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Uo/Fragment 077 01

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Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 77, Zeilen: 1-31, 101-102, 104-113
Quelle: Schlüpmann 1990
Seite(n): 216, 220, 221, 222, Zeilen: 216:22-25.37-43; 220:34.40-46; 221:4-26.46-51 - 222:1-3
[Es verwundert bei den Reformern, wie nahe dort Sexualität und] Verbrechen beieinander liegen. Sie werden in einem Atemzug genannt und fast als austauschbar angesehen. Die Erschütterung von Wahrnehmungsstrukturen durch das Kino wurde allerdings nicht reflektiert, um nicht die eigene Identität zu erschüttern. Das autoritäre Bewusstsein der Reformer sah stets nur die Gefährdung anderer: der ungebildeten Masse, der Kinder und Jugendlichen und der Frauen. Warstat beobachtete eine Kinosucht bei Frauen, die quer durch alle Gesellschaftsschichten ging.92 Die Öffentlichkeit des Kino erlaubte den Frauen, ihr „häusliches Gefängnis“ zu verlassen. Hinzu kam, dass die Moral, die sie im Privaten zu kultivieren hatten, destabilisiert wurde. Die bürgerliche Funktionalisierung des Geschlechterverhältnisses, die der Frau die Bewahrung der Sittlichkeit und eine erzwungene Selbstbescheidung als Rückhalt für den im öffentlichen Konkurrenzkampf stehenden Mann zuschrieb, begann sich aufzulösen.93

Eine völlig andere Rolle spielten die Juristen im Wilhelminismus. Sie besaßen eine Machtposition bei der Vermittlung zwischen Staat und kapitalistischer Industrie. Sie trugen ein Rechtssystem, das den Gedanken des sozialen Schutzes zugunsten privatwirtschaftlicher Autonomie systematisch ausblendete.94 Für den Juristen Albert Hellwig standen daher protektionistische Überlegungen im Vordergrund. Es galt, die gewaltigen Kapitalien, die sich im Kinematographen verkörperten, zu schützen. Die Zensur hatte für ihn den Auftrag, die Gefahren, die er wie alle Reformer im Kino sah, zu eliminieren, ohne die Kapitalentwicklung zu hemmen. Daher kam für ihn ein generelles Verdikt über das Kino und die Kinodramen nicht in Frage.95 Die gefährlichen Schmutz- und Schundfilme stellte er als „Auswüchse“ einer Kinematographenindustrie hin, die an sich „von großartiger volkswirtschaftlicher und kultureller Bedeutung“ war. Ihren Grund hatten sie im schlechten Geschmack des Publikums. Die Reformer wollten sich nur in den Dialog zwischen Produktion und Publikum einschalten, die Juristen hingegen forderten den Eingriff der Staatsgewalt im Interesse einer Industrie, die in Verruf geriet, da sie dem Publikumsbedürfnis nachgab. In seiner Broschüre „Schundfilms. Ihr Wesen, ihre Gefahren und ihre Bekämpfung“ von 1911 bekannte sich Hellwig zu dem Vorrang einer strengen Zensur vor allen pädagogischen Bemühungen. Da der schlechte Geschmack des Publikums nicht zu ändern war, sah er nur den Weg polizeilicher Maßnahmen, um die Missstände zu bekämpfen oder zu bessern.96


92 W. Warstat: Zwischen Theater und Kino, in: Die Grenzboten, 71. Jg. (1912), Nr. 33, S. 483.

93 Vgl. Schlüpmann: Unheimlichkeit des Blicks, 1990, S. 220.

94 Vgl. Gerhard Dilcher: Das Gesellschaftsbild der Rechtswissenschaft und die soziale Frage, in: Das wilhelminische Bildungsbürgertum, hrsg. von K. Vondung, 1976, S. 53-66.

95 Vgl. Hellwig: Schundfilms, 1911, S. 13. Albert Hellwig, vor dem Krieg Jugendrichter in Berlin und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Zensurfrage, war auch noch zu Beginn der Weimarer Republik an der Diskussion um das neue Reichslichtspielgesetz beteiligt. Die Kontinuität der Zensurkonzeption in Deutschland, von der örtlichen Polizeizensur auf der Grundlage des Preußischen Allgemeinen Landrechts bis hin zur Freiwilligen Selbstkontrolle in der Bundesrepublik hat u.a. Johannes Noltenius 1958 dargestellt und kritisiert: „der von Anfang an formelle Begriff einer Präventivzensur steht dem ,Kommunikationsgrundrecht' entgegen“.

96 Vgl. Hellwig, ebd.

[Seite 216]

Es verwundert einen schon an den frühen Reformschriften, wie nahe dort immer Sexualität und Verbrechen beieinanderliegen, wie sie in einem Atemzug genannt werden, ja fast als austauschbar behandelt werden. [...]

[...] Daß das Kino eine Erschütterung von Wahrnehmungsstrukturen auslöst, wird allerdings nicht reflektiert, weil diese Reflexion einer Selbstreflexion der erschütterten Identität des Bildungsbürgers gleichkäme. Zum autoritären - Selbstzweifel abwehrenden - Bewußtsein des Reformers gehört, daß es ihm immer um die Gefährdung anderer geht - der ungebildeten Masse, der Kinder und Jugendlichen, der Frauen.

