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Uo/Fragment 271 01

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Typus
BauernOpfer
Bearbeiter
Graf Isolan
Gesichtet
Yes.png
Untersuchte Arbeit:
Seite: 271, Zeilen: 1-31, 101-108, 110-115
Quelle: Ulrich 1993
Seite(n): 124, 125, Zeilen: 124:2-17.24-43 - 125:1
Die offizielle Diskussion über die psychischen Folgen der Verletzungen orientierte sich paradigmatisch an den Erfahrungen der zivilen Unfallgesetzgebung. Seit der „Entdeckung“ der traumatischen Neurose im Zusammenhang mit physisch nicht lokalisierbaren Folgen von Eisenbahnunfällen, beschäftigten sich die Gutachter immer wieder mit der Frage der Simulation bei Unfallopfern und der daraus resultierenden Bemessungsgrundlage für eine Rente. Der Vorwurf stand im Raum, das Opfer kultiviere sein Nervenleiden, um in den Genuss der Rente zu kommen oder sie nicht zu verlieren. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es die Diagnosen „Rentenhysterie, Rentenneurose oder Rentenpsychose“, mit denen die „Krankheitswürde“ psychischer Unfallfolgen in Frage gestellt wurde. Angesichts tausender traumatisierter Opfer während des Weltkriegs wurden derartige Diagnosen zu einem wesentlichen Motivationsfaktor für die teils äußerst brutalen „Heilverfahren“.65 Nun konnte bei den Schwerstkriegsverletzten nicht geleugnet werden, dass keine Simulation vorlag. Es wurde jedoch als „Rentenfurcht“ gekennzeichnet, wenn Anordnungen zur Übung und Hebung der Erwerbsfähigkeit nicht genutzt wurden aus der Befürchtung, die Rente würde entweder zu gering ausfallen oder sogar gekürzt werden.66 Die Hilflosigkeit der Opfer wurde schon im Lazarett genutzt. Sie durften nicht allzu sehr „verwöhnt und verzärtelt“ werden, um das Bewusstsein ihrer Hilflosigkeit nicht noch zu verstärken. Außerdem sollte „energischer Zuspruch [...] alle Nachdenklichkeit, Scheelsucht, alles Bewusstsein der Beeinträchtigung im Keime“ ersticken, ganz im Sinne von Biesalski. Dieser hatte die Formel vom „eisernen Willen“ geprägt, „für den Verstümmelten die beste Prothese“.67 Bei diesen Bemühungen sollte auch die „mütterliche deutsche Frau“ helfen, wenn der verstümmelte Ehemann oder Sohn nach Hause kam. Sie sollte jegliche Verwöhnung unterlassen, da derlei nur die „bösen Geister des Selbstbedauerns“ wecke. Wenn nicht ohnehin die wirtschaftliche Notlage nach der Entlassung aus dem Militärdienst zum Nebenerwerb zwang, war nach Auffassung der Sozialtechniker nur so die „Rentenangst“ in den Griff zu bekommen.68 Allerdings blieb die Frage strittig, ob für die Opfer ein langer Aufenthalt in den Lazaretten und Lehrwerkstätten empfehlenswert war. Im Allgemeinen herrschte dort ein militärischer Umgangston, der die Beein[flussung erleichterte.]

65 Vgl. Esther Fischer-Hornberger: Die traumatische Neurose. Vom somatischen zum sozialen Leiden, Bern, Stuttgart, Wien 1975.

66 Landesrat Horion: Die Rentenfurcht der Kriegsbeschädigten, in: ZfK, 9. Jg. (1916/17), S. 164-168, hier S. 165; vgl. Ulrich: Behandlung der Kriegsopfer, in: Keiner fühlt sich, hrsg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, 1993, S. 124.

67 Vgl. zur Bedeutung des „Willens“ im öffenlichen [sic] Diskurs über die Durchhaltestrategien: Fischer-Hornberger: traumatische Neurose, 1975; Ulrich: Nerven und Krieg, in: Annäherungsversuche, hrsg. von B. Loewenstein, 1992.

68 Daniel: Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, 1989, S. 241-249; W. Schlüter, Gewöhnung und Verwöhnung in der Kriegsbeschädigtenfürsorge. Ein Wort an die deutsche Frau, in: ZfK, 9. Jg. (1916/17), S.72-76, hier S. 73 u. S. 76.

