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Ts/Fragment 126 01

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Typus
Verschleierung
Bearbeiter
Schumann
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 126, Zeilen: 1 ff. (kpl.)
Quelle: Leuscher 1990
Seite(n): Online-Quelle, Zeilen: –
[Auch Entartung ist nach Art eines psychiatri-]schen Lehrbuches aufgebaut und untermauert den Führungsanspruch des naturwissenschaftlichen Diskurses. Die ersten Kapitel tragen die Titel Symptom, Diagnose und Ätiologie. Es folgt eine Psychologie des Mystizismus. Den Rest des ersten Bandes bilden Fall-Schilderungen, wobei statt Patienten einzelne Richtungen der zeitgenössischen Kunst und deren Vertreter beschrieben werden. Es geht um die Präraffaeliten, die Symbolisten, den Tolstoismus und den Richard-Wagner-Dienst. Im zweiten Band folgen Kapitel wie Psychologie der Ich-Sucht, Dekadente und Ästheten, Der Ibsenismus, Friedrich Nietzsche und Zola und die Zolaschulen. Schlüssig schliesst das Werk mit zwei Kapiteln über Prognose und Therapie.

Nordau führt die „Entartung“ auf die Verstädterung zurück. Mit dem Wachstum der Grossstädte gehe die Vermehrung der Entarteten aller Art einher, nämlich die Verbrecher, die Wahnsinnigen und die kulturell-geistig Degenerierten. Letztere spielten im Geistesleben eine immer auffälligere Rolle und strebten danach, „in Kunst und Schrifttum immer mehr Wahnsinns-Elemente einzuführen“.48 Die „Ermüdung des gegenwärtig lebenden Geschlechts“ sei ausreichend, um „Hysterie und Neurasthenie“ zu erzeugen. Die Erschöpfung komme in der ersten Generation als erworbene, bei der zweiten als erbliche Massen-Hysterie zur Erscheinung. Eine Form dieser Massen-Hysterie seien die neuen ästhetischen Schulen und ihr Erfolg:49

In der gesitteten [sic] Welt herrscht unverkennbar eine Dämmerstimmung, welche sich unter anderem auch in allerlei seltsamen ästhetischen Moden ausdrückt. Alle diese neuen Richtungen, der Realismus oder Naturalismus, der Dekadentismus, der Neomystizismus und ihre Unterformen sind Kundgebungen der Entartung und Hysterie und mit deren klinisch beobachteten und unzweifelhaft festgestellten geistigen Stigmaten identisch. Entartung und Hysterie sind aber die Folge übermäßiger organischer Abnutzung, welche die Völker durch die riesenhaft gesteigerten Ansprüche an ihre Tätigkeit und durch das starke Anwachsen der Großstädte erlitten haben.

Während der biologisch-medizinische Begriff der Entartung seit dem Nationalsozialismus zum „Wörterbuch des Unmenschen“50 gehört, hat [jener der Dekadenz, der etwa dasselbe meinte, keine vergleichbare Diskreditierung erlebt.]


48 Nordau, Entartung, Bd. 1, S. 67.

49 Ebd., S. 79.

[50 Vgl. Dolf Sternberger/Gerhard Storz/W. E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, Hamburg: Claassen 1957; Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin u.a.: de Gruyter 1998.]

Die ersten Kapitel seines Werkes sind nach Art eines psychiatrischen Lehrbuches mit "Symptom", "Diagnose" und "Ätiologie" betitelt. Es folgt eine "Psychologie des Mystizismus". Den Rest des ersten Bandes bilden Fall-Schilderungen, wobei die Stelle der Patienten einzelne Richtungen der zeitgenössischen Kunst und deren Vertreter einnehmen. Namentlich geht es um die "Präraffaeliten", die "Symbolisten", den "Tolstoismus" und den "Richard-Wagner-Dienst". Im zweiten Band geht es dann weiter mit Kapiteln wie "Psychologie der Ich-Sucht", "Dekadenten und Ästheten", "der Ibsenismus", "Friedrich Nietzsche" und "Zola und die Zolaschulen". Getreu dem psychiatrischen Vorbild schließt das Werk mit zwei Kapiteln über "Prognose" und "Therapie".

Nordau führt die Nervosität bzw. "Entartung" auf die Verstädterung zurück[, die den Menschen immer mehr nötige, in dem "Sumpf" der Großstädte zu leben: [...] ] Mit dem Wachstum der Großstädte gehe einher die Vermehrung der Entarteten aller Art. Neben Verbrechern und Wahnsinnigen vermehrten sich die kulturell-geistig Degenerierten. Daher komme es, "daß diese letzteren im Geistesleben eine immer auffälligere Rolle spielen, in Kunst und Schrifttum immer mehr Wahnsinns-Elemente einzuführen streben". (4)

Als noch allgemeinere Ursache nennt Nordau die "Ermüdung des gegenwärtig lebenden Geschlechts". [...] Sicher sei sie aber vollständig ausreichend, um "Hysterie und Neurasthenie" zu erzeugen. [...] Die dadurch bewirkte Erschöpfung komme in der ersten Generation als erworbene, bei der zweiten als erbliche Massen-Hysterie zur Erscheinung. Eine Form dieser Massen-Hysterie seien die neuen ästhetischen Schulen und ihr Erfolg:

"In der gesittenen Welt herrscht unverkennbar eine Dämmerstimmung, welche sich unter anderem auch in allerlei seltsamen ästhetischen Moden ausdrückt. Alle diese neuen Richtungen, der Realismus oder Naturalismus, der Dekadentismus, der Neomystizismus und ihre Unterformen sind Kundgebungen der Entartung und Hysterie und mit deren klinisch beobachteten und unzweifelhaft festgestellten geistigen Stigmaten identisch. Entartung und Hysterie sind aber die Folge übermäßiger organischer Abnutzung, welche die Völker durch die riesenhaft gesteigerten Ansprüche an ihre Tätigkeit und durch das starke Anwachsen der Großstädte erlitten haben."

[...]

[...] Der Begriff "Entartung" [...] gehört seit dem Nationalsozialismus zum "Wörterbuch des Unmenschen".

[...] Es wäre eine eigene Untersuchung wert, wieweit der Begriff der "Entartung", mit dem er den wissenschaftlichen Anspruch seiner Sichtweise zu unterstützen versuchte, nicht überhaupt erst durch sein Buch eingeführt und propagiert worden ist. Bezeichnenderweise hat der Begriff der "Dekadenz", der im Grunde dasselbe meinte und etwa zur selben Zeit aus dem Französischen ins Deutsche übernommen wurde, keine vergleichbare Diskreditierung erlebt.


4 Ebenda, Band 1, S. 65 und 67

Anmerkungen

Fortsetzung von der Vorseite: siehe Fragment 125 07.

Kein Hinweis auf die eigentliche Quelle. Der Inhalt der gesamten Seite inkl. des Blockzitats wird (gegen Ende stärker gerafft) übernommen.

Sichter
(Schumann), SleepyHollow02

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