westfront: ihre Verwerfungen erscheinen wie das äußere Abbild innerer wie äußerer menschlicher Verletzungen, die nicht vernarben können.

[...] Jahre konnten vergehen, bis die Angehörigen der Vermißten Gewißheit hatten. [...] In Deutschland blieb noch 15 Jahre nach Kriegsende völlig ungewiß, was mit ca. 100 000 Soldaten geschehen war, die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor als vermißt galten.1 [...] Oder hatte er durch eine Verletzung das Gedächtnis verloren, konnte sich an nichts mehr erinnern, auch nicht an den eigenen

[Seite 117]

Namen? Vegetierte er in einer der vielen Anstalten, geistig verwirrt? Diagnose: Granatschock, abfällig Kriegszitterer genannt. Oder gehörte er womöglich zu jenen „Kriegszermalmten", jenen „Menschen ohne Gesicht", die in einem der geheimnisumwitterten Lazarette lebten, verborgen im Schwarzwald oder mitten in der Großstadt Berlin?

Erich Kuttner, Begründer der Kriegshinterbliebenenfürsorge, engagierter sozialdemokratischer Redakteur und Abgeordneter, hat uns einen Bericht hinterlassen, [...]

[...]

Viele dieser Kriegsopfer trauen sich nicht nach Hause, aus Angst vor der Reaktion ihrer Angehörigen, die sie sich nicht anders als entsetzt vorstellen können. [...] Fotografien von sich selbst dürfen sie nicht besitzen. Gipsabdrücke, die von ihren zerstörten Gesichtern gemacht wurden, sind in stille, unerreichbare Winkel des Krankenhauses verbannt. [...] „Um die Kriegszermalmten", so Kuttner, „macht der patentierte Patriotismus einen weiten Bogen. Er zuerst hat sie vergessen, denn sie stören ihn."4


1 Vgl.: B. Z. Urlanis, Bilanz der Kriege. Die Menschenverluste Europas vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin (Ost) 1965, S. 146; vgl.: Kriegerwitwen gestalten ihr Schicksal. Lebenskämpfe deutscher Kriegerwitwen nach eigenen Darstellungen, hrsg. von H. Hurwitz-Stranz, Berlin 1931. Der Band bringt Beispiele vieler Einzelschicksale, s. z. B. S. 65ff. Zur Situation der Kriegerwitwen s. auch: S. C. Sachße, Mütterlichkeit als Beruf. Sozialarbeit, Sozialreform und Frauenbewegung 1871-1929, Frankfurt a. M. 1986, S. 198ff. Generell: R. W. Whalen, Bitter wounds. German victims of the Great War, 1914-1939, Ithaca, London 1984; M. Geyer, Ein Vorbote des Wohlfahrtsstaates. Die Kriegsopferversorgung in Frankreich, Deutschland und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg, in: Geschichte und Gesellschaft, 9 (1983), Heft 2, S. 230-277.

3 E. Kurtner, Vergessen! Die Kriegszermalmten in Berliner Lazaretten, in: Vorwärts, 8.9. 1920; zu Erich Kuttner vgl. B. de Cort, „Was ich will, soll Tat werden". Erich Kuttner 1887-1942. Ein Leben (für Freiheit und Recht, Berlin 1990.

4 Kuttner, Vergessen!

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahme bleiben ungekennzeichnet.

Sichter
(Graf Isolan), Klicken (Kategorie) Schumann

[2.] Uo/Fragment 267 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 20:51:07 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 267, Zeilen: 1-30, 101-102, 109-113
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 117, 118, Zeilen: 117:30-35.39-40 - 118:1-6.9-17.20-25.35-41
[Daran] änderte sich auch nichts, als Ernst Friedrich 1924 in seinem berühmten Pamphlet gegen den Krieg Fotographien dieser „Menschen ohne Gesicht“ veröffentlichte.47 Diese noch durch provokative und pazifistische Bildunterschriften verstärkte Konfrontation des Publikums mit den Gesichts- und Kieferverletzungen war in diesem Umfang bis dahin einmalig. Die Erkenntnis, dass im 20. Jahrhundert, parallel zur technisch-industriellen Entwicklung, Kriege eine unvorstellbare Zahl an toten und verletzten Menschen „produzieren“ würde, bestand schon vor dem Ersten Weltkrieg. Viele Zukunftsromane48 des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts hatten nur eine Botschaft, die besagte, dass die Schrecken des Krieges und die Zahl der Opfer von der technischen „Vervollkommnung“ der Waffen und der sich fortschrittlich wähnenden Unbedenklichkeit in ihrer Anwendung abhingen.49

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs galt es nunmehr, der durchaus weit verbreiteten Furcht vor einem „modernen“ Krieg zu begegnen, die sich auf die Motivation der Soldaten und ihrer Angehörigen störend auswirken konnte. Man versuchte alles, um sich oder seine Angehörigen dem Militärdienst zu entziehen. Dieses Phänomen ist für Berlin belegt, wo sich „viele Frauen besonders seit Beginn des Frühjahrs (1915) an den Arzt zwecks eines Attests (wandten), damit ihr Mann Heimaturlaub (sic!) bekomme“.50 Zu den harmloseren Auswüchsen in diesem Zusammenhang zählte die Werbung für die Nützlichkeit von Schutzpanzern, namentlich für eine „Herzschutz Panzerplatte“ - „im Schützengraben liegend, ist die Panzerplatte als Kopfschutz zu verwenden“ die sich zu Beginn des Krieges großer Beliebtheit erfreute und gegen Voreinsendung von 8 Mark portofrei von der Deutschen Schutzpanzer-Industrie verschickt wurde.51

Im Januar 1915 schätzte der in der „Krüppelfürsorge“ maßgebliche Mediziner Konrad Biesalski die Zahl derjenigen Soldaten, „die eine schwere Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit und ihrer Haltung erlitten haben“, auf ca. 30.000.52 Das war noch vor den großen Material- und Vernichtungsschlachten der Jahre 1916 bis 1918. Damit wurde nicht nur die deutsche, sondern die Gesellschaft aller kriegführenden Nationen mit einem „Problem von denkbar größter ethischer und [wirtschaftlicher Bedeutung“ konfrontiert.53]


47 Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege!, Guerre à la guerre!, War against war!, Oorlog aan den oorlog!, Berlin 1924.

48 Beispielsweise: Edward Bulwer-Lytton: The Coming Race, 1870 (hier verändert die Entdeckung der Atomkraft „Vril“ die Welt). Herbert G. Wells: War of the Worlds, 1898 (hier war bis in die letzten Konsequenzen ausgemalt, wozu Technik im Krieg führte, die Utopie des Weltenkrieges entsprach jene des Weltstaates). Für Mark Twain war Elektrizität jene Zukunftswaffe, die mit einem Schlag die Massenheere seiner Gegenwart obsolet machte. Jules Verne als Wegbereiter der Idee des technischen Krieges ist hier noch zu erwähnen.

49 Vgl. Henning Franke: Der politisch-militärische Zukunftsroman in Deutschland, 1904-1914. Ein populäres Genre in seinem literarischen Umfeld (Europ. Hochschulschriften, R. 1; 559), (Diss. phil.), Göttingen 1984.

50 Vgl. Ärztliche Sachverständigen Zeitung, 21. Jg. (1915), S. 156. Zit. n. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 118.

