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Literatur und Verbrechen: Kunst und Kriminalität in der europäischen Erzählprosa um 1900

von Dr. Dr. Thomas Sprecher

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[1.] Ts/Fragment 054 02 - Diskussion
Zuletzt bearbeitet: 2014-09-14 19:30:48 Schumann
Fragment, Gesichtet, Kern 2004, SMWFragment, Schutzlevel sysop, Ts, Verschleierung

Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 54, Zeilen: 2-29
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 101, 102, Zeilen: 101: 30-32 - 102: 1ff
Jeder Autobiographie liegt die Überzeugung zugrunde, dass die eigene Individualität aufschreibens- und mitteilenswert sei. Dessen war sich Michel de Montaigne bewusst, als er seinen Essais von 1580 die ironische Bemerkung voranstellte: „Also bin ich selbst die Materie meines Buches, geneigter Leser. Es ist nicht der Mühe werth, daß du deine Zeit auf einen so geringschätzigen und nichtigen Gegenstand wendest.“85

Rousseau verzichtet in seinen nach dem Willen des Verfassers posthum 1782 und 1788 erschienenen Confessions auf die Tarnung der narzisstischen Motivation und tritt ausgesprochen selbstbewusst auf. „Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders. Ob die Natur wohl oder übel daran tat, die Form zu zerstören, in die sie mich gegossen hatte, kann man erst beurteilen, nachdem man mich gelesen hat.“86 In der Tradition des bekehrten Kirchenvaters Augustinus richtet Rousseau seine Confessions an Gott und die Menschen. Selbst dem Jüngsten Gericht will er sie vorlegen, um mit ihnen den lieben Gott von seiner Besonderheit zu überzeugen. Was als Unbescheidenheit daherkommt, soll bloß aufrichtig sein. Die Menschheit, kommentierte Oscar Wilde wohl nicht ganz ohne Bosheit, werde Rousseau „immer dafür lieben, daß er seine Sünden nicht dem Priester, sondern der Welt gebeichtet hat“.87

Während sich Rousseau zumindest expressis verbis an Gott wendet, setzt Goethe den Brief eines Freundes an den Anfang von Dichtung und Wahrheit, um sein Erzählen zu motivieren. Man habe ihn gebeten, seine jeweiligen „Lebens- und Gemütszustände“ darzulegen, die die Stoffe für seine Werke hergegeben hätten. In seinem Kommentar für die Hamburger Goethe-Ausgabe weist Erich Trunz darauf hin, dass dieser „Brief eines Freundes“ „in seiner Formulierung wohl ein Werk [Goethes sei“, auch wenn er inhaltlich vieles zusammenfasse, „was man dem Dichter wiederholt gesagt und geschrieben hatte, und ist insofern (gleich dem übrigen) ‚gedichtete‘ Wahrheit“.88]


85 Michel de Montaigne: Essais, Ins Deutsche übersetzt v. Johann Daniel Tietz, Zürich: Diogenes 1992, S. XLIV.

86 Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse, Die Träumereien des einsamen Spaziergängers, Übersetzt v. Alfred Semerau, München: Winkler 1978, S. 9: „Je ne suis fait comme aucun de ceux que j’ai vus; j’ose croire n’être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m’a jette, c’est ce donc on ne peut juger qu’apres m’avoir lu.“

87 Oscar Wilde: Der Kritiker als Künstler, in: Oscar Wilde: Sämtliche Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Norbert Kohl, Frankfurt am Main: Insel 1982, Bd. VII, S. 70.

88 Erich Trunz: Anmerkungen, in: Johann Wolfgang von Goethe: Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, hrsg. v. Erich Trunz, München: dtv 1998, Bd. IX, S. 641 f.

[Seite 102]

Denn jeder Autobiographie liegt die Überzeugung zugrunde, daß die eigene Individualität mitteilenswert sei. Dessen war sich schon Michel de Montaigne bewußt, als er seinen Essais von 1580 folgende ironische Bemerkung voranstellte, die Max Frisch später als Motto für seinen autobiographischen Roman Montauk verwendet hat: „Also bin ich selbst die Materie meines Buches, geneigter Leser. Es ist nicht der Mühe werth, daß du deine Zeit auf einen so geringschätzigen und nichtigen Gegenstand wendest.“13 Im Gegensatz zu Goethe und Krull verzichten Montaigne und Rousseau auf die Tarnung der narzißtischen Motivation. Auf das Interesse des Publikums konnten sie ohnehin rechnen. Zu Beginn seines Dialogs Der Kritiker als Künstler schreibt Oscar Wilde: „Die Menschheit wird Rousseau immer dafür lieben, daß er seine Sünden nicht dem Priester, sondern der Welt gebeichtet hat [...].“14 Während sich Rousseau zumindest expressis verbis noch an Gott wendet, ist Gott als Adressat der Autobiographie bei Goethe gestrichen. Goethe setzt den Brief eines Freundes an den Anfang von Dichtung und Wahrheit, um sein Erzählen zu motivieren. Man habe ihn, den berühmten Dichter, gebeten, seine jeweiligen „Lebens- und Gemütszustände“ darzulegen, die die Stoffe für seine Werke hergegeben hätten. In seinem Kommentar für die Hamburger Goethe-Ausgabe weist Erich Trunz jedoch darauf hin, daß dieser „Brief eines Freundes“ „in seiner Formulierung wohl ein Werk Goethes sei“, auch wenn er inhaltlich vieles zusammenfasse, „was man dem Dichter wiederholt gesagt und geschrieben hatte, und ist insofern (gleich dem übrigen) ‚gedichtete’ Wahrheit.“15

[Seite 101]

Der französische Aufklärer Rousseau tritt im Unterschied zu Goethe und Krull in seinen Bekenntnissen ausgesprochen selbstbewußt auf. „Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der

[Seite 102]

Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders. Ob die Natur wohl oder übel daran tat, die Form zu zerstören, in die sie mich gegossen hatte, kann man erst beurteilen, nachdem man mich gelesen hat.“12 In der Beschwörung seiner Einzigartigkeit liegt kämpferisches Pathos. In der Tradition des bekehrten Kirchenvaters Augustinus richtet Rousseau seine Confessions an Gott und die Menschen. Selbst dem Jüngsten Gericht will Rousseau seine Bekenntnisse vorlegen, um mit ihnen sogar das ewige Wesen von seiner Besonderheit zu überzeugen. Was als Unbescheidenheit daherzukommen scheint, ist tatsächlich bloß aufrichtig.


12 Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse. Übersetzt von Alfred Semerau, München 1978, S. 9.
„Je ne suis fait comme aucun de ceux que j’ai vus; j’ose croire n’être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m’a jetté, c’est ce donc on ne peut juger qu’après m’avoir lu.“ (Les Confessions)

13 Michel de Montaigne: Essais. Ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz, Zürich 1992, S. XLIV.

14 Oscar Wilde: Der Kritiker als Künstler. Sämtliche Werke VII, S. 70.

15 Erich Trunz: Anmerkungen. Johann Wolfgang von Goethe: Werke IX, S. 641 f.

Anmerkungen

Ohne Hinweis auf die Quelle.

Sichter
Schumann


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