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Ts/032

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Literatur und Verbrechen: Kunst und Kriminalität in der europäischen Erzählprosa um 1900

von Dr. Dr. Thomas Sprecher

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[1.] Ts/Fragment 032 05 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2015-06-27 18:08:30 Stratumlucidum
BauernOpfer, Fragment, Gesichtet, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Zander 2009

Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Schumann
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 32, Zeilen: 5-26
Quelle: Zander 2009
Seite(n): online, Zeilen: 1
Sie spielt in Boccaccios Heimatstadt Certaldo und handelt vom lügnerischen Pater Cipolla, der dort längere Zeit vermisst wurde. Wieder da, behauptet er, eine Wallfahrt gemacht zu haben, nach Jerusalem und weit darüber hinaus, bis nach Lügien und Trügien, nach Erfindien sogar. Und von dieser Wallfahrt habe er die wundertätigste aller Reliquien mitgebracht. Hier nämlich, in dieser Schatulle, stecke die wunderbare Feder, die der Engel Gabriel bei der Verkündigung in Nazareth verloren habe. Nun begab es sich aber, dass Giovanni del Bragoniera und Biagio Pizzini, zwei durchtriebene Käuze, heimlich in Pater Cipollas Kammer eindrangen, die wunderbare Feder stahlen und an ihrer Stelle drei Brocken Kohle in die Schatulle legten. Am nächsten Tag öffnet Pater Cipolla sie in der drängend vollen Kirche feierlich, und alles ist entgeistert, statt der Feder bloss schwarze Kohle zu sehen. Allein, der Pater behält die Ruhe und hebt, ohne die Farbe zu wechseln, zu der spannendsten Predigt an, die Certaldo jemals erlebt hat. Bei den Kohlen nämlich, teilt er mit, handle es sich um eben jene, mit welchen der heilige Laurentius gebraten wurde. Wer mit ihnen in dem Zeichen des Kreuzes berührt sei, dürfe während des ganzen folgenden Jahres sicher sein, dass kein Feuer ihn brennen könne, ohne dass er es fühle. Da drängen seine Hörer nach vorne zum Altar, um sich von Pater Cipolla ein schwarzes Mal auf die Stirne zeichnen zu lassen, und ziehen beseligt von dannen.

[[...]; Boccaccio, der diese Geschichte unter all seinen unsterblichen Satiren am meisten geliebt hat,29 [...]]


[29 Gemäss Hans Conrad Zander: Lob der Lüge, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2.8.2009, Nr. 31, S. 9.]

Von all seinen unsterblichen Satiren hat Boccaccio selber keine so geliebt wie die Geschichte von Pater Cipolla. Drum lässt er sie in seiner Heimatstadt Certaldo spielen. Dort, so erfahren wir, wurde Pater Cipolla längere Zeit vermisst. Als er wiederkam, tat er geheimnisvoll: "Wisst ihr es nicht? Ich habe eine Wallfahrt nach Jerusalem gemacht und weit darüber hinaus, bis nach Lügien und Trügien und nach Erfindien sogar. Und von dieser Wallfahrt habe ich euch die wundertätigste aller Reliquien mitgebracht. Hier in dieser Schatulle steckt die wunderbare Feder, die der Engel Gabriel bei der Verkündigung in Nazareth verlor."

Es lebten aber in Certaldo zwei durchtriebene Spitzbuben, Giovanni und Biagio mit Namen. Auf Zehenspitzen brachen sie ein in Pater Cipollas Kammer. Öffneten lautlos die kostbare Schatulle. Klauten ruchlos die schönste aller Papageienfedern. Legten dafür grinsend in die Schatulle drei schwarze Brocken Kohle.

Die halbe Toskana drängte in die Kirche von Certaldo, als Cipolla tags darauf mit seiner Schatulle auf die Kanzel stieg. Kaum zu ertragen war die Spannung noch, als er, nach langen Litaneien und nach inständigem Bekenntnis seiner Sünden, die wunderbare Schatulle vor aller Augen feierlich öffnete. Ein Raunen der Entgeisterung ging durch das überfüllte Gotteshaus. Was, das sollte die Feder des Engels Gabriel sein, diese drei hässlichen Brocken Kohle?

In diesem Augenblick tödlich drohender Blamage war einer nur in der Kirche von Certaldo, der die Fassung nicht verlor: Pater Cipolla selbst. In der größten Seelenruhe klappte er seine Schatulle wieder zu. Dann, aus dem Stegreif, hob er an zu der spannendsten Predigt, die Certaldo jemals gehört hatte: "[...] Hier, aus Erfindien, drei wundertätige Kohlen vom Feuer, auf dem der heilige Laurentius geröstet wurde. Wer sich von mir mit diesen drei Kohlen ein Kreuz auf den Kopf malen lässt, der ist vor allen Übeln, von denen er noch gar nichts weiß, wunderbar gefeit."

Da drängten Menschen ohne Zahl hin zum Altar, um sich von Pater Cipolla ein kohlenschwarzes Kreuz auf die Stirn malen zu lassen. Und keiner war, der nicht hocherbaut und hocherfreut von dannen zog.

Anmerkungen

Die Quelle wird im folgenden Absatz zwar genannt (Fn. 29), dort allerdings nur für eine Nebensatz-Aussage zum Stellenwert der Geschichte für Boccaccio selbst. Dass auch deren Nacherzählung im langen Absatz darüber inhaltlich fast komplett – und teils wörtlich – erkennbar der Quelle entnommen ist, wird nicht deutlich; lediglich der Text der Predigt wird etwas modifiziert.

Sichter
(Schumann) Stratumlucidum


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