51 Ulrich, ebd.

52 Vgl. ebd.

53 Konrad Biesalski, Direktor und leitender Arzt des Oscar-Helene-Heims für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder in Berlin, war in leitender Funktion in der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“ und der „Deutschen Orthopädischen Gesellschaft., tätig: er war Mitherausgeber der „Zeitschrift für Krüppelfürsorge" (ZfK). Vgl. K. Biesalski: Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag im Rahmen der Ausstellung für Verwundeten- und Krankenfürsorge im Sitzungssaal des Reichstags gehalten am 13.1.1915, Leipzig, Hamburg 1915. S. 3f. (Beilage zur Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 8. Jg. (1915/16)). Zu den Gesamtzahlen der Opfer - nach dem Krieg ging man von ca. 2,7 Millionen physisch wie psychisch Verstümmelter aus - vgl.: Sanitätsbericht über das Deutsche Heer (Deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914-18, bearbeitet in der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums, Bd. 3: Die Krankenbewegung bei dem Deutschen Feld- und Besatzungsheer im Weltkriege 1914-1918, Berlin 1934. Zum Vergleich: nach dem Krieg von 1870/71 wurden 42.660 Kriegsinvaliden gezählt.

[Seite 117]

Daran ändert sich auch nichts, als Ernst Friedrich in seinem berühmten Pamphlet gegen den Krieg Fotografien dieser „Menschen ohne Gesicht" veröffentlicht.5 Die von Friedrich durch provokative Bildunterschriften noch verstärkte Konfrontation des Publikums mit den Gesichts- und Kieferverletzten war nicht die erste Publikation dieser Fotografien; freilich die erste in diesem Umfang und in einem absichtsvoll pazifistischen Kontext. [...]

[...]

Daß Kriege im 20. Jahrhundert, parallel zur technisch-industriellen Entwicklung, eine bis dahin unvorstellbare Zahl von toten und verletzten Menschen im wahrsten

[Seite 118]

Sinne des Wortes „produzieren" würden, für diese Erkenntnis bedurfte es des Ersten Weltkriegs wahrlich nicht. Viele Zukunftsromane im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert hatten, wenn nicht andere, so doch immer diese eine Botschaft: daß die Schrecken des Krieges und die Zahl der Opfer abhingen von der technischen „Vervollkommnung" der Waffen und der sich fortschrittlich wähnenden Unbedenklichkeit in ihrer Anwendung.6 [...] Mit Beginn des Ersten Weltkriegs galt es, der durchaus weit verbreiteten Furcht vor einem „modernen" Krieg zu begegnen. Zu störend konnte sie sich auswirken auf die Motivation der Soldaten und ihrer Angehörigen, derer man zum Kriegführen bedurfte, und die schnell, angepaßt beispielsweise an das relativ dichte Netz ärztlicher Versorgung in Deutschland, alles versuchten, um sich oder ihre Angehörigen dem Militärdienst zu entziehen. So wandten sich offenbar - belegt ist dieses Phänomen für Berlin — „viele Frauen besonders seit Beginn des Frühjahrs [1915] an den Arzt zwecks eines Attests, damit ihr Mann Heimatsurlaub [sic!] bekomme." [...] 7 [...] Zu den harmloseren zählten dabei sicherlich jene Beiträge, die sich mit der Nützlichkeit von Schutzpanzern auseinandersetzten, namentlich mit der „Herzschutz-Panzerplatte" - „im Schützengraben liegend, ist die Panzerplatte als Kopfschutz zu verwenden" -, die sich zu Beginn des Krieges großer Beliebtheit erfreute und gegen Voreinsendung von 8 Mark portofrei von der Deutschen Schutzpanzer-Industrie verschickt wurde.8 [...] Im Januar 1915 schätzte der in der „Krüppelfürsorge" maßgebliche Mediziner Konrad Biesalski die Zahl derjenigen Soldaten, „die eine schwere Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit und ihrer Haltung erlitten haben", auf ca. 30 000 Männer - und das noch vor den großen Material- und Vernichtungsschlachten der Jahre 1916-18. Damit war die deutsche Gesellschaft - und mit ihr die aller kriegführenden Nationen - mit einem „Problem von denkbar größter ethischer und wirtschaftlicher Bedeutung" konfrontiert.10


5 E. Friedrich, Krieg dem Kriege!/Guerre à la guerre'/War against war!/Oorlog aan den oorlog!, Berlin 1924.

6 Vgl.: H. Franke, Der politisch-militärische Zukunftsroman in Deutschland, 1904-14. Ein populäres Genre in seinem literarischen Umfeld, Phil. Diss. Göttingen 1984.

7 Vgl.: Ärztliche Sachverständigen-Zeitung, 21 (1915), S. 156.

8 Vgl.: E. Jacobi-Siesmayer, Schutzpanzer, in: Die Umschau, 19 (1915), Bd. l, S. 44f.; ebenda, eine Anzeige für Herzschutz-Panzerplatten.

10 K. Biesalski, Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag im Rahmen der Ausstellung für Verwundeten- und Krankenfürsorge im Sitzungssaal des Reichstags gehalten am 13.l.1915, Leipzig, Hamburg 1915. (Beilage zur Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 8, 1915/16), S. 3f. Biesalski, Direktor und leitender Arzt des Oscar-Helene-Heims für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder in Berlin, war in leitender Funktion in der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge" und der „Deutschen Orthopädischen Gesellschaft" tätig; er war Mitherausgeber der „Zeitschrift für Krüppelfürsorge", deren Kriegsjahrgänge u. a. für diesen Beitrag ausgewertet wurden. Zu den Gesamtzahlen der Opfer — nach dem Krieg ging man von ca. 2,7 Millionen physisch wie psychisch Verstümmelter aus - vgl.: Sanitätsbericht über das deutsche Heer (deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914-18, bearb. in der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums, Bd. 3: Die Krankenbewegung bei dem deutschen Feld- und Besatzungsheer im Weltkriege 1914-1918, Berlin 1934. Zum Vergleich: nach dem Krieg von 1870/71 wurden 42 660 Kriegsinvalide gezählt; vgl.: B. Laqueur, Kriegsverletzungen und Seelenleben mit besonderer Berücksichtigung der sogenannten Entartungsfrage, in: Zeitschrift für Krüppelfürsorge (künftig: ZfK), 8 (1915/16), S. 247-255, hier S. 253.

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahmen bleiben ungekennzeichnet.

Besonders auffällig: Uo übernimmt ein Zitat aus Ulrich inklusive des darin vorkommenden Fehlerhinweises "[sic!]", wobei sie sich allerdings veranlasst sah, das fehlerbehaftete Wort des Originals ("Heimatsurlaub") zu korrigieren. Nicht nur, dass sie damit das Zitat verfälscht, durch diese Vorgehensweise läuft der Hinweis natürlich ins Leere.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

[3.] Uo/Fragment 268 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 20:52:21 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 268, Zeilen: 1-19, 101-116, 119-129
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 118, 120, Zeilen: 118:39-43; 120:3-10.15-27
[Damit wurde nicht nur die deutsche, sondern die Gesellschaft aller kriegführenden Nationen mit einem „Problem von denkbar größter ethischer und] wirtschaftlicher Bedeutung“ konfrontiert.53 Dieses „Problem“ konnte kaum wirkungsvoll kaschiert werden, wie beispielsweise der Tod an der Front und dessen öffentliche Darstellung.54 Bereits im August 1914 war ein Erlass der Kaiserin, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Krone in Sachen Kriegsfürsorge zuständig war, an die zivilen „Krüppelheime“ ergangen. Diese sollten die Nachbehandlung der Verstümmelten übernehmen und ihre Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess organisieren. Am 18. Dezember des gleichen Jahres fand eine Tagung des „Preußischen Landesverbandes für Krüppelfürsorge“ in Berlin statt, die mit einer von Biesalski initiierten Ausstellung über die bisherige und künftige Tätigkeit des Verbandes gekoppelt war. Nach derartigen Vorbereitungen fand am 8. Februar 1915 eine außerordentliche Tagung der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“ im Reichtagsgebäude statt. Ihre Ergebnisse wurden richtungsweisend für die zunächst dezentral organisierte „Krüppelfürsorge“.55 Diese baute auf ihren Vorkriegserfahrungen in 138 Heimen auf, deren Aufgabe es war, „durch orthopädisch-chirurgische Behandlung, Erziehung und Handwerkslehre krüppelhafte Kinder erwerbsfähig zu machen“. Zusätzlich schien durch eine über 25-jährige ärztliche Gutachtertätigkeit im Rahmen der Arbeiterversicherungsgesetzgebung die beste Voraussetzung gegeben zu sein, diese Probleme in den Griff zu bekommen.56 Die Leitsätze der künftigen Arbeit hatte Biesalski der [Öffentlichkeit schon in der „Täglichen Rundschau“ am 18.1.1915 vorgestellt.]