[Seite 220]

Und Warstat vermerkt die Kinosucht der Frauen quer durch die Klassen:

[...]164

Das Kino bildet nicht nur eine Öffentlichkeit, die der Frau erlaubt, ihr häusliches Gefängnis zu verlassen, es destabilisiert auch die Moral, die sie im Privaten zu kultivieren hatte. Das Kino war Ausdruck und Agens einer Auflösung der bürgerlichen Funktionalisierung des Geschlechterverhältnisses, die der Frau die Konservierung einer natürlichen Sittlichkeit zuschrieb, eine erzwungene Selbstbescheidung als Rückhalt für den im öffentlichen Konkurrenzkampf stehenden Mann.

[Seite 221]

Ganz anders war die Rolle der Juristen im Wilhelminismus. Sie nahmen eine Machtposition in der Vermittlung zwischen Staat und kapitalistischer Industrie ein, trugen ein Rechtssystem, das den Rechtsgedanken des sozialen Schutzes zugunsten privatwirtschaftlicher Autonomie systematisch ausblendete.166 Für den Juristen Albert Hellwig stehen daher protektionistische Überlegungen im Vordergrund, daß “im Kinematographen sich gewaltige Kapitalien verkörpern”, die zu schützen sind.167 Zensur hat den Auftrag, die Gefahren, die er wie alle Reformer im Kino sieht, zu eliminieren, ohne die Kapitalentwicklung zu hemmen. Daher kommt für ihn das generelle Verdikt über das Kino und die Kinodramen nicht in Frage, auch nicht mit der Perspektive der Erneuerung des Kinematographenwesens durch Musterprogrammme und deren von Gemeinde und Staat getragenen Verbreitung. Vielmehr muß er die gefährlichen Schmutz- und Schundfilms als “Auswüchse” einer Kinematographenindustrie hinstellen, die an sich “von großartiger volkswirtschaftlicher und kultureller Bedeutung” ist. Diese Auswüchse haben ihren Grund im schlechten Geschmack des Publikums. Alle Reformer wollen sich in den Dialog zwischen Produktion und Publikum einschalten, nur der Jurist aber fordert den Eingriff der Staatsgewalt im Interesse einer Industrie, die, weil sie dem Publikumsbedürfnis nachgibt, in Verruf gerät. Zum Abschluß seiner Broschüre Schundfilms. Ihr Wesen, ihre Gefahren und ihre Bekämpfung von 1911, legt Hellwig ein Plädoyer für den Vorrang einer strengen Zensur gegenüber pädagogischen Bemühungen mit folgender Begründung ab:

Wir sahen, daß für diese beklagenswerten Auswüchse in letzter Linie zwar der schlechte Geschmack des Publikums verantwortlich zu machen ist, und daß es deshalb die beste Radikalkur wäre, wenn es gelänge, den Geschmack des Publikums so weit zu bilden, daß es an den schlechten Darbietungen der Kinematographentheater keinen Gefallen mehr fände[...] Wir mußten uns aber leider auch gestehen, daß, so probat dieses Mittel auch wäre, in der rauhen Wirklichkeit nicht daran zu denken wäre, daß auf diesem Wege dem Übel wirksam zu Leibe gegangen werden könne.[..] So dankenswert die Ermahnungen der Lehrerschaft, der Presse auch gewesen sind, so sicher ist es auch, [...] daß von wenigen Ausnahmen vielleicht abgesehen, erst die polizeilichen Maßnahmen die Mißstände wirklich bekämpft und zum guten Teil gebessert haben.168

[...]

Albert Hellwig, vor dem Krieg Jugendrichter in Berlin und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Zensurfrage, war auch noch zu Beginn der Weimarer Republik an der Diskussion um das neue Reichslichtspielgesetz beteiligt. Die Kontinuität der Zensurkonzeption in Deutschland, von der örtlichen Polizeizensur auf der Grundlage des Preußischen Allgemeinen Landrechts bis hin zur Freiwilligen Selbstkontrolle in der Bundesrepublik hat

[Seite 222]

u.a. Johanne [sic] Noltenius 1958 dargestellt und kritisiert: der von Anfang an formelle Begriff einer Präventivzensur steht dem “Kommunikationsgrundrecht” entgegen.169


164 W. Warstat, “Zwischen Theater und Kino”, in: Die Grenzboten, 71. Jg. 1912, Nr. 33, S. 483.

166 Vgl. Gerhard Dilcher, “Das Gesellschaftsbild der Rechtswissenschaft und die soziale Frage”, in: K. Vondung, Hg., Das wilhelminische Bildungsbürgertum, a.a.O., S. 53-66.

167 A. Hellwig, Schundfilms, a.a.O., S. 13.

168 A. Hellwig, Schundfilms, a.a.O., S. 133 f.

169 Johanne Noltenius, Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft und das Zensurverbot des Grundgesetzes, Göttingen 1958; vgl. auch Thomas Kreuder, “Ist die FSK verfassungswidrig? Bereits 1958 beantwortete Johanne Noltenius diese Frage mit Ja”, in: Frauen und Film, Heft 35, 1983, S. 78-87.

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahme bleiben ungekennzeichnet.

Der letzte Satz wurde nicht in die Zeilenzählung aufgenommen, da er das bei Schlüpmann wiedergegebene Originalzitat paraphrasiert.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

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