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Ts/Fragment 036 04

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Typus
Verschleierung
Bearbeiter
fret, Schumann
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 36, Zeilen: 4-25, 101-103
Quelle: Seiler 1986
Seite(n): 301; 302; 303; 320, Zeilen: 301: 15-27, 31-36; 302: 1-7; 303: 9-13; 320: 31-33, 36
[2. Guzmán de Alfarache]

Ein halbes Jahrhundert später ist die Not gelindert. In Mateo Alemáns Guzmán de Alfarache (1599) sieht sich der Held von den Umständen weniger genötigt. Das reine Überleben ist nicht sein Ziel. Er will ein gutes Leben. Dies erreicht er allerdings nur, wenn er rücksichtslos vorgeht. Er gibt den ehrlichen Diener und stiehlt dabei, betrügt, spioniert und denunziert, dass es eine Lust hat. Alles weiss er zu seinem Vorteil zu nutzen. Dabei tritt er auf als wohlhabender und wohlerzogener Kavalier. Zu den Adeligen gehört er freilich nicht, und er kann dies auch nicht ändern. Er bleibt ausgeschlossen; mehr als das vorübergehende Spiel eines Arrivierten lässt das Fatum nicht zu. Sein Aufstieg vom Lastträger zum Landvogt erfolgt nur zum Schein.36

Moralisch unterlegen fühlt sich Guzmán seiner Umgebung nicht, denn da geht es nicht christlicher zu als unter seinesgleichen:

Wärst du ein Dieb von größerem Format, einer von denen, die dreihunderttausend oder vierhunderttausend Dukaten wert sind, und könntest du gleich ihnen Protektoren und Richter kaufen, so lebtest du wie ihresgleichen; aber die Unglücksraben wie du, die weder etwas vom Geschäft verstehen noch Zinsen oder Wechsel zu bekommen wissen, die keine Ahnung haben, wie man ungestraft mit großen Summen durchgeht und sich hernach mit wenig Geld versöhnt [...], solche Schelme sollten auf die Galeeren, man sollte sie hängen, aber nicht weil sie Diebe sind, dafür wird man ja heutzutage nicht mehr gehängt, sondern weil sie ihr Handwerk so schlecht verstehen.37

36 Mateo Alemán: Das Leben des Guzmán von Alfarache [1599; dt. 1605], in: Spanische Schelmenromane, hrsg. v. Horst Baader, 2 Bände, München: Hanser 1964, Bd. 1, S. 236.

37 Alemán, Guzmán von Alfarache, S. 568.

[Seite 301]

Nicht mehr ganz so von den Umständen genötigt, mehr schon als mahnendes Beispiel, ist Mateo Alemáns 'Gusmán' [sic] ein halbes Jahrhundert später der Schelm, der mehr gibt, als er hat. Er will nicht nur überleben, sondern wohlleben und muß sich deshalb rücksichtslos alles zunutze machen, womit er seine Mitmenschen täuschen kann. In der Maske des ehrlichen Dieners stiehlt und betrügt er, wo immer es ihm möglich ist, spioniert und denunziert, weiß auch Freundschaften, die ihm angetragen werden, stets zu seinem Vorteil zu nutzen und gibt sich besonders gern das Ansehen und Aussehen eines wohlhabenden, wohlerzogenen Kavaliers. Allerdings wirklich zu den Adligen zu gehören, zu der damals nicht nur so genannten besseren Gesellschaft, das liegt außerhalb seiner Möglichkeiten. Seine Lebensperspektive bleibt die eines Ausgeschlossenen, der sich schon glücklich schätzen darf, wenn er wenigstens vorübergehend den Arrivierten spielen kann.

[Der Mensch muß einem guten Pferde oder Hunde gleichen, er muß bei der richtigen Gelegenheit zeigen, daß er ausgezeichnet laufen kann, und sich außerhalb derselben gesetzt und ruhig verhalten,

resümiert er die Zwänge seiner Existenz.] Dabei fühlt sich Guzmán denen, für die er läuft, keineswegs moralisch unterlegen. Da oben, so weiß er, geht es nicht besser, nicht christlicher zu als unter seinesgleichen, sondern bloß raffinierter und im Ernstfall weniger gefährlich.

Wärst du ein Dieb von größerem Format, einer von denen, die dreihunderttausend oder vierhunderttausend Dukaten wert sind, und könntest du gleich ihnen

[Seite 302]

Protektoren und Richter kaufen, so lebtest du wie ihresgleichen; aber die Unglücksraben wie du, die weder etwas vom Geschäft verstehen noch Zinsen oder Wechsel zu bekommen wissen, die keine Ahnung haben, wie man ungestraft mit großen Summen durchgeht und sich hernach mit wenig Geld versöhnt (...) solche Schelme sollten auf die Galeeren, man sollte sie hängen, aber nicht weil sie Diebe sind, dafür wird man ja heutzutage nicht mehr gehängt, sondern weil sie ihr Handwerk so schlecht verstehen.2

[Seite 303]

Was hätte da also eine Schelmenliteratur bedeuten können, in der etwa - wie im GUZMÁN VON ALFARACHE - die Idee eines Aufstieges vom Lastträger über den Küchenjungen zum königlichen Bediensteten und wohlhabenden Landvogt nur entwickelt wird, um ihre Absurdität offenkundig zu machen?4

[Literaturnachweise Seite 320]

2. Mateo Alemán: Das Leben des Guzmán von Alfarache (1599/1605). In: Spanische Schelmenromane. Hrsg. von Horst Baader. München 1964. Bd. 1. S. 357 und 568.

[...]

4. Alemán, Guzmán von Alfarache, S. 236.

Anmerkungen

Die eigentliche Quelle, der der gesamte Abschnitt – stark umformuliert aber in Inhalt, Struktur und Zitatauswahl (mit identischer Auslassung) deutlich erkennbar – entnommen ist, bleibt ungenannt.

"Bd. 1. S. 357" in Endnote 2 der Quelle bezieht sich auf das eingerückte Alemán-Zitat in eckigen Klammern auf S. 301, das vom Verf. nicht übernommen und daher von ihm auch nicht referenziert wird.

Sichter
(fret) (Schumann) Stratumlucidum

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