53 Konrad Biesalski, Direktor und leitender Arzt des Oscar-Helene-Heims für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder in Berlin, war in leitender Funktion in der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“ und der „Deutschen Orthopädischen Gesellschaft., tätig: er war Mitherausgeber der „Zeitschrift für Krüppelfürsorge" (ZfK). Vgl. K. Biesalski: Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag im Rahmen der Ausstellung für Verwundeten- und Krankenfürsorge im Sitzungssaal des Reichstags gehalten am 13.1.1915, Leipzig, Hamburg 1915. S. 3f. (Beilage zur Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 8. Jg. (1915/16)). Zu den Gesamtzahlen der Opfer - nach dem Krieg ging man von ca. 2,7 Millionen physisch wie psychisch Verstümmelter aus - vgl.: Sanitätsbericht über das Deutsche Heer (Deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914-18, bearbeitet in der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums, Bd. 3: Die Krankenbewegung bei dem Deutschen Feld- und Besatzungsheer im Weltkriege 1914-1918, Berlin 1934. Zum Vergleich: nach dem Krieg von 1870/71 wurden 42.660 Kriegsinvaliden gezählt.

54 Vgl. dazu: Zensurbuch für die deutsche Presse 1917, vollständig abgedruckt in: Pressekonzentration und Zensurpraxis, hrsg. von H. D. Fischer, 1973, S. 194-275.

55 Vgl. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 120.

56 Vgl. Biesalski: „Krüppel?“, in: ZfK, 7. Jg. (1914/15), S. 88-90. Biesalski setzt sich in diesem Artikel mit den negativen Konnotationen des Begriffs „Krüppel“ in der Öffentlichkeit auseinander. Er hält an dem Begriff fest, da man es eben bei der „Kriegskrüppelfürsorge“ mit einem Nachfolger der „Kinderkrüppelfürsorge“ zu tun, der Begriff also quasi eingeführt sei. Erst nach und nach setzte sich der bereits im militärischen Mannschaftsversorgungsgesetz gebräuchliche Begriff „Kriegsverstümmelter“ durch, bzw. der vom Heidelberger Oberbürgermeister Walz schon im Dezember geprägte Begriff „Kriegsbeschädigter“ oder „Kriegsinvalide“. Zur Vorkriegsfürsorge vgl. K. Biesalski: Umfang und Art des jugendlichen Krüppeltums und der Krüppelfürsorge in Deutschland, Leipzig, Hamburg 1909. Zum Sozialversicherungssystem vgl. den Überblick von G. A. Ritter: Sozialversicherung in Deutschland und England. Entstehung und Grundzüge im Vergleich, München 1983.

[Seite 118]

Damit war die deutsche Gesellschaft - und mit ihr die aller kriegführenden Nationen - mit einem „Problem von denkbar größter ethischer und wirtschaftlicher Bedeutung“ konfrontiert.10 Einem „Problem“ zudem, das nicht oder kaum wirkungsvoll kaschiert werden konnte, wie beispielsweise der Tod an der Front und seine öffentliche Darstellung.11

[Seite 120]

Bereits im August 1914 war ein Erlaß der Kaiserin, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Krone in Sachen Kriegsfürsorge zuständig zeichnete, an die zivilen „Krüppelheime“ ergangen, die Nachbehandlung der Verstümmelten zu übernehmen und ihre Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß zu organisieren. Am 18. Dezember des gleichen Jahres fand eine Tagung des „Preußischen Landesverbandes für Krüppelfürsorge“ in Berlin statt, die mit einer von Biesalski initiierten Ausstellung über die bisherige und künftige Tätigkeit des Verbandes gekoppelt war.12 [...] Die dabei geführten Gespräche dienten der Vorbereitung der großen, außerordentlichen Tagung der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“, die am 8. Februar 1915 im Reichstagsgebäude stattfand. Ihre Ergebnisse sollten maßgeblich werden für die nach und nach, zunächst dezentral organisierte „Krüppelfürsorge“.13 Gleichermaßen aufbauend auf den Vorkriegserfahrungen der in 138 Heimen organisierten „Krüppelfürsorge", die sich im wesentlichen der Aufgabe gewidmet hatte, „durch orthopädischchirurgische Behandlung, Erziehung und Handwerkslehre krüppelhafte Kinder erwerbsfähig zu machen", wie auf eine über 25jährige Gutachtertätigkeit vieler Arzte im Rahmen der Arbeiterversicherungsgesetzgebung, schienen die besten Voraussetzungen gegeben, das „Problem" in den Griff zu bekommen.14 Die Leitsätze der künftigen Arbeit hatte Biesalski freilich schon im Anschluß an seine Rundreise in der „Täglichen Rundschau" der Öffentlichkeit vorgestellt:


10 K. Biesalski, Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag im Rahmen der Ausstellung für Verwundeten- und Krankenfürsorge im Sitzungssaal des Reichstags gehalten am 13.l.1915, Leipzig, Hamburg 1915. (Beilage zur Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 8, 1915/16), S. 3f. Biesalski, Direktor und leitender Arzt des Oscar-Helene-Heims für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder in Berlin, war in leitender Funktion in der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“ und der „Deutschen Orthopädischen Gesellschaft“ tätig; er war Mitherausgeber der „Zeitschrift für Krüppelfürsorge“, deren Kriegsjahrgänge u. a. für diesen Beitrag ausgewertet wurden. Zu den Gesamtzahlen der Opfer — nach dem Krieg ging man von ca. 2,7 Millionen physisch wie psychisch Verstümmelter aus - vgl.: Sanitätsbericht über das deutsche Heer (deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914-18, bearb. in der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums, Bd. 3: Die Krankenbewegung bei dem deutschen Feld- und Besatzungsheer im Weltkriege 1914-1918, Berlin 1934. Zum Vergleich: nach dem Krieg von 1870/71 wurden 42 660 Kriegsinvalide gezählt; vgl.: B. Laqueur, Kriegsverletzungen und Seelenleben mit besonderer Berücksichtigung der sogenannten Entartungsfrage, in: Zeitschrift für Krüppelfürsorge (künftig: ZfK), 8 (1915/16), S. 247-255, hier S. 253.

11 Vgl. dazu nach wie vor am anschaulichsten: Zensurbuch für die deutsche Presse 1917, vollständig abgedruckt in: Pressekonzentration und Zensurpraxis im Ersten Weltkrieg, hrsg. von H. D. Fischer, Berlin 1973, S. 194-275.

12 Vgl.: Die bisherige Entwicklung der Kriegskrüppelfürsorge, in: ZfK, 8 (1915/16), S. 1-3.

13 Vgl.: Die Regelung der Fürsorge für Kriegsbeschädigte in Brandenburg, Westfalen und Bayern, in: Der Arbeitsnachweis in Deutschland. Zeitschrift des Verbandes deutscher Arbeitsnachweise, 2 (1914/15), S. 101-106; s. auch: Whalen, Bitter wounds, S. 83ff.

14 Vgl.: K. Biesalski, „Krüppel?", in: ZfK, 7 (1914/15), S. 88-90. In diesem Artikel setzt sich Biesalski mit dem Begriff „Krüppel" und seinen negativen Konnotationen in der Öffentlichkeit auseinander. Bemerkenswerterweise hält er an dem Begriff fest, „weil es unzweideutig das bezeichnet, was man meint" (S. 88). Zudem habe man es eben bei der „Kriegskrüppelfürsorge" mit einem Nachfolger der „Kinderkrüppelfürsorge" zu tun, der Begriff sei also quasi eingeführt. Erst nach und nach setzte sich, gegen den Widerstand Biesalskis, der bereits im militärischen Mannschaftsversorgungsgesetz gebräuchliche Begriff „Kriegsverstümmelter" durch bzw. der schon im Dezember vom Heidelberger Oberbürgermeister Walz geprägte Begriff „Kriegsbeschädigter" oder „Kriegsinvalide". Zur Vorkriegsfürsorge vgl.: K. Biesalski, Umfang und Art des jugendlichen Krüppeltums und der Krüppelfürsorge in Deutschland, Leipzig, Hamburg 1909. Zum Sozialversicherungssystem vgl. den Überblick von G. A. Ritter, Sozialversicherung in Deutschland und England. Entstehung und Grundzüge im Vergleich, München 1983.

Anmerkungen

Der Hinweis auf die eigentliche Quelle ist minimal. Art und Umfang der Übernahmen, welche inklusive der umfangreichen Fußnoten erfolgen, sind nicht gekennzeichnet. In weiten Teilen herrscht wörtliche Übereinstimmung mit der Vorlage.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

[4.] Uo/Fragment 269 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 20:53:25 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 269, Zeilen: 1-2, 8-39, 103-104
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 120, 121, Zeilen: 120:25-27.(27-33).33-38.40-44 - 121:1-14.16-28
[Die Leitsätze der künftigen Arbeit hatte Biesalski der] Öffentlichkeit schon in der „Täglichen Rundschau“ am 18.1.1915 vorgestellt. Diese lauteten:

„1. Keine Wohltat - sondern Arbeit für die verkrüppelten Krieger. 2. Zurückschaffung in die Heimat und die alten Verhältnisse, womöglich in die alte Arbeitsstelle. 3. Verstreuung unter die Masse des schaffenden Volkes, als wenn nichts geschehen wäre. 4. Es gibt kein Krüppeltum, wenn der eiserne Wille besteht, die Behinderung der Bewegungsfreiheit zu überwinden. 5. Darum breiteste Aufklärung aller Stände, zuerst der Verwundeten selber.“57

Zum Angelpunkt aller Bestrebungen wurde nun die Vermittlung der „frohen“ Botschaft, es gäbe kein Krüppeltum mehr, weil der medizinische Fortschritt und der eiserne Wille der Betroffenen eine, wenn auch eingeschränkte, Berufstätigkeit ermöglichen würden. Entsprechend massiv war die Aufforderung an die Presse. Seit Beginn des Jahres 1915 rissen die Folgen der oft bebilderten Berichte über die „möglichste Entkrüppelung aller Gebrechen“ nicht ab. Arm- und Beinamputierte, teils mit skurrilen Prothesen ausgerüstet, vollführten Turnübungen. Armlose Postbeamte führten weiterhin den Federhalter unter Einsatz der „Fischerschen Klaue mit Schraubvorrichtung“. Die orthopädische und medicomechanische Industrie warb mit Anzeigen bei derartigen Beiträgen. Diese Bemühungen wurden durch Vorträge, Lichtbildervorführungen, Wanderausstellungen, Führungen durch Krüppelheime und durch eine Vielzahl von Aufklärungsbroschüren ergänzt.58 Nach offizieller Darstellung sollten vor allem die Unternehmer- und Arbeiterschaft mit dieser Bilder- und Artikelflut im Sinne einer möglichen Reintegration in den Produktionsprozess beeinflusst werden. Fürchteten die einen dabei eine erhöhte Unfallgefahr mit Produktionsausfall durch mangelnde Leistungskraft der verstümmelten Männer, was in Verbindung mit einer „sozialen Gesetzgebung“ auch ihre Konkurrenzfähigkeit schmälern könnte, so bangten die anderen um ihren Arbeitsplatz, dessen Verlust nicht zuletzt auch die Gefahr ihrer Rekrutierung für die Front erhöhte.59

Im Rahmen dieser Öffentlichkeitsarbeit durften den Lesern auch Fotografien von „Kriegszermalmten“ zugemutet werden. Das wöchentlich erscheinende Magazin „Die Umschau“ - ein Periodikum, das sich der populären Aufbereitung neuer Entwicklungen in Technik, Naturwissenschaften und Medizin verschrieben hatte - veröffentlichte 1916 acht Abbildungen von „frischen Kiefer -und Gesichtsverletzungen“. In Vorher-Nachher Sequenzen wurden die schönen Erfolge plastischer Operationen dokumentiert. Doch weder durch die Fotos noch im Begleittext konnte geleugnet werden, dass durch derartige Verletzungen „die Harmonie des Antlitzes zerrissen, das Kaugeschäft beeinträchtigt“ wurde. Die „Einbuße in ästhetischer Hinsicht, die Minderwertigkeit in der äußeren Erscheinung“ waren enorm. Es war „in jedem Berufe ein arger Hemmschuh ...“, besonders „Schauspieler, Lehrer, Kellner u.a.“ mussten sich „deshalb für neue - [leider herabgeminderte Lebensansprüche - einrichten“.60]


57 Biesalski zit. nach Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 120.

58 K. Biesalski: Hilfsmittel und Aussichten der Kriegskrüppelfürsorge, Vortrag am 8.2.1915, in: ZfK. 8. Jg. (1915/16), S. 133-142, hier S. 139.

59 Vgl. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 121.

60 Ebd.

[Seite 120]

Die Leitsätze der künftigen Arbeit hatte Biesalski freilich schon im Anschluß an seine Rundreise in der „Täglichen Rundschau" der Öffentlichkeit vorgestellt: „l. Keine Wohltat - sondern Arbeit für die verkrüppelten Krieger. 2. Zurückschaffung in die Heimat und die alten Verhältnisse, womöglich in die alte Arbeitsstelle. 3. Verstreuung unter die Masse des schaffenden Volkes, als wenn nichts geschehen wäre. 4. Es gibt kein Krüppeltum, wenn der eiserne Wille besteht, die Behinderung der Bewegungsfreiheit zu überwinden. 5. Darum breiteste Aufklärung aller Stände, zuerst der Verwundeten selber."15 Insbesondere die Aufklärung", sprich, die Vermittlung der „frohen Botschaft", es gäbe kein Krüppeltum mehr, weil der medizinische Fortschritt und der „eiserne Wille" der Betroffenen eine, wenn auch eingeschränkte Berufstätigkeit ermöglichen würden, wurde von nun an zum „Angelpunkt aller unserer Bestrebungen", wie Biesalski an anderer Stelle formulierte. Entsprechend massiv war die Aufforderung an die Presse, die gar „nicht genug Artikel über diesen Gegenstand bringen könne ..., mit oder ohne Bilder, wie es ihr paßt."16

Die Presse entsprach diesen Wünschen. Mit Beginn des Jahres 1915 riß die Folge oft bebilderter Berichte über die „möglichste Entkrüppelung aller Gebrechlichen" nicht ab — ob nun mit teils skurrilen Prothesen ausgerüstete Arm- und Beinamputierte Turnübungen vollführten oder gezeigt wurde, wie der armlose Postbeamte mit der

[Seite 121]

„Fischerschen Klaue mit Schraubvorrichtung" auch weiterhin den Federhalter rühren [sic] konnte. Die orthopädische und medico-mechanische Industrie nutzte natürlich diese Gelegenheit und plazierte ihre Anzeigen oft vor oder hinter solche Beiträge. Diese Bemühungen wurden durch Vorträge - inclusive Lichtbildervorführungen -, Führungen durch „Krüppelheime", Wanderausstellungen und durch eine Vielzahl von „Aufklärungs"-Broschüren noch forciert.l7 Vor allem die Unternehmer- und die Arbeiterschaft sollten, nach offizieller Darstellung, mit dieser Bilder- und Artikelflut im Sinne einer möglichen Reintegration in den Produktionsprozeß beeinflußt werden. Fürchteten die einen bei der Einstellung von „Erwerbsbeschränkten" eine erhöhte Unfallgefahr (gleich Produktionsausfall) und schließlich die mangelnde Leistungskraft der verstümmelten Männer, die im Verein mit einer möglicherweise „sozialen Gesetzgebung" die Konkurrenzfähigkeit der Industrie schmälern konnte, so bangten die anderen um ihren Arbeitsplatz, dessen Verlust nicht zuletzt auch die Gefahr der Rekrutierung für die Front erhöhte.18

Integration der Invaliden

Im Kontext der eben geschilderten Öffentlichkeitsarbeit durften der Leserschaft auch Fotografien von „Kriegszermalmten" zugemutet werden. 1916 veröffentlichte das wöchentlich erscheinende Magazin „Die Umschau" - ein Periodikum, das sich der populären Aufbereitung neuer Entwicklungen in Technik, Naturwissenschaft und Medizin verschrieben hatte — acht Abbildungen von „frischen Kiefer- und Gesichtsverletzungen". In Davor-Danach Sequenzen wurden hier die „schönen Erfolge plastischer Operationen" dokumentiert. Doch konnte weder durch die Fotos noch im Begleittext geleugnet werden, daß durch derlei Verletzungen „die Harmonie des Antlitzes zerrissen, das Kaugeschäft beeinträchtigt" wird; auch sei die „Einbuße in ästhetischer Hinsicht, die Minderwertigkeit in der äußeren Erscheinung" enorm. Das endlich sei „in jedem Berufe ein arger Hemmschuh ..." und namentlich „Schauspieler, Lehrer, Kellner u.a." müßten sich „deshalb für neue — leider herabgeminderte Lebensansprüche — einrichten".19


15 K. Biesalski, Wer ist der Führer in der gesamten Fürsorge für unsre heimkehrenden Krieger?, in: Tägliche Rundschau, 18. l. 1915.

16 K. Biesalski, Hilfsmittel und Aussichten der Kriegskrüppelfürsorge, Vortrag am 8. 2. 1915, in: ZfK, 8 (1915/16), S. 133-142, hier S. 139; vgl. den Bericht über die Tagung in: Concordia. Zeitschrift der Zentralstelle für Volkswohlfahrt, Berlin, 22 (1915), S. 58-61.

17 Vgl.: Kriegskrüppelfürsorge. Ein Aufklärungswort zum Tröste und zur Mahnung, hrsg. von K. Biesalski, Leipzig, Hamburg 1915. Diese Schrift erschien 1916 bereits im 140. Tausend. Die darin publizierten 85 Fotos wurden von den Zeitungen und Magazinen oft nachgedruckt. Besonders hervor tat sich dabei die „Illustrirte Zeitung / Leipzig", aber auch die „Gartenlaube". S. auch: Dipl. Ing. Jacobi, Die Bedeutung des Lichtbildes für unsere Kriegsbeschädigtenfürsorge, in: Aus der Arbeit - Für die Arbeit, ZFK (Beilage zur ZfK), 10 (1917/18), S. 117-121. Oft zur Aufrührung kam auch ab 1917 der von der Monopol-Film-Vertriebs-Gesellschaft produzierte Film „Wie unsere Kriegsinvaliden wieder arbeiten lernen". Vgl. auch: G. Krumeich, Verstümmelungen und Kunstglieder. Formen körperlicher Verheerungen im l. Weltkrieg, in: Sowi. Sozialwissenschaftliche Informationen, 19 (1990), Heft 2, S. 97-102, der einige Beispiele bringt.

18 Vgl.: Bericht über die Tagung am 8. 2. 1915; K. Biesalski, Praktische Vorschläge für die Inangriffnahme der Krüppelfürsorge, in: ZfK, 7 (1914/15), S. 2-19.

19 H. Salamon, Kriegsinvalidität nach Kieferverletzungen, in: Die Umschau, 20 (1916), Bd.l, S. 148-150 (mit 8 Abbildungen).

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahme sind ungekennzeichnet. Das Zitat wurde nicht in die Zeilenzählung mit aufgenommen.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

[5.] Uo/Fragment 270 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 20:58:02 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 270, Zeilen: 1-9, 11-13, 27-32, 102-104
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 121, 123, Zeilen: 121:25-29.31-37; 123:(27-29).29-31.(31-34).34-40.(41-44)
[Es war „in jedem Berufe ein arger Hemmschuh ...“, besonders „Schauspieler, Lehrer, Kellner u.a.“ mussten sich „deshalb für neue -] leider herabgeminderte Lebensansprüche - einrichten“.60 Damit war in der Diktion der schon in Friedenszeiten sozialdarwinistisch geprägten ärztlichen Ethik alles gesagt.61 Der technisch-medizinische Fortschritt, mit dem der Krieg und seine physischen Folgen für die Menschen vermeintlich bewältigt werden konnte, sollte an einen „psychischen Fortschritt“ gekoppelt sein, in dessen Welt der eiserne Wille der Opfer und die besseren Nerven der Deutschen entscheidend waren.62 Die groß angelegten Versuche einer beruflichen Reintegration der Opfer erwiesen sich jedoch verhältnismäßig rasch als Fehlschlag, da die Widerstände seitens der Industrie und kleinerer Handwerksbetriebe zu groß waren.

Bei der Behandlung von Kriegsopfern wurde ein technokratisches Denken immer augenfälliger. Liest man die unablässig publizierten Listen über „Verwendungsmöglichkeiten für Invalide“, so fühlt man sich an die Angebotspalette einer menschlichen Roboterfabrik erinnert. Auszug aus einer Liste für „Verwendungsmöglichkeiten für Invalide“ (1915):

„[...] Chemische Industrie: Leute ohne Arm oder Fuß können Kanzleidiener. Torwächter oder Wagemeister sein. Beim Fehlen bestimmter Finger einer Hand sind sie verwendbar bei der Erzeugung von Soda, Chlorbarium, chlorsaurem Natron usf. sowie im Magazin, beim Transport, in Kammern und bei Hofarbeiten. [...] Dachdecker: [...] Beindefekte oder Deformitäten disqualifizieren. [...] Färber: Fehlen eines Armes oder Unterarmes macht unverwendbar. (Kunstfuß mit Stelze nicht verwendbar.) [...] Hilfsarbeiter: Verwendung möglich beim Fehlen eines Fußes, eines Auges, des Kieferapparates. [...] Kartonagezuschneider: [...] Ein Auge genügt. Fehlender linker Fuß müßte durch künstliches Bein ersetzt werden. [...] Mechaniker: Beide Arme notwendig. Feinmechaniker können einarmig sein. [...] Photographen: Retoucheure oder Kopisten können den linken Arm oder einzelne Finger sowie ein Auge entbehren. [...] Zahntechniker: Muß beide Hände haben, kann aber künstliche Beine besitzen.“63

Es war kein Zufall, dass in diesem Kontext auch die bereits vor dem Krieg zaghaft geführte Kontroverse über das die moderne Fließbandproduktion einleitende Taylor System [sic] wieder aufflackerte. Die zerstörten Körper der Kriegsopfer boten nun das, was einem gesunden Arbeiter nicht zugemutet werden konnte: den Ersatz menschlicher Glieder durch Mechanik im Dienste höchstmöglicher Ausnutzung der Arbeitskraft.

„Die Herstellung der Prothesen und ihrer verschiedenen Formen und Teile, insbesondere der Arbeitsklauen, ist nun in dieser Hinsicht nichts anderes als die Verwirklichung der Taylorschen Forderung: Anpassung des Werkzeugs an die besondere Veranlagung des Arbeiters.“64


60 Ebd.

61 Vgl. Esther Fischer-Hornberger: Der Erste Weltkrieg und die Krise der ärztlichen Ethik, in: Medizin und Krieg. Vom Dilemma der Heilberufe 1865 bis 1985, hrsg. von J. Bleker, Frankfurt/M. 1987, S. 122-132.

62 Vgl. Bernd Ulrich: Nerven und Krieg. Skizzierung einer Beziehung, in: Annäherungsversuche. Geschichte und Psychologie, hrsg. von B. Loewenstein, Pfaffenweiler 1992, S. 163-192.

63 Der Arbeitsnachweis. Zeitschrift für Arbeitslosigkeit, Arbeitsvermittlung, Auswanderung und innere Kolonisarion [sic], hrsg. von E. Schwiedland, R. v. Fürer, Wien 1915, S. 272-279.

64 Zit. n. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 123; Vgl. E. Meyer: Kriegsbeschädigtenfürsorge und Taylorsystem, in: ZfK, 10. Jg. (1917/18), S. 145-150, hier S. 147; vgl. zur Vorkriegsdiskussion in Deutschland: Das Taylorsystem, in: Ärztliche Sachverständigen-Zeitung, 20. Jg. (1914), S. 386-388.

[Seite 121]

Das endlich sei „in jedem Berufe ein arger Hemmschuh ...“ und namentlich „Schauspieler, Lehrer, Kellner u.a." müßten sich „deshalb für neue — leider herabgeminderte Lebensansprüche — einrichten“.19 Damit war in der Diktion der schon in Friedenszeiten sozialdarwinistisch geprägten ärztlichen Ethik alles gesagt.20 [...] Der technisch-medizinische Fortschritt, mit dem der Krieg und seine physischen Folgen für die Menschen vermeintlich bewältigt werden konnte, sollte an einen „psychischen Fortschritt“ gekoppelt sein, in dessen Welt der „eiserne Wille“ der Opfer und die „besseren Nerven“ 'der' Deutschen alles war.21

Die groß angelegten Versuche der beruflichen Reintegration der Opfer erwiesen sich jedoch verhältnismäßig rasch als Fehlschlag. Zu groß waren die Widerstände seitens der Industrie und kleinerer Handwerksbetriebe, [...]

[Seite 123]

Dabei zeigte sich, daß der Maschinenkrieg an allen Fronten, seinem von industriellen Ressourcen und Techniken abhängigen Charakter nach, auch bei der Behandlung der Opfer wirksam wurde. Wer die immer wieder publizierten Listen der „Verwendungsmöglichkeiten für Invalide“ liest, fühlt sich an die Angebotspalette einer menschlichen Roboterfabrik erinnert: „Zahntechniker muß beide Hände haben, kann aber künstliche Beine besitzen. Mechaniker: Beide Arme notwendig. Feinmechaniker können einarmig sein. Retoucheure oder Kopisten können den linken Arm oder einzelne Finger sowie ein Auge entbehren.“ etc.26 Es war kein Zufall, daß in diesem Kontext auch die bereits vor dem Krieg zaghaft geführte Kontroverse über das die moderne Fließbandproduktion einleitende Taylorsystem wieder aufflackerte. Denn nun boten die zerstörten Körper der Kriegsopfer, was dem gesunden Arbeiter nicht zugemutet werden konnte: die Ersetzung menschlicher Glieder durch mechanische im Dienste höchstmöglicher Ausnutzung der Arbeitskraft:

„Die Herstellung der Prothesen und ihrer verschiedenen Formen und Teile, insbesondere der Arbeitsklauen, ist nun in dieser Hinsicht nichts anderes als die Verwirklichung der Tayiorschen Forderung: Anpassung des Werkzeugs an die besondere Veranlagung des Arbeiters.“27


19 H. Salamon, Kriegsinvalidität nach Kieferverletzungen, in: Die Umschau, 20 (1916), Bd.l, S. 148-150 (mit 8 Abbildungen).

20 Vgl.: E. Fischer-Hornberger, Der Erste Weltkrieg und die Krise der ärztlichen Ethik, in: Medizin und Krieg. Vom Dilemma der Heilberufe 1865 bis 1985, hrsg. Von J. Bleker/H.P. Schmiedebach, Frankfurt a. M. 1987, S. 122-132.

26 Verwendungsmöglichkeiten für Invalide, in: Der Arbeitsnachweis, 1915, S. 272-283.

27 Vgl.: E. Meyer, Kriegsbeschädigtenfürsorge und Taylorsystem, in: ZfK, 10 (1917/18), S. 145-150, hier S. 147; vgl. zur Vorkriegsdiskussion in Deutschland: Das Taylorsystem, in: Die Umschau, 18 (1914), Bd. 2, S. 581-585; Das Taylorsystem, in: Ärztliche Sachverständigen-Zeitung, 20 (1914), S. 386-388 sowie die Schriften von Hugo Münsterberg.

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahmen sind nicht gekennzeichnet. Die Zitate wurden nicht in die Zeilenzählung aufgenommen.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

[6.] Uo/Fragment 271 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 21:00:17 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 271, Zeilen: 1-31, 101-108, 110-115
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 124, 125, Zeilen: 124:2-17.24-43 - 125:1
Die offizielle Diskussion über die psychischen Folgen der Verletzungen orientierte sich paradigmatisch an den Erfahrungen der zivilen Unfallgesetzgebung. Seit der „Entdeckung“ der traumatischen Neurose im Zusammenhang mit physisch nicht lokalisierbaren Folgen von Eisenbahnunfällen, beschäftigten sich die Gutachter immer wieder mit der Frage der Simulation bei Unfallopfern und der daraus resultierenden Bemessungsgrundlage für eine Rente. Der Vorwurf stand im Raum, das Opfer kultiviere sein Nervenleiden, um in den Genuss der Rente zu kommen oder sie nicht zu verlieren. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es die Diagnosen „Rentenhysterie, Rentenneurose oder Rentenpsychose“, mit denen die „Krankheitswürde“ psychischer Unfallfolgen in Frage gestellt wurde. Angesichts tausender traumatisierter Opfer während des Weltkriegs wurden derartige Diagnosen zu einem wesentlichen Motivationsfaktor für die teils äußerst brutalen „Heilverfahren“.65 Nun konnte bei den Schwerstkriegsverletzten nicht geleugnet werden, dass keine Simulation vorlag. Es wurde jedoch als „Rentenfurcht“ gekennzeichnet, wenn Anordnungen zur Übung und Hebung der Erwerbsfähigkeit nicht genutzt wurden aus der Befürchtung, die Rente würde entweder zu gering ausfallen oder sogar gekürzt werden.66 Die Hilflosigkeit der Opfer wurde schon im Lazarett genutzt. Sie durften nicht allzu sehr „verwöhnt und verzärtelt“ werden, um das Bewusstsein ihrer Hilflosigkeit nicht noch zu verstärken. Außerdem sollte „energischer Zuspruch [...] alle Nachdenklichkeit, Scheelsucht, alles Bewusstsein der Beeinträchtigung im Keime“ ersticken, ganz im Sinne von Biesalski. Dieser hatte die Formel vom „eisernen Willen“ geprägt, „für den Verstümmelten die beste Prothese“.67 Bei diesen Bemühungen sollte auch die „mütterliche deutsche Frau“ helfen, wenn der verstümmelte Ehemann oder Sohn nach Hause kam. Sie sollte jegliche Verwöhnung unterlassen, da derlei nur die „bösen Geister des Selbstbedauerns“ wecke. Wenn nicht ohnehin die wirtschaftliche Notlage nach der Entlassung aus dem Militärdienst zum Nebenerwerb zwang, war nach Auffassung der Sozialtechniker nur so die „Rentenangst“ in den Griff zu bekommen.68 Allerdings blieb die Frage strittig, ob für die Opfer ein langer Aufenthalt in den Lazaretten und Lehrwerkstätten empfehlenswert war. Im Allgemeinen herrschte dort ein militärischer Umgangston, der die Beein[flussung erleichterte.]

65 Vgl. Esther Fischer-Hornberger: Die traumatische Neurose. Vom somatischen zum sozialen Leiden, Bern, Stuttgart, Wien 1975.

66 Landesrat Horion: Die Rentenfurcht der Kriegsbeschädigten, in: ZfK, 9. Jg. (1916/17), S. 164-168, hier S. 165; vgl. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 124.

67 Vgl. zur Bedeutung des „Willens“ im öffenlichen [sic] Diskurs über die Durchhaltestrategien: Fischer-Hornberger: traumatische Neurose, 1975; Ulrich: Nerven und Krieg, in: Annäherungsversuche, hrsg. von B. Loewenstein, 1992.

68 Daniel: Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, 1989, S. 241-249; W. Schlüter, Gewöhnung und Verwöhnung in der Kriegsbeschädigtenfürsorge. Ein Wort an die deutsche Frau, in: ZfK, 9. Jg. (1916/17), S.72-76, hier S. 73 u. S. 76.

[Seite 124]

Parallel zu dieser, vor aller sozialen Fürsorge primär arbeitsorientierten Behandlung der „Krüppel", verlief die offizielle Diskussion über die psychischen Folgen der Verletzungen. Sie orientierte sich paradigmatisch an den Erfahrungen der zivilen Unfallgesetzgebung. Seit der „Entdeckung" der traumatischen Neurose im Zusammenhang mit physisch nicht lokalisierbaren Folgen von Eisenbahnunfällen, beschäftigten sich vor allem die als Gutachter für staatliche und private Versicherungen tätigen Ärzte immer wieder mit der Frage nach etwaigen Simulationen der Unfallopfer bzw. mit den daraus resultierenden Bemessungsgrundlagen für die Rente. Der Vorwurf, das Opfer kultiviere sein Nervenleiden, um in den Genuß der Rente zu kommen oder sie nicht zu verlieren, stand im Raum und führte schließlich mit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Diagnose „Rentenhysterie, Neurose oder Psychose." Allesamt Begriffe, mit denen die „Krankheitswürde" psychischer Unfallfolgen abgestritten werden sollte. Sie wurden endlich während des Weltkriegs - angesichts Tausender von traumatisierten Opfern — zu einem wesentlichen Motivationsfaktor für die teils äußerst brutalen „Heilverfahren."28 Nun konnte bei den schwerst Kriegsverletzten nicht geleugnet werden, daß Simulation nicht vorlag. [...] Dies wurde dann gemeinhin als „Rentenfurcht" gekennzeichnet.29 Der aber galt es zu begegnen. Die durch die Verletzungen entstandene Hilflosigkeit der Opfer mußte noch im Lazarett genutzt werden. Zum einen durften sie nicht allzu sehr „verwöhnt und verzärtelt" werden, um das Bewußtsein ihrer Hilflosigkeit nicht noch zu vermehren, zum anderen sollte „energischer Zuspruch [...] alle Nachdenklichkeit, Scheelsucht, alles Bewußtsein der Beeinträchtigung im Keime" ersticken, ganz im Sinne der von Biesalski schon früh geprägten Formel vom „eisernen Willen", der geweckt werden mußte; er wäre schließlich „für den Verstümmelten die beste Prothese."30

Bei diesen Bemühungen sollte auch die „mütterliche deutsche Frau" helfen, wenn der verstümmelte Ehemann oder Sohn nach Hause kam. Das Bereiten von Lieblingsspeisen, „Leckerworte" wie, „daß er nun reichlich genug gelitten habe, daß er es nun sich bequemer machen dürfe, daß es vor allem eine harte Zumutung sei, wenn man Arbeit von ihm verlange", - derlei wecke nur „die bösen Geister des Selbstbedauerns". Nur so, wenn nicht ohnehin die wirtschaftliche Notlage nach der Entlassung aus dem Militärdienst zum Nebenerwerb zwang -, war die „Rentenangst" nach Auffassung der Sozialtechniker in den Griff zu bekommen.31 Die Frage war allerdings — und sie wurde während des Krieges nie eindeutig entschieden —, ob sich ein langer Aufenthalt für die Opfer in den Lazaretten und Lehrwerkstätten empfahl. Zwar herrschte dort im

[Seite 125]

allgemeinen ein militärischer Umgangston, der die Beeinflussung erleichterte, [...]


29 Landesrat Horion, Die Rentenfurcht der Kriegsbeschädigten, in: ZfK, 9 (1916/17), S. 164-168, hier S. 165. Der Verfasser räumt immerhin ein, daß die Befürchtung, die Rente könne gekürzt werden „durchaus berechtigt" ist (S. 165).

30 W. J. Ruttrnann, Psychologische und pädagogische Fragen der Invalidenfürsorge, in: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik, 14 (1915), S. 459-463, hier S. 461f. Vgl. zur Bedeutung des „Willens" im öffentlichen Diskurs über die Durchhaltestrategien: Fischer-Hornberger, Die traumatische Neurose; Ulrich, Nerven und Krieg.

31 W. Schlüter, Gewöhnung und Verwöhnung in der Kriegsbeschädigtenfürsorge. Ein Wort an die deutsche Frau, in: ZfK, 9 (1916/17), S.72-76, hier S. 73, S. 76. An die Geistlichen beider Konfessionen ergingen ähnliche Aufrufe, vgl.: H. Lüttjohann, Die Aufgaben des Seelsorgers in der Kriegskrüppelpflege, in: ZfK (Beilage zur ZfK), 8 (1915/16), S. 31-34. Vgl. auch: Landesrat Horion, Schwierigkeiten bei der Berufsberatung Kriegsbeschädigter, in: ZfK, 10 (1917/18), S. 58-63.

33 Vgl.: M. Bloch, Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers, München 1985, S. 83ff; U. Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989, S. 241-249; so generell wie anregend zum Gerücht in der Geschichte: U. Raulff, Clio in den Dünsten. Über Geschichte und Gerüchte, in: Merkur, 44 (1990), Heft 6, S. 461fF. [sic] Zur zeitgenössischen Beschäftigung mit dem Thema vgl. u. a.: E. Stransky, Zur Psychologie der Legendenbildung im Felde, in: Die Umschau, 20 (1916), Bd. 2, S. 961-965.

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahme bleiben ungekennzeichnet.

Die Übereinstimmungen der Fußnote in Zeilen 101-104 ist in Uo/Fragment_270_01 dokumentiert.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

[7.] Uo/Fragment 272 01 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-19 21:09:11 Graf Isolan
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 272, Zeilen: 1-16, 22-27, 103-104
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 124, 125, 126, Zeilen: 124:43;125:1ff.; 126:1ff.
Es blieb jedoch ungewiss, ob nicht doch in den „Massenlazaretten leicht eine psychische Ansteckung mit dem Unzufriedenheitsbazillus stattfindet, indem einzelne Hetzer die ganze Gesellschaft verderben.“69 Fern der öffentlichen Rede gab es eine Beschäftigung mit dem Thema Kriegsopfer, angesiedelt in der Grauzone des Gerüchts. Mit den ersten Heimaturlaubern seit Beginn des Krieges fanden Berichte vor allem bei der Landbevölkerung begierig Aufnahme, die von tot oder vermisst geglaubten Soldaten erzählten, die man noch schwerverletzt auf dem Schlachtfeld gesehen haben wollte und die nun in Geheimlazaretten vor sich hin vegetierten oder langsam vergiftet wurden, um sie „von ihrem Leiden zu erlösen“. Die Beobachtung des französischen Historikers Marc Bloch - er diente vom August 1914 bis Januar 1915 an der Westfront dass von Soldaten alles geglaubt wird, was nicht gedruckt oder amtlich verlautbart vorliegt, bestätigt ihre Evidenz auch im Hinblick auf die damalige Zivilbevölkerung. Gerüchte waren das Ventil für die Zwänge und Verletzungen, denen die Soldaten und ihre Angehörigen unterworfen waren.70 Mit Beginn des Jahres 1917 war dem bayerischen Kriegsministerium bekannt geworden,

„daß derartige Gerüchte, wonach Mannschaften, die als gefallen oder vermißt gemeldet sind, angeblich in Geheimlazaretten verborgen gehalten würden, seit einiger Zeit auch anderwärts, vor allem in Südbayern in Umlauf sind. Sie stammen zweifellos aus unsauberer Quelle, sind jedoch geeignet auf die Dauer die Stimmung der Bevölkerung nachhaltig zu beeinflussen.“71

In Einzelfällen wurde den Gerüchten polizeilich nachgegangen, um sie als „böswillige Erfindung einwandfrei nachzuweisen“, die Verbreiter wurden als „nervenleidend“ oder „wichtigtuerisch“ denunziert.72 Die Verstümmelten selbst, deren Existenz unbezweifelbar war, wurden in diesem Zusammenhang gar nicht mehr erwähnt. Die Zerstörung ihrer Körper und Seelen blieb jedoch weiterhin Gegenstand von Berichten und Nachfragen der Angehörigen.


69 Horion: Die Rentenfurcht der Kriegsbeschädigten, S. 167. Zit. n. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 125.

70 Vgl. Marc Bloch: Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers, München 1985, S. 83f.

71 Schreiben des Kriegsministeriums vom 20.7.1917 (Bayerisches Hauptstaatsarchiv-Kriegsarchiv, München, MKr/ Akten Kriegsministerium, Nr. 13815), zit. n. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 126.

72 Vgl. ebd.

[Seite 124]

Zwar herrschte dort im

[Seite 125]

allgemeinen ein militärischer Umgangston, der die Beeinflussung erleichterte, doch blieb ungewiß, ob nicht doch, namentlich in den „Massenlazaretten leicht eine psychische Ansteckung mit dem Unzufriedenheitsbazillus stattfindet, indem einzelne Hetzer die ganze Gesellschaft verderben."32

Abseits der öffentlichen Rede über die Kriegsopfer entwickelte sich freilich auch eine nicht institutionalisierte, in der changierenden Grauzone des Gerüchts angesiedelte Beschäftigung mit dem Thema. Seit Beginn des Krieges, mit den ersten Heimaturlaubern von den Fronten, fanden vor allem in der Landbevölkerung solche Berichte begierige Aufnahme, die von tot oder vermißt geglaubten Soldaten erzählten, die man schwerstverletzt noch auf dem Schlachtfeld gesehen haben wollte und die man nun, angesichts ihrer Verstümmelungen, in einem Geheimlazarett wähnte, wo sie vor sich hin vegetierten oder gar langsam vergiftet wurden, um sie „von ihrem Leiden zu erlösen". Die Beobachtung des französischen Historikers Marc Bloch — er diente zwischen August 1914 und Januar 1915 an der Westfront —, daß von den Soldaten alles geglaubt wurde, was nicht gedruckt oder amtlich verlautbart vorlag, bestätigte ihre Evidenz auch im Hinblick auf die Zivilbevölkerung. Der Zwang und die Verletzungen, die Soldaten wie Angehörigen angetan wurden, fanden ein Ventil in Gerüchten.33 Deren Existenz und Wirkung die Schwerstverletzten betreffend ist überliefert,

[Seite 126]

weil sie vor allem mit Beginn des Jahres 1917 aktenkundig wurden. Dem bayerischen Kriegsministerium beispielsweise war bekannt geworden, „daß derartige Gerüchte, wonach Mannschaften, die als gefallen oder vermißt gemeldet sind, angeblich in 'Geheimlazaretten' verborgen gehalten würden, seit einiger Zeit auch anderwärts, vor allem in Südbayern in Umlauf sind. Sie stammen zweifellos aus unsauberer Quelle, sind jedoch geeignet auf die Dauer die Stimmung der Bevölkerung nachhaltig zu beeinflussen."34 In Einzelfällen wurde den Gerüchten polizeilich nachgegangen, um sie als „böswillige Erfindung einwandfrei nachzuweisen". Jene, die als Verbreiter von solchen Berichten überrührt werden konnten, denunzierte man als „nervenleidend" oder wichtigtuerisch. Die Verstümmelten selbst, deren Existenz unbezweifelbar war, wurden in diesem Zusammenhang gar nicht mehr erwähnt. Die Zerstörung ihrer Körper und Seelen aber blieb weiterhin Gegenstand der Berichte und Eingaben von Angehörigen.


32 Horion, Die Rentenfurcht der Kriegsbeschädigten, S. 167. Eine Befürchtung übrigens, die zunächst auch die Konzentrierung Kriegsbeschädigter in speziellen Siedlungen oder auf kleinen Landparzellen verhinderte, „weil nach kurzer Zeit der Einfluß der schlechten Elemente alle übrigen dazu bringt, nicht mehr zu arbeiten". Biesalski, Praktische Vorschläge. Diese Einschätzung änderte sich gegen Kriegsende, vgl.: H. Würtz, Fragen zur Ansiedlung Kriegsbeschädigter, in: ZfK, 9 (1916/17), S. 193-196 und weitere Beiträge in der ZfK.

33 Vgl.: M. Bloch, Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers, München 1985, S. 83ff; U. Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989, S. 241-249; so generell wie anregend zum Gerücht in der Geschichte: U. Raulff, Clio in den Dünsten. Über Geschichte und Gerüchte, in: Merkur, 44 (1990), Heft 6, S. 461fF. [sic] Zur zeitgenössischen Beschäftigung mit dem Thema vgl. u. a.: E. Stransky, Zur Psychologie der Legendenbildung im Felde, in: Die Umschau, 20 (1916), Bd. 2, S. 961-965.

34 Schreiben des Kriegsministeriums vom 20.7.1917 (Bayerisches Hauptstaatsarchiv- Kriegsarchiv, München, MKr/Akten Kriegsministerium, Nr. 13815).

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahmen bleiben ungekennzeichnet.

Zitat wurde nicht mitgezählt.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

[8.] Uo/Fragment 277 34 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2013-09-13 23:53:00 Graf Isolan
Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ulrich 1993, Uo, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 277, Zeilen: 34-40
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 118, Zeilen: 28-32
[linke Spalte]

Intentionen

[mittlere Spalte]

Information, Belehrung, Manipulation

[rechte Spalte]

Mit der ganzen Überzeugung vermeintlich eindeutiger Fakten wurde dem Publikum (wie auch dem Leser) suggeriert, dass den Neuerungen der Waffentechnik vom „humanen" kleinkalibrigen Mehrladegewehr bis hin zum rein strategisch eingesetzten Trommelfeuer eine vorbildliche Militärmedizin gegenüberstehe.

Mit der ganzen Wucht vermeintlich eindeutiger Fakten wurde dem Leser vorgerechnet, daß den Neuerungen der Waffentechnik — vom „humanen", weil kleinkalibrigen Mehrladegewehr bis hin zum ja bloß strategisch eingesetzten Trommelfeuer — eine vorbildliche Militärmedizin gegenüberstehe.
Anmerkungen

Kein Hinweis auf eine Übernahme.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

Auch bei Fandom

Zufälliges Wiki