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Parallel zu dieser, vor aller sozialen Fürsorge primär arbeitsorientierten Behandlung der „Krüppel", verlief die offizielle Diskussion über die psychischen Folgen der Verletzungen. Sie orientierte sich paradigmatisch an den Erfahrungen der zivilen Unfallgesetzgebung. Seit der „Entdeckung" der traumatischen Neurose im Zusammenhang mit physisch nicht lokalisierbaren Folgen von Eisenbahnunfällen, beschäftigten sich vor allem die als Gutachter für staatliche und private Versicherungen tätigen Ärzte immer wieder mit der Frage nach etwaigen Simulationen der Unfallopfer bzw. mit den daraus resultierenden Bemessungsgrundlagen für die Rente. Der Vorwurf, das Opfer kultiviere sein Nervenleiden, um in den Genuß der Rente zu kommen oder sie nicht zu verlieren, stand im Raum und führte schließlich mit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Diagnose „Rentenhysterie, Neurose oder Psychose." Allesamt Begriffe, mit denen die „Krankheitswürde" psychischer Unfallfolgen abgestritten werden sollte. Sie wurden endlich während des Weltkriegs - angesichts Tausender von traumatisierten Opfern — zu einem wesentlichen Motivationsfaktor für die teils äußerst brutalen „Heilverfahren."28 Nun konnte bei den schwerst Kriegsverletzten nicht geleugnet werden, daß Simulation nicht vorlag. [...] Dies wurde dann gemeinhin als „Rentenfurcht" gekennzeichnet.29 Der aber galt es zu begegnen. Die durch die Verletzungen entstandene Hilflosigkeit der Opfer mußte noch im Lazarett genutzt werden. Zum einen durften sie nicht allzu sehr „verwöhnt und verzärtelt" werden, um das Bewußtsein ihrer Hilflosigkeit nicht noch zu vermehren, zum anderen sollte „energischer Zuspruch [...] alle Nachdenklichkeit, Scheelsucht, alles Bewußtsein der Beeinträchtigung im Keime" ersticken, ganz im Sinne der von Biesalski schon früh geprägten Formel vom „eisernen Willen", der geweckt werden mußte; er wäre schließlich „für den Verstümmelten die beste Prothese."30

Bei diesen Bemühungen sollte auch die „mütterliche deutsche Frau" helfen, wenn der verstümmelte Ehemann oder Sohn nach Hause kam. Das Bereiten von Lieblingsspeisen, „Leckerworte" wie, „daß er nun reichlich genug gelitten habe, daß er es nun sich bequemer machen dürfe, daß es vor allem eine harte Zumutung sei, wenn man Arbeit von ihm verlange", - derlei wecke nur „die bösen Geister des Selbstbedauerns". Nur so, wenn nicht ohnehin die wirtschaftliche Notlage nach der Entlassung aus dem Militärdienst zum Nebenerwerb zwang -, war die „Rentenangst" nach Auffassung der Sozialtechniker in den Griff zu bekommen.31 Die Frage war allerdings — und sie wurde während des Krieges nie eindeutig entschieden —, ob sich ein langer Aufenthalt für die Opfer in den Lazaretten und Lehrwerkstätten empfahl. Zwar herrschte dort im

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allgemeinen ein militärischer Umgangston, der die Beeinflussung erleichterte, [...]


29 Landesrat Horion, Die Rentenfurcht der Kriegsbeschädigten, in: ZfK, 9 (1916/17), S. 164-168, hier S. 165. Der Verfasser räumt immerhin ein, daß die Befürchtung, die Rente könne gekürzt werden „durchaus berechtigt" ist (S. 165).

30 W. J. Ruttrnann, Psychologische und pädagogische Fragen der Invalidenfürsorge, in: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik, 14 (1915), S. 459-463, hier S. 461f. Vgl. zur Bedeutung des „Willens" im öffentlichen Diskurs über die Durchhaltestrategien: Fischer-Hornberger, Die traumatische Neurose; Ulrich, Nerven und Krieg.

31 W. Schlüter, Gewöhnung und Verwöhnung in der Kriegsbeschädigtenfürsorge. Ein Wort an die deutsche Frau, in: ZfK, 9 (1916/17), S.72-76, hier S. 73, S. 76. An die Geistlichen beider Konfessionen ergingen ähnliche Aufrufe, vgl.: H. Lüttjohann, Die Aufgaben des Seelsorgers in der Kriegskrüppelpflege, in: ZfK (Beilage zur ZfK), 8 (1915/16), S. 31-34. Vgl. auch: Landesrat Horion, Schwierigkeiten bei der Berufsberatung Kriegsbeschädigter, in: ZfK, 10 (1917/18), S. 58-63.

33 Vgl.: M. Bloch, Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers, München 1985, S. 83ff; U. Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989, S. 241-249; so generell wie anregend zum Gerücht in der Geschichte: U. Raulff, Clio in den Dünsten. Über Geschichte und Gerüchte, in: Merkur, 44 (1990), Heft 6, S. 461fF. [sic] Zur zeitgenössischen Beschäftigung mit dem Thema vgl. u. a.: E. Stransky, Zur Psychologie der Legendenbildung im Felde, in: Die Umschau, 20 (1916), Bd. 2, S. 961-965.

Anmerkungen

Art und Umfang der Übernahme bleiben ungekennzeichnet.

Die Übereinstimmungen der Fußnote in Zeilen 101-104 ist in Uo/Fragment_270_01 dokumentiert.

Sichter
(Graf Isolan) Schumann

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