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Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Hood
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 28, Zeilen: 2-36
Quelle: Becker 2002
Seite(n): 260, 262, 263, Zeilen: 260: 12-21; 262: 5-9, 13-17, 118-120; 263: 1, 4-7, 11-26
[d. Die Situation der Kriminologie zur Jahrhundertwende]

Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher übten aber nicht nur auf die Kriminologen eine starke Faszination aus. Auch in anderen Bereichen setze man sich mit Kriminellen auseinander, die unvermittelt außer Kontrolle gerieten. Ein uneinheitliches Konzept spiegelte sich bei Statistikern, Theologen, Politikern aber auch Literaten wider. Zunehmend gewann jedoch eine medizinische Sichtweise an Einfluss, die in Deutschland vor allem von Gefängnisärzten und forensischen Psychiatern getragen wurde. Diese repräsentierten am besten die neue Form des Denkens über Verbrecher. Dies sorgte dafür, dass eine wechselseitige Beeinflussung von medizinischen und juristischen Standpunkten stattfand, die sich in den kriminologischen Schriften um die Jahrhundertwende widerspiegelt. Rechtliche und soziale Normen wurden so mit einem anthropologischen und medizinischen Mehrwert aufgeladen, was zu einer Radikalisierung der Forderung nach Anpassung des Einzelnen an die von der Gesellschaft an ihn herangetragenen Erwartungen führte.60

Die Anerkennungen der neuen Theorien beruhten auf der breiten Akzeptanz evolutionistischer Deutungsmuster, die sich mit teleologischen Wunschvorstellungen aus vergangenen Zeiten mischten. Anreiz war es, eine Gesellschaft ohne Verbrechen in Aussicht stellen zu können. Ein Optimismus der sich auf Machbarkeitsphantasien der medizinischen Experten stützte, die ihre auf dem Gebiet der Behandlung des individuellen Körpers erreichten Kompetenzen auf den Sozialkörper übertragen wollten. Die oben dargestellte Naturalisierung von Verbrechen kann somit als Teil des Fortschrittsoptimismus der Mediziner und Sozialpolitiker angesehen werden.61

Diesem unterwarfen sich Strafrechtsexperten, Mediziner, Anthropologen und Psychiater und arbeiteten mit Leidenschaft und Ausdauer, aber auch mit Kompromissbereitschaft an der Ausbildung eines Kanons, der sich im Laufe der fachlichen Diskussion durchsetzen sollte. Sie lebten und stritten im Bewusstsein, dass die Kriminologie den Schritt vom pluridisziplinären Diskurs zur Normalwissenschaft noch längere Zeit nicht machen konnte. Deshalb zeigten die Teilnehmer dieses Diskurses eine Gesprächsbereitschaft, die sich nicht nur auf die eigenen Kollegen, sondern auf ein weites Feld von Experten und Publizisten erstreckte, von denen man Beiträge für eine neue Sicht auf den Kriminellen erwartete. Diese Offenheit drückte sich im Stil der Publikation aus: In den nüchternen, wissenschaftlichen Abhandlungen der Kriminologen finden sich Tabellen und Graphiken neben Sprichwörtern und Verweisen auf literarische Werke.62


60 Vgl. Becker, S. 260f.

61 Vgl. Becker, S. 262.

62 Vgl. Becker, S. 263.

[Seite 260]

Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher übten eine starke Faszination auf Wissenschaftler und Praktiker der Jahrhundertwende aus. Neben Juristen, Medizinern, Kriminalisten, Statistikern, Theologen und Politikern setzten sich auch Literaten mit Kriminellen auseinander, die unvermittelt außer Kontrolle gerieten. Die zahlreichen Beiträge waren von keinem einheitlichen theoretischen Konzept angeleitet; eine medizinische Sichtweise gewann allerdings zunehmend an Einfluß.9 Sie repräsentierte die neuen Vorstellungen am deutlichsten und trug wesentlich dazu bei, eine neue Form des Denkens über Verbrecher und deren strafrechtliche Behandlung im Diskurs der Jahrhundertwende zu verankern.

[Seite 262]

Die Anerkennung der kriminologischen Theorien beruhte auf der breiten Akzeptanz von evolutionistischen Deutungsmustern. Ebenso bedeutsam für ihren Erfolg war die Fähigkeit der Kriminologen, medizinische und biologische Theorien mit teleologischen Wunschvorstellungen aus der Frühzeit der bürgerlichen Gesellschaft in Verbindung zu setzen. [...] Die Naturalisierung von Devianz war somit Teil des Fortschrittoptimismus der Mediziner und Sozialpolitiker, auf den Detlev Peukert als wesentliches Merkmal der »Klassischen Moderne« hinweist. Dieser Optimismus gründete sich auf Machbarkeitsphantasien der medizinischen experten, die ihre Kompetenz in der Behandlung des individuellen

[Seite 263]

Körpers auf den Sozialkörper übertragen wollten.15 [...] Die Teilnehmer an diesem Diskurs radikalisierten die Forderung nach der Anpassung des einzelnen an die Erwartungen der Gesellschaft, indem sie rechtliche und soziale Normen mit einem anthropologischen und medizinischen Mehrwert ausstatteten. [...]

Strafrechtsexperten, Mediziner, Anthropologen und Psychiater verfolgten diesen Traum mit Leidenschaft, Ausdauer, aber auch mit Kompromißbereitschaft. Sie fühlten sich als Pioniere in einer Umbruchsituation,16 in der Kompromisse nicht politisch, sondern forschungslogisch motiviert waren; sie arbeiteten an der Ausbildung eines Kanons, der sich im Laufe der fachlichen Diskussion durchsetzen sollte. Sie lebten und stritten im Bewußtsein, daß die Kriminologie den Schritt vom pluridisziplinären Diskurs zur Normalwissenschaft noch längere Zeit nicht machen konnte. Deshalb zeigten die Teilnehmer dieses Diskurses eine Gesprächsbereitschaft, die sich nicht nur auf die eigenen Kollegen, sondern auf ein weites Feld von Experten und Publizisten erstreckte, von denen man Beiträge für eine neue Sicht auf den Kriminellen erwartete. Diese Offenheit drückte sich im Stil der Publikationen aus: In den nüchternen, wissenschaftlichen Abhandlungen der Kriminologen finden sich Tabellen und Graphiken neben Sprichwörtern und Verweisen auf literarische Werke, ethnographische Berichte und frühere Sammlungen von gerichtlichen Fällen.17


[Seite 260]

9 In Deutschland waren vor allem Gefängnisärzte und forensische Psychiater an dieser Diskussion beteiligt. Vgl. dazu: RICHARD F. WETZELL, Criminal Law Reform in Imperial Germany. Ph.D.diss., Stanford University 1991, S. 90.

Anmerkungen

Das gesamte (einseitige) Unterkapitel gibt den Text von Becker (2002) wieder. Die Quelle wird dreifach in Fußnoten genannt (mit "Vgl."), die wörtlichen und sinngemäßen Übernahmen sind aber nicht in ihrem Umfang kenntlich gemacht.

Sichter
Graf Isolan, Hindemith

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