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Ts/Fragment 209 02

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Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
fret
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 209, Zeilen: 2-17
Quelle: Kern 2004
Seite(n): 21, Zeilen: 5-20
Zweifel an der Wirklichkeit der Wirklichkeit206 sind im Grunde alt, und ebenso die Zweifel an diesen Zweifeln. Schon Aristoteles argumentierte in der Metaphysik wider sie an. Gegen die These, dass man alles so oder auch anders sehen könne und jeder eine eigene Ansicht über die Welt vertrete, führte er die Fallgruben der widerspenstigen Wirklichkeit ins Feld:
Denn warum geht denn der Anhänger dieser Lehre (z. B.) nach Megara und bleibt nicht lieber in Ruhe, während er meint zu gehen? Warum stürzt er sich nicht gleich frühmorgens in einen Brunnen oder in einen Abgrund, wenn es sich eben trifft, sondern nimmt sich offenbar in acht, indem er also das Hineinstürzen nicht in gleicher Weise für nicht gut und für gut hält? Offenbar hält er das eine für besser, das andere nicht. Wo aber dies [so ist], so muß er notwendig auch annehmen, dies sei ein Mensch, jenes nicht, dies sei süß, jenes nicht.207

Aristoteles beharrt darauf, dass es eine materiale Wirklichkeit gibt, die selbständig und vom Subjektiven unabhängig ist. Wer immer in einen Brunnen gestürzt ist, wird diese Meinung teilen.


206 Vgl. Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, München: Piper 1977.
207 Aristoteles: Metaphysik, Neubearbeitung der Übersetzung v. Hermann Bonitz, Mit Einleitung u. Kommentar hrsg. v. Horst Seidl, Griechisch/deutsch, 3., verbesserte Aufl. Hamburg: Meiner 1989, Buch IV, Kap. 4, S. 153, 1008b.

Bei allen berechtigten Zweifeln an der Wirklichkeit der Wirklichkeit23 hat allerdings auch heute noch ein Argument des Aristoteles eine hohe Plausibilität, das er in der Metaphysik den Skeptikern und Leugnern der unbedingten Gültigkeit des Satzes vom zu vermeidenden Widerspruch entgegengehalten hat. Gegen die auch heute wieder sehr verbreitete Ansicht, daß man alles so oder auch anders sehen könne und jeder seine eigene Meinung über die Welt habe, hatte Aristoteles die widerspenstige Wirklichkeit in die Debatte eingebracht: „Denn warum geht denn der Anhänger dieser Lehre nach Megara und bleibt nicht lieber in Ruhe, während er meint zu gehen? Warum stürzt er sich nicht gleich frühmorgens in einen Brunnen oder in einen Abgrund, wenn es sich eben trifft, sondern nimmt sich offenbar in acht, indem er also das Hineinstürzen nicht in gleicher Weise für nicht gut und für gut hält? Offenbar hält er das eine für besser, das andere nicht. Wo aber dies, so muß er notwendig auch annehmen, dies sei ein Mensch, jenes nicht, dies sei süß, jenes nicht.“24 Ob dieses Argument die Gültigkeit der logischen Prinzipien beweist, darf hier offen bleiben. Wir können aber von Aristoteles lernen, daß es eine materiale Wirklichkeit gibt, die ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom subjektiven Erkennen dadurch beweist, daß man sich hin und wieder den Schädel an ihr einschlägt.

23 Vgl. Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, München 1977.
24 Aristoteles: Metaphysik. Übersetzt von Hermann Bonitz, 1008b, Reinbek 1994, S. 112.

Anmerkungen

Der Vf. gibt zu Beginn von Kap. E (S. 143-221) an:
"Die Ausführungen in diesem Kap. folgen zum Teil den Darlegungen von Stefan Helge Kern, Die Kunst der Täuschung. Hochstapler, Lügner und Betrüger im deutschsprachigen Roman seit 1945 am Beispiel der Romane Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Mein Name sei Gantenbein und Jakob der Lügner, Diss. Hannover 2004, S. 10-95."

Die enge Anlehnung an die Quelle wird dadurch aber nicht deutlich. Daher Einordnung als Bauernopfer.

Sichter
Schumann

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