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Uh/Fragment 172 01

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Typus
KeineWertung
Bearbeiter
SleepyHollow02
Gesichtet
No.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 172, Zeilen: 1 ff. (kpl.)
Quelle: Hilgendorf 2001
Seite(n): 1162 ff., Zeilen: 0
[Da der Embryo nach h.M. nicht nur vom ESchG] geschützt wird, sondern auch von Anfang an Träger der Menschenwürde ist und ein Recht auf Leben besitzt, wird der rechtliche Schutz des menschlichen Lebens auf diese Weise erheblich ausgeweitet.616 Zur Begründung dieses extrem weiten Schutzbereiches wird auf das Potentialitätsargument des BVerfG aus der ersten Entscheidung zur Zulässigkeit des Schwangerschaftsabbruchs zurückgegriffen.617 Allerdings ist es angesichts der neuen Klontechniken kaum möglich, den Potentialitätsgedanken vom Schwangerschaftsabbruch auf die Reproduktionsmedizin zu übertragen, da sich mittlerweile aus beliebigen Körperzellen Embryonen bilden lassen. Seit der Geburt von Dolly ist die in § 8 Abs. 1 ESchG festgelegte Gleichsetzung von „totipotenter Zelle“ und „Embryo“ nicht mehr haltbar, da Körperzellen eines erwachsenen Organismus wieder in den Zustand der Totipotenz zurückgesetzt werden können. Es ist mithin nicht vertretbar, beliebige Körperzellen, sofern sie nur in eine entkernte Eizelle eingebracht werden und dort entwicklungsfähig sind, als „werdendes menschliches Leben“ zu betrachten. Sollte es eines Tages tatsächlich gelingen, aus durch Klonen entstandenen embryonalen Stammzellen menschliche Organe zu züchten, müssten auch diese als „werdendes menschliches Leben“ angesehen werden. Denn diese Organe sind immerhin direkt aus totipotenten Zellen hervorgegangen und tragen das Potential in sich, erneut in den Zustand der Totipotenz zurückversetzt und zu vollwertigen Menschen herangezogen zu werden.618

Der Grundrechtsschutz würde ad absurdum geführt, wenn man auch diesen einzelnen Körperzellen, daraus künstlichen entstandenem Hautgewebe oder einer künstlich entstandnen Leber Menschwürde und Recht auf Leben zusprechen wollte. Der Schutz sich entwickelnder menschlicher Zellen muss daher nach dem Entwicklungsgrad und der Entwicklungsrichtung abgestuft werden. Menschliche Zellen, die sich nicht zu einem Individuum entwickeln, scheinen erheblich weniger schutzwürdig als menschliches Leben im engeren Sinn. Der Gesetzgeber wird überprüfen müssen, ob erstere überhaupt dem ESchG unterfallen sollen und den Unterschied zwischen diesen beiden Formen menschlichen Lebens schärfer als bisher gegeneinander abgrenzen.619


616 Hilgendorf: Klonverbot und Menschenwürde. Vom Homo sapiens zum Homo xerox. S. 1147 (1162)

617 BVerfGE 39, S. 1 (41)

618 Hilgendorf: Klonverbot und Menschenwürde. Vom Homo sapiens zum Homo xerox. S. 1147 (1163)

619 Hilgendorf: Klonverbot und Menschenwürde. Vom Homo sapiens zum Homo xerox. S. 1147 (1164)

Nach h. M. wird der Embryo nicht nur vom ESchG geschützt, sondern ist auch Träger der Menschenwürde (Art. 1 1 GG) und besitzt ein Recht auf Leben (Art. 2 I I 1 GG). Der rechtliche Schutz des menschlichen Lebens wird auf diese Weise stark ausgeweitet. In der Literatur finden sich sogar Stimmen, die selbst der unbefruchteten Eizelle60 (warum nicht auch dem einzelnen männlichen Spermium?) Menschenwürde und ein Recht auf Leben zusprechen wollen. Zur Begründung dieses extrem weiten Schutzbereiches rekurrieren viele Autoren auf eine Formulierung des BVerfG aus der ersten Entscheidung zur Zulässigkeit des Schwangerschaftsabbruchs: „Wo menschliches Leben existiert, kommt ihm Menschenwürde zu; es ist nicht entscheidend, ob der Träger sich dieser Würde bewußt ist oder sie selbst zu wahren weiß. Die von Anfang an im menschlichen Sein angelegten potentiellen Fähigkeiten genügen, um die Menschenwürde zu begründen“61

Der entscheidende Punkt liegt darin, daß seit „Dolly“ die in § 8 I ESchG festgelegte Gleichsetzung von „totipotenter Zelle“ und „Embryo“ nicht mehr haltbar ist. Die moralische und rechtliche Bedeutung von „Totipotenz“ ändert sich, wenn unter Umständen (fast) beliebige Körperzellen eines erwachsenen Organismus wieder in den Zustand der Totipotenz zurückversetzt werden können.63 Es ist kaum vertretbar, beliebige Körperzellen, sofern sie nur in eine entkernte Eizelle eingebracht wurden und dort entwicklungsfähig sind, als „werdendes menschliches Leben“ zu betrachten und entsprechend zu schützen.64 Angenommen, es gelänge tatsächlich, aus via Klonierung entstandenen embryonalen Stammzellen menschliche Organe zu züchten — sollen dann diese Organe immer noch als „werdendes menschliches Leben“ gelten? Sie sind immerhin direkt aus totipotenten Zellen entstanden und tragen noch dazu das Potential in sich, erneut in den Zustand der Totipotenz zurückversetzt und zu vollwertigen Menschen herangezogen zu werden. Dennoch wäre es offensichtlich verfehlt, künstlich entstandenem Hautgewebe oder einer künstlich entstandenen Leber den Status eines Embryos zuzusprechen. Dasselbe muß konsequenterweise auch für die totipotente Zelle gelten, aus der das Gewebe oder das Organ entstanden ist. Will man den im Vorstehenden geschilderten biomedizinischen Entwicklungen Rechnung tragen, muß der Schutz sich entwickelnder menschlicher Zellen nach ihrem Entwicklungsgrad und ihrer Entwicklungsrichtung abgestuft werden.65 Werdendes menschliches Lebens i. e. S. erscheint erheblich schutzwürdiger als menschliche Zellen, die nicht auf dem Wege sind, sich zu einem Individuum zu entwickeln. Der Gesetzgeber wird zu prüfen haben, ob letztere überhaupt dem Embryonenschutzgesetz unterfallen sollten. Aufgabe der Rechtsdogmatik wird es sein, den Unterschied zwischen diesen beiden Formen menschlichen Lebens schärfer als bisher herauszuarbeiten.


62 Zippelius, Anfang und Ende des Lebens als juristisches Problem (1988), hier zitiert nach ders., Recht und Gerechtigkeit in der offenen Gesellschaft, 1996, S. 329-336 (331); Neumann, ARSP 1998, 153 (159).

63 Vgl. die Nachweise in Fn. 7.

64 Vgl. schon Hilgendorf, NJW 1996, 758 (761).

Anmerkungen

Wie auf den beiden vorangehenden Seiten: Mit kleinen Änderungen in der Formulierung wird der Quelltext wiedergegeben. Dieser ist in drei Fußnoten genannt.

Sichter
(SleepyHollow02